Nachgefragt / 14.06.2016

Herausforderung Lebensstil

Heute sterben nicht mehr so viele Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie bis zu den achtziger Jahren. Wie die Rehabilitation ihren Teil dazu beiträgt und neue Probleme die Reha nicht einfacher machen, erklärt Dr. Wolfgang Mayer-Berger, Ärztlicher Direktor der Klinik Roderbirken der Deutschen Rentenversicherung Rheinland, am Rande des 25. Reha-Kolloquiums.

Sprechstunde beim Arzt – Bildnachweis: wdv © F.Blümler

Wie haben sich die Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten entwickelt?

Dr. Mayer-Berger: Die Todesfälle infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind seit den achtziger Jahren zurückgegangen. Zuerst bei den Männern. Bei den Frauen haben sie damals noch zugenommen, weil sie Mitte der achtziger und in den neunziger Jahren beim Zigarettenrauchen noch stark aufgeholt haben. Aber seit Mitte der neunziger Jahre haben wir in Deutschland etwa ein Drittel weniger Todesfälle – bei Frauen und Männern – infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, in den USA etwa die Hälfte weniger.

Was waren die entscheidenden Faktoren für diese Entwicklung?

Dr. Mayer-Berger: Aus Deutschland haben wir zu den Ursachen leider keine belastbaren Untersuchungen, aber aus Norwegen und den USA liegen uns entsprechende vergleichbare Studien vor. Danach ist ein allgemeiner Rückgang bei Risikofaktoren festzustellen: Weniger Cholesterin, niedrigerer Blutdruck, weniger Rauchen – das macht allein schon etwa 50 Prozent des Erfolgs aus. Die modernen Entwicklungen im Krankenhaus – zum Beispiel Ballonerweiterung von Gefäßen und Bypass-Operationen – tragen ebenfalls dazu bei. Doch diese Faktoren spielen beim Rückgang der Sterbefälle wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine geringere Rolle.

Der unerfreuliche Trend: Wir wissen noch nicht, wo die Reise hingeht. Übergewicht, Bewegungsmangel und Zuckerkrankheit nehmen zu. Fachleute vermuten, dass auch die Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Todesfälle in diesem Zusammenhang wieder zunehmen könnten. Diese Faktoren sind lebensstilabhängig, nicht realistisch medikamentös behandelbar. Hier ist eine Änderung des Lebensstils entscheidend.

Welche Rolle spielen dabei die jährlichen Reha-Kolloquien?

Dr. Mayer-Berger: Das Thema Risikofaktoren hat bei den Kolloquien immer eine Rolle gespielt, aber eher am Rande. Die sozialwissenschaftlichen Faktoren standen stärker im Vordergrund. Ich würde es begrüßen, wenn die Reha-Kolloquien künftig neben den psychologisch-sozialen auch körperliche Faktoren stärker berücksichtigen würden, vor allem deren Verknüpfung. Auch Pfleger und Therapeuten sind bei den Kolloquien noch zu wenig vertreten. Dabei werden deren Aufgaben immer wichtiger: Viele Reha-Patienten müssen noch postoperativ behandelt, ihre Wunden nach recht kurzer Zeit in der Akutklinik noch versorgt werden. Dabei geht es auch um resistente Keime. Es lohnt sich, diesen Sektor genauer anzusehen und hier gezielt Forschungsprojekte zu fördern.

Welche Fragen stehen heute bei der Reha nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Vordergrund?

Dr. Mayer-Berger: Inzwischen machen die Anschlussrehabilitationen oder AHBs in den kardiologischen Reha-Zentren etwa 60 bis 80 Prozent aller Fälle aus. Diese Entwicklung weg von der traditionellen Kur ist stark forciert worden. Die Anschlussrehabilitation nach einem Herzinfarkt oder einer Herzoperation spätestens zwei Wochen nach Entlassung aus der Akutklinik wird nach einem standardisierten Verfahren direkt durch die Akutklinik beantragt. Zur medizinisch-beruflichen Rehabilitation oder MBOR, die den Akzent auf die berufliche Wiedereingliederung legt, gibt es noch wenig Forschung.

In der Kardiologie spielt inzwischen der psychische Aspekt eine wachsende Rolle. Viele Patienten sind schwer erkrankt, tragen Geräte wie Defibrillatoren. Viele der schwer Kranken haben früher gar nicht überlebt; heute überleben sie und müssen damit zurechtkommen.

Bei Patienten mit dem Metabolischen Syndrom, Bewegungsmangel und/oder Zuckerkrankheit stellen wir auch eine Verschiebung hin zu jüngeren Jahrgängen fest. Wir mussten jetzt in Roderbirken zwei Ergometer für Patienten über 200 Kilo anschaffen. Unsere regulären Ergometer sind nur bis 140 kg zugelassen. Das sind natürlich Hochrisikopatienten - das wird eine der Herausforderungen der nächsten 40 bis 50 Jahre.

Eine weitere Herausforderung: Viele jüngere Diabetiker mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Raucher. In den USA sind es 37 Prozent, bei uns ist es wahrscheinlich ähnlich. Sie benutzen das Rauchen als Appetitzügler, aber das führt natürlich zu einer Akkumulation der Probleme. Auch deshalb widmen wir uns dem Thema Rauchen mit besonderem Engagement.

Wie hat sich die Nachsorge nach der Reha bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt?

Dr. Mayer-Berger: Nachsorge ist für uns eines der ganz wichtigen Themen. Die niedergelassenen Ärzte können das nicht leisten. Nach den drei oder vier Wochen im geschützten Raum der Reha ist der Wechsel für viele Patienten zu heftig: Wer aus der Reha nach Hause kommt, fühlt sich oft noch nicht gut. Dann bricht die Hektik des Alltags wieder über ihn oder sie herein: die Arbeit geht weiter, der Hausarzt hat keine Zeit, dazu kommen soziale Sorgen. Sie werden vom Alltag wieder eingeholt, mit dem Rucksack ihrer Krankheit auf dem Rücken.

In dieser Situation ist Beratung durch Telefonate hilfreich – eine Mischung aus Ermunterung und Disziplinierung. Häufig reicht das aus, damit sie sich unterstützt fühlen. Ein dreimonatiges Beratungsprogramm ist dafür sehr kurz. Bei dieser Gruppe wäre oft eine Unterstützung über längere Zeit und auf persönlicher Basis hilfreich. Unsere Studien haben gezeigt, dass ein bis drei Jahre sicher nicht bei allen nötig sind, aber bei bestimmten Patienten sehr hilfreich wären. Ein Jahr und mehr wäre sinnvoll, denn es geht hier um Lebensstiländerungen, und das sind langfristige Prozesse.

Seit einigen Jahren engagiert sich die Rentenversicherung auch in der Prävention. Wie setzen Sie die Prävention in Roderbirken praktisch um?

Dr. Mayer-Berger: Wir sind bei der Prävention an dem Projekt „Plan Gesundheit“ beteiligt, das ist eine auf fünf Jahre angelegte Kooperation mit Krankenkassen, der Industrie und Betriebsärzten. Die betriebliche Prävention steht im Fokus. Für die Rentenversicherung ist das ein Superthema, man kann über die Betriebsärzte die entsprechenden Patienten ansprechen. „Präventionsmanager“ können nachhaken und eine ordentliche Zahl an Teilnehmern hat inzwischen teilgenommen.

„Plan Gesundheit“ wird auch wissenschaftlich begleitet. Schwierig wurde es, als es um die Organisierung von Schichtarbeitern ging. Inzwischen sind 25 bis 30 Prozent der Arbeitnehmer in Schichtdiensten tätig. Unter ihnen sind gesundheitliche Risiken wie Diabetes und Übergewicht statistisch stärker vertreten. Auch deshalb ist das eine wichtige Zielgruppe. Ich hoffe, dass es für solche Konzepte dann auch Geld gibt. Über Krankenkassen und Rentenversicherung erhalten wir Zugang zu den nötigen Daten. Nachholbedarf sehe ich noch bei den Klein- und Mittelbetrieben.

Mehr zum Thema

  • www.plangesundheit.de
    Regionale Kooperation „Plan Gesundheit“ zum Thema Prävention
  • www.thieme-connect.de
    Zeitschrift „Rehabilitation“. M. Redaelli u.a.: Kosteneffektive Langzeitnachsorge in der kardiovaskulären Rehabilitation: Fünf-Jahres-Follow-up der SeKoNa-Studie (kostenpflichtig)
  • www.klinik-roderbirken.de
    Klinik zur Rehabilitation nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen der Deutschen Rentenversicherung Rheinland

Autor

Dr. Friedrich Müller