Rente / 30.04.2021

„Individuelle Rentenabschläge besser als Kürzungen für alle“

Wissenschaftler: Für die Alterssicherung sind Abschläge auf vorzeitig genutzte Renten pauschalen Rentenminderungen vorzuziehen.

Bild zum Beitrag "Renten: Individuelle Abschläge sind besser als Kürzungen für alle". Das Bild zeigt einen Stapel Münzen auf einem Dokument, daneben liegt ein Taschenrechner.

Berlin/Bad Homburg (sth). Die kommenden Jahrzehnte werden für die Alterssicherungssysteme in Deutschland eine enorme Herausforderung. In dieser Einschätzung sind sich Fachleute aus Wissenschaft, Politik und in der Rentenversicherung einig. Grund ist die in den kommenden Jahren deutlich steigende Zahl von Beschäftigten, Beamten und Selbstständigen, die in den Ruhestand treten. Schätzungen zufolge werden etwa zwölf Millionen sogenannte Babyboomer spätestens Anfang der 2030er-Jahre den Beruf an den Nagel hängen und auf die Seite der Rentnerinnen und Rentner wechseln.

Zugleich werden dauerhaft deutlich weniger junge Beschäftigte auf den Arbeitsmarkt drängen, um mit ihren Rentenbeiträgen die Ruhestandsbezüge der Senioren zu finanzieren. Selbst eine weiterhin starke Zuwanderung von Arbeitsuchenden aus dem Ausland wird nach Ansicht von Expertinnen und Experten nicht ausreichen, um das derzeitige Rentenniveau von etwa 49 Prozent langfristig zu sichern. Erst in der vergangenen Woche machten fünf Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Frühjahrsprognose deutlich, dass nur ein weiter steigendes Rentenalter die durch den demografischen Wandel erwarteten wirtschaftlichen Probleme Deutschlands „mildern“ könne.

Wissenschaftler suchen nach Auswegen bei der Finanzierung

Da das Rentenniveau inzwischen bis 2025 gesetzlich bei mindestens 48 Prozent und der Beitragssatz bei höchstens 20 Prozent stabilisiert wurden, sei bei diesen Stellschrauben des Rentensystems der Spielraum für Reformen derzeit „deutlich eingeschränkt“, heißt es jetzt in einer Studie der Berliner Wissenschaftler Timm Bönke und Holger Lüthen, die in der Fachzeitschrift „RVaktuell“ veröffentlicht wurde. Um dem wachsenden Ausgabendruck in der Rentenversicherung effektiv zu begegnen, müsse man deshalb für die Zukunft entweder über pauschale Rentenkürzungen – etwa durch geringere jährliche Rentenerhöhungen – oder über die Höhe der Abschläge bei vorzeitigem Rentenbeginn nachdenken. Der Unterschied zwischen diesen Möglichkeiten: Während von Rentenkürzungen alle Rentnerinnen und Rentner betroffen wären, richte sich die Höhe von Abschlägen nach dem individuellen Renteneintrittsalter, so Bönke und Lüthen.

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler ein „Rentenzugangsmodell“ entwickelt, das die Entscheidung von Menschen erklärt, zu welchem Zeitpunkt zwischen dem 63. und 65. Lebensjahr sie in Rente gehen. So sei ein Rentenbeginn vor 65 „zwar mit Freizeitgewinn verbunden, geht aber auf Kosten des Erwerbseinkommens, der Rentenanwartschaften sowie der Möglichkeit, zusätzliches privates Vermögen anzusparen“, heißt es in dem Konzept von Bönke und Lüthen. Das Fazit ihrer Modellrechnungen: Abschläge auf Frührenten seien gegenüber pauschalen Rentenkürzungen „klar vorzuziehen“. Sollte die demografische Entwicklung weitere Einsparungen in der Rentenversicherung erforderlich machen, stelle eine „Erhöhung der Abschläge zumindest das schonendere Mittel dar“, schreiben die Forscher. 

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Autor

Stefan Thissen