Aktuell beleuchtet / 27.06.2016

Jungs – was wird aus euch werden?

Bei einer Tagung in der Edelsteinklinik ging es um Jungen ohne Väter. In ihren Schwierigkeiten, erfolgreich eine Reha abzuschließen, äußert sich ein Problem der ganzen Gesellschaft.

Eine Physiotherapeutin taped das Knie eines Jungen. Bildnachweis: Getty Images © Andersen Ross

Bruchweiler (fm). Über der Förderung der Mädchen in Familie, Schule und Arbeitswelt werden oft die Jungen vergessen. Über die Folgen informierte eine Fachtagung der Edelsteinklinik Bruchweiler in Kooperation mit dem Viktoria-Stift Bad Kreuznach zu der die Geschäftsführerin der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz vor Kurzem rund 100 Gäste begrüßte. Beide Einrichtungen sind auf Kinder- und Jugendrehabilitation spezialisiert. 

Fehlender Vater schmerzt ein Leben lang

Früher waren es die Kriegskinder, die ohne Vater aufwuchsen. Heute sind es die Scheidungskinder. „Der kriegsbedingte Vaterverlust führt zu Langzeiteffekten“, erklärte Professor Matthias Franz eine Langzeitstudie, deren Ergebnisse die Wissenschaftler anfangs selbst nicht glaubten. „Die Kinder des Krieges, die in den ersten sechs Jahren nicht den Vater bei sich hatten, waren psychosomatisch benachteiligt. 50 Jahre später sind noch die Langzeiteffekte festzustellen: ein 2,5-fach erhöhtes Risiko psychisch auf Dauer zu erkranken.“

Eine zweite Studie bestätigte: Depressive Symptome, Ängstlichkeit, Beziehungsstörungen waren hochsignifikant, wenn der Vater fehlte. „Der fehlende Vater tut ein Leben lang weh.“

Heute sind es Scheidungen der Eltern, die jährlich 160.000 Kindern den Vater nehmen. Etwa 18 Prozent aller Kinder leben in einer Ein-Eltern-Familie. Die Armutsquote unter alleinerziehenden Müttern ist mit 39 Prozent Hartz-IV-Empfängern hoch, 43 Prozent von ihnen arbeiten voll. „Da wird viel schöngeredet, aber für viele heißt „alleinerziehen“ Armut, Abstieg und Verlust sozialer Unterstützung. Sie leiden fast immer deutlich stärker an Erkrankungen, rauchen doppelt so häufig, haben ein dreifach erhöhtes Risiko für Depression und Suizid. Die Hälfte dieser Frauen sind auch noch nach acht Jahren alleinerziehend."

Unausgesprochene Schuldgefühle und Einsamkeit seien eine der Voraussetzungen für Depression. Alleinerziehend ohne Bezugsperson für das Kind und arm – diese Kombination berge das höchste Risiko. Und je depressiver die Mutter, desto stärker sei ADHS ausgeprägt - das Kind ringt um die Aufmerksamkeit der Mutter.

Alleinerziehenden früh ein Angebot machen

Das heißt nicht, dass das jeder Ein-Eltern-Familie passiert, ergänzte der Experte. „Die Risiken liegen dort, wo die elterlichen Kompetenzen fehlen, wo Gewalt im Spiel ist.“ Hier gelte es, Alleinerziehenden möglichst früh ein Angebot zu machen, das den Müttern hilft. „Ziele sind die Reduktion der mütterlichen Depressivität, die Stärkung der Feinfühligkeit für die Bedürfnisse des Kindes, für das Lesen seiner Signale.“ In Kooperation mit der Deutschen Rentenversicherung Rheinland und der Klinik Gengenbach habe man mit dem Elterntraining „wir2“ gute Erfahrungen gemacht.

Vom Blümchen zum Kaktus

In die Welt des Erwachsenwerdens führte der Vortrag von Dr. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt, ein: „Aus dem kleinen, anschmiegsamen Blümchen wird ein stacheliger Kaktus“, in einem außerordentlich komplexen Wechselspiel von Anlage und Umwelt, das vielen Eltern oft Angst mache. Büsching selbst zeigte „hohe Achtung vor der Entwicklungsleistung der allermeisten Jugendlichen“. Erwachsene bekämen angesichts dieser Aufgaben Panik: die körperlichen Veränderungen und Änderung des eigenen Aussehens akzeptieren, die Geschlechtsrolle übernehmen, emotional sich von den Eltern abnabeln, die eigene Autonomie entwickeln, einen Freundeskreis aufbauen, reife Beziehungen entwickeln sowie - das ist neu - sich Medienkompetenz aneignen. „Kommt eine chronische Erkrankung dazu, greift dies in alle Prozesse ein und macht die Entwicklungsaufgaben um vieles schwieriger.“

Wie schaffen es die Jugendlichen, mit belastenden Situationen, Trennungen, Verlusten oder Ängsten erfolgreich umzugehen? Resilienz nennen Wissenschaftler diese biologischen, psychischen und intellektuellen Fähigkeiten. Sie bilden das soziale Kapital, gemeinsam mit Erziehungsvorstellungen, sozioökonomischem Status und Wohnverhältnissen. Dazu die Familie, Nachbarn, Schule oder die Peer Group - sie alle helfen dabei, mit Krankheiten leichter fertig zu werden. Dazu kommen therapeutische Maßnahmen. „Aber wir brauchen viel mehr sozial- und gesundheitspolitische Maßnahmen“, fordert Büsching. „Das ist mit therapeutischen Maßnahmen allein nicht zu erreichen.“

Einblick in ihren Gedankenpalast

Lange wurde über die Jugend geredet, nach den vier Workshops kam sie aufs Podium: 13 jugendliche Rehabilitanden aus der Edelsteinklinik, um den Zuhörern "einen kleinen Einblick in ihren Gedankenpalast" zu bieten, wie Dr. Arthur Günthner einführte. Mit den Worten „Die waren alle mal in eurem Alter“, stellte Günthner den jungen Leuten ihr Publikum vor.

Ihre Themen sind die Themen aller zwischen zwölf und 20: Den richtigen Beruf finden, vielleicht mit einem Praktikum, sich nicht allzu sehr an den Traumberuf klammern, auch ohne Hilfe der Eltern zurechtkommen, einen Freund oder eine Freundin finden, sich mit dem verhassten Bewerbungsfoto abfinden, sich motivieren für Bildung und Ausbildung, das eigene Konto, die eigene Wohnung. Eine gelungene Form der Podiumsdiskussion, weil die Gruppe, um die es geht, selbst zu Wort kam, aus ihrer Sicht unterhaltsam und durchaus witzig zu erzählen wusste. 

Jugendspezifische Medienkultur

Zum dritten Vortrag des Tages von Dr. Dirk Dammann wurden die Jugendlichen gleich eingeladen, sitzenzubleiben. Es war ja ihr Thema: Jugendspezifische Medienkultur. Wie mit einem Turbo haben sich die elektronischen Medien die Gesellschaft unterworfen. Ab 14 Jahren steht heute die Smartphone-Vollversorgung. „Diese Entwicklung gleicht einer Revolution – die Verlängerung des Arms, um mit jemand in Kontakt zu treten und gleichzeitig noch Emotionen auszudrücken“, erklärt Dammann.

Die grenzenlosen Möglichkeiten der elektronischen Medien sind bekannt, Dammann beschreibt deren Schattenseiten, besonders die Auswirkungen auf die junge Generation. Computer sind in der Lage, süchtig zu machen. Smartphones machen unproduktiv, Schlafstörungen und abhängig. 4,3 Prozent der Mädchen und 15,8 Prozent der Jungen sind internetabhängig. 

Aufmerksamkeitsentzug durch Smartphone

Was passiert, wenn sich eine Mutter mit ihrem Smartphone, nicht mehr mit ihrem Kleinkind beschäftigt, zeigte ein eingespieltes Filmbeispiel drastisch: 120 Sekunden, in denen sie ihr Kind plötzlich ignoriert, nicht mehr auf seine Blicke, sein Lächeln, seine Gesten reagiert. Das Baby wird heftiger, brüllt schließlich verzweifelt, um die Mutter auf sich aufmerksam zu machen. Laut Dr. Dammann bietet solcher Zuwendungsentzug für die Kleinkinder die Voraussetzungen, psychiatrisch hochauffällig zu werden. 

Kinder und Jugendliche haben keine Lobby

Die Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz hat mit dieser Tagung ein Thema aufgegriffen, das unserer ganzen Gesellschaft auf den Nägeln brennen müsste. An unserer Jugend liegt es nicht. Für Dr. Dirk Dammann sind „Jungen nicht weniger Intelligent, unsere Ausbildungssysteme sind schlicht etwas mehr auf Mädchen ausgerichtet als auf Jungs und Medien.“

Problematisch sind in den Augen von Dr. Franz die sozialen Folgen der Alleinerziehung. Zum Beispiel stammen zwei von drei Heimkindern aus Trennungsfamilien - das sind jedes Jahr 80.000 Kinder. Auch der Impfstatus von Kindern Alleinerziehender ist geringer. „Hier bauen sich strategische Großrisiken auf“, so Franz.

Dass sich Investitionen in sozial schwierigen Bereichen rentieren, zeige die amerikanische Studie von James J. Heckman „The rate of return to the HighScope Perry Preschool Program“ am Beispiel eines Vorschulprogramms, um benachteiligte farbige Kinder zu unterstützen. Die für die Gesellschaft errechneten Renditen lagen 2009 bei heute traumhaften sieben bis zehn Prozent. Für Dr. Büsching kein Wunder. Für ihn sind „Kindheit und Jugend der einzige nachwachsende Rohstoff unserer Gesellschaft“.

Ob unsere Gesellschaft das merkt? Seit vier Jahren versuchen die Kinder- und Jugendärzte vergeblich, im Deutschen Bundestag einen Kinderbeauftragten zu etablieren.

Weitere Informationen

Autor

Dr. Friedrich Müller