Rente / 05.12.2022

Hinzuverdienstgrenze fällt: Wie Rentner davon profitieren

Frührentner dürfen von 2023 an unbegrenzt dazuverdienen. Wer davon profitiert, was das in Euro und Cent bringt – die ersten Berechnungen im Überblick.

Ältere Frau arbeitet im Homeoffice an ihrem Notebook und telefoniert. Bild: IMAGO / penofoto

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Vielleicht haben Sie auch schon daran gedacht: Weiterarbeiten und zugleich die Rente kassieren, ohne dass diese mit dem Verdienst verrechnet wird. Von 2023 gibt es für die vorgezogene Altersrente keine Grenzen mehr: Ruheständler dürfen schon vom 63. Lebensjahr an unbegrenzt Haupt- oder Nebeneinkünfte beziehen, ohne dass von der Rente deshalb weniger übrigbleibt. Nun zeigen erste Berechnungen: Unterm Strich kann dies Erwerbstätigen, die vorzeitig in Rente gehen können, mehrere zehntausend Euro an Rente zusätzlich bringen – die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was soll sich von 2023 an beim Hinzuverdienst ändern?

2022 dürfen Frührentner wegen der Corona-Pandemie bis zu 46.060 Euro hinzuverdienen. Diese Obergrenze soll nun vom neuen Jahr an komplett wegfallen, um dem Arbeits- und Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Unbegrenzt hinzuverdienen, egal ob als Arbeitnehmer oder als Selbständiger – das war bislang nur Rentnern erlaubt, die nicht vorzeitig, sondern mit Erreichen ihrer Regelaltersgrenze in den Ruhestand gehen. Dieses reguläre Renteneintrittsjahr liegt seit Einführung der „Rente mit 67“ je nach Geburtsjahrgang zwischen dem 65. und 67. Lebensjahr.

Welche Vorteile hat es, eine Frührente mit einem Job zu kombinieren?

Es gibt vor allem drei Vorteile:

1. Doppeltes Einkommen

Wer zum Beispiel Anspruch auf eine vorzeitige Altersrente nach mindestens 35 Versicherungsjahren haben wird, kann sich jetzt überlegen, als sogenannter „langjährig Versicherter“ mit frühestens 63 in den Ruhestand zu gehen – und weiterzuarbeiten. Es gibt dann die Rente plus Arbeitsverdienst, also quasi ein doppeltes Einkommen, und das je nach Alter des Versicherten bis zu vier Jahre lang, jedenfalls bei einem vorzeitigen Renteneintritt mit 63 und einem eigentlich vorgesehenen Beginn der Rente mit 67.

2. Höhere Rente

Wer als Frührentnerin oder Frührentner weiterarbeitet, sammelt weiter Rentenpunkte. Sobald das reguläre Rentenalter erreicht ist, zahlt sich dies in einer höheren Rente aus. Unser Rechenbeispiel: Ein Hinzuverdienst von 2000 Euro pro Monat würde nach vier Jahren eine zusätzliche Rente von rund 89 Euro bringen.

3. Erstattung von Beiträgen zur Krankenversicherung

Die Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung liegt derzeit bei monatlich 4837,50 Euro, im nächsten Jahr bei 4987,50 Euro monatlich. Die Grenze gilt auch für Frührentner mit Zusatzverdienst.

Verdienen Sie also zum Beispiel monatlich rund 5000 Euro brutto, haben Sie den Höchstbeitrag bereits überschritten – für Ihre Frührente müssen Sie dann keinen Krankenversicherungs- und Pflegebeitrag mehr zahlen. Da dieser aber automatisch von der Bruttorente abgezogen wird, zahlt die Krankenversicherung zu viel bezahlte Beiträge nachträglich zurück. In der Regel sollte das einmal im Jahr geschehen, aber nur nach Einreichen eines Antrags auf Rückzahlung.

Nachteil: Wenn Sie Ihre volle Altersrente beziehen, haben Sie nach geltendem Recht keinen Anspruch auf Krankengeld mehr. Auch der Anspruch auf Arbeitslosengeld verfällt. Der Wegfall von Kranken- und Arbeitslosengeld könnte bei einer Langzeiterkrankung aus finanzieller Sicht schwere negative Folgen haben. Um diese Folgen zu vermeiden, kann die Teilrente von beispielsweise 90 Prozent der Vollrente ein Ausweg sein.  

Wie viel bringt die Kombi Frührente plus Hinzuverdienst?

Der Finanzmathematiker und Rentenexperte Werner Siepe hat diese Berechnungen vorgelegt:

  • Ein langjährig Versicherter geht Anfang 2023 mit 63 Jahren in Frührente. Sie oder er hat 40 Jahre lang auf dem Niveau eines Durchschnittsverdieners Einkommen bezogen. Heraus kommt dabei eine Bruttorente von 1440,80 Euro.
  • Davon ist aber der sogenannte Rentenabschlag abzuziehen. Dieser wird für diejenigen fällig, die vorzeitig in Rente gehen. Er beläuft sich auf 0,3 Prozent der Rente je Monat, mit der die Rente früher beginnt.
  • Für Jahrgang 1960 beläuft sich das reguläre Eintrittsalter auf 66 Jahre und vier Monate, macht insgesamt 12 Prozent weniger Rente oder 172,90 Euro Rente monatlich weniger. Die Rente liegt brutto also nur mehr bei 1267,90 Euro.
  • Unterm Strich bringt der frühe Eintritt in die Rente aber eine Menge Geld, nämlich mehr als 15.000 Euro pro Jahr. Diese 15.000 Euro summieren sich nach drei Jahren und vier Monaten auf immerhin rund 50.000 Euro. Beim Jahrgang 1967 wären es sogar rund 60.000 Euro, weil es dann vier Jahre lang bis 67 die vorgezogene Rente gibt.

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Warum hat die Rechnung einen Haken?

Auch wenn das Kombimodell verheißungsvoll ausschaut, sollten Sie sich das nicht zu schönrechnen. Ehrlich gerechnet, müssen Sie bedenken, dass die Rentenabschläge bis zum Tod die Rente verringern. Im Durchschnitt leben Neurentner noch 20 Jahre, solange bekommen sie auch Ihre Rente. Geht man davon aus, dass die Abschläge 20 Jahre lang abgezogen werden, sieht die Rechnung nicht mehr ganz so erfreulich aus:

  • Für den Musterfall mit Jahrgang 1960 beläuft sich die Summe der Rentenabschläge über 20 Jahre dann auf fast 42.000 Euro. Bleibt unterm Strich aber immer noch ein Rentenplus von rund 8000 Euro übrig (Rentenplus 50.000 Euro minus Abschläge).
  • Bei dem Musterfall mit Jahrgang 1964 betragen die Abschläge über die 20 Jahre gut 51.000 Euro, es bleiben dann rund 9000 Euro übrig (Rentenplus 60.000 Euro minus Abschläge).

Es gibt allerdings die Möglichkeit, die Abschläge durch freiwillige Sonderzahlungen in die Rentenkasse auszugleichen. Wer sich das leisten kann und getan hat, profitiert natürlich viel stärker von der Kombi Rente plus Arbeit.    

Wann lohnt sich es sich noch mehr, Frührente und Hinzuverdienst zu kombinieren?

Wer 45 Versicherungsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung vorweisen kann, genießt bei einem früheren Eintritt in den Ruhestand besondere Vorzüge. Diese sogenannten „besonders langjährig Versicherten“ dürfen zwei Jahre vor Erreichen ihres regulären Renteneintrittsalters abschlagsfrei in Rente gehen. Beispiel: Eine Versicherte mit 45 Beitragsjahren und Jahrgang 1960 darf bereits mit 64 Jahren und vier Monaten in Rente gehen – ohne Abschläge, also zwei Jahre vor Erreichen ihrer Regelaltersgrenze von 66 Jahren und vier Monaten.

Für diese Gruppe der besonders langjährig Versicherten lohnt sich die Kombi Rente plus Hinzuverdienst besonders. Finanzmathematiker Siepe hat ausgerechnet: Das Rentenplus steigt für die Frührentner eines Jahrgangs von 1960 bis 1964 und mit 45 Versicherungsjahren auf rund 30.000 Euro, sofern sie vorher wie der Durchschnitt verdient haben.

Wie sieht die Rechnung bei Gutverdienern aus?

Wer lange Jahre über dem Durchschnitt verdient hat und entsprechend höhere Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt hat, bekommt auch eine höhere Rente. Solche Gutverdiener müssen als Frührentner mit weniger als 45 Versicherungsjahren natürlich auch ein Leben lang Abschläge in Kauf nehmen. Ihr Rentenplus ist aber nach den Berechnungen von Siepe unterm Strich höher als bei Durchschnittsverdienern.

Für vier vorgezogene Jahre können sie je nach Jahrgang und Verdienst durchaus Beträge von um die 20.000 Euro einstreichen. Für Versicherte mit 45 Beitragsjahren und ohne Abschläge können für zwei vorgezogene Jahre sogar 45.000 Euro an zusätzlichen Rentenzahlungen zusammenkommen. Und für Spitzenverdiener, die jedes Jahr 1,8mal so viel wie der Durchschnitt verdient, entsprechend Rentenansprüche gesammelt und 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben, kann sich das endgültige Rentenplus sogar auf mehr als 50.000 Euro belaufen.

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Autor

Thomas Öchsner