Altersvorsorge / 07.09.2020

Künstlersozialkasse: Sparen am falschen Ende

Wer über die Künstlersozialkasse versichert sind, neigt dazu, sich arm zu rechnen. Warum das keine gute Idee ist und wie die Grundrente helfen kann.

Bleistift und Taschenrechner – Bildnachweis: shutterstock.com © sebra

Bleistift und Taschenrechner liegen auf handgeschriebenen Berechnungen

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Knapp 190.000 selbständige Künstler und Publizisten waren im Januar 2020 in der Künstlersozialkasse (KSK) versichert. Ihr Jahreseinkommen liegt durchschnittlich nur bei gut 17.000 Euro – vor der Corona-Krise. Altersarmut dürfte bei vielen KSK-Versicherten vorprogrammiert sein.

Versicherungspflicht: Einkommen melden

Wer von freiberuflicher künstlerischer und journalistischer Tätigkeit lebt, kann sich über die Künstlersozialkasse (KSK) versichern. Das gilt zum Beispiel für Maler, Schauspieler, Musiker und Autoren. Seit 1983 besteht für freiberufliche Künstler und Publizisten Versicherungspflicht. Die Versicherung beginnt allerdings erst, wenn Sie sich bei der KSK anmelden. Tun Sie dies nicht, sind Sie auch nicht versichert.

Versicherungspflicht bedeutet auch Beitragspflicht. Grundlage sind dabei Ihre Einkünfte aus selbstständiger künstlerischer oder publizistischer Tätigkeit. Wer viel verdient, muss also auch höhere Beiträge zahlen.

Künstler und Publizisten können allerdings die Höhe ihrer Sozialversicherungsbeiträge weit mehr steuern als andere Selbstständige. Denn die Höhe der Beiträge hängt davon ab, was Sie als Einkommen melden – jeweils zum 1. Dezember für das Folgejahr.

Wer hier zu wenig angemeldet hat, muss später nicht mit Bußgeldern, Nachforderungen oder ähnlichen Sanktionen rechnen. Allerdings mit Armut im Alter und gegebenenfalls Not im Krankheitsfall.

Rente und Krankenversicherung: nur halber Beitrag

Als KSK-Versicherter zahlen Sie jeweils nur die Hälfte der Beiträge, genau wie Arbeitnehmer und anders als andere Selbstständige. Gerechnet wird centgenau auf Basis des gemeldeten Einkommens.

Bei der gesetzlichen Rentenversicherung liegt der Beitragssatz derzeit bei 18,6 Prozent. Die Hälfte davon sind 9,3 Prozent. So viel zahlen Sie als KSK-Versicherter. Dazu kommt jeweils die Hälfte des Beitrags zur Kranken- und Pflegeversicherung.

Den Rest steuern der Staat und die Unternehmen zu, die Aufträge an Künstler vergeben – etwa die Verlage. Sie beteiligen sich mit einer sogenannten Künstlersozialabgabe.

Rechenbeispiel: So viel zahlen Sie als KSK-Versicherter

Bei einem gemeldeten monatlichen Gewinn von 1.500 Euro zahlt ein KSK-Versicherter 139,50 Euro für die Rentenversicherung. Hinzu kommen noch rund 120 Euro für die Kranken- und knapp 23 Euro für die Pflegeversicherung (Versicherte mit Kind). Die Künstlersozialkasse steuert nochmals die gleichen Beträge dazu.

Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zieht die Künstlersozialkasse nicht ein. Künstler und Publizisten können sich aber unter Umständen über die freiwillige Arbeitslosenversicherung bei den Arbeitsagenturen versichern.


Rente für Künstler und Publizisten fällt niedrig aus

Die niedrigen gemeldeten Einkünfte wirken sich auch auf die Rentenhöhe aus. Zum Vergleich: Das vorläufige Durchschnittsentgelt aller Versicherten in Deutschland beträgt in diesem Jahr 40.551 Euro. Ein durchschnittlich verdienender Künstler mit etwa 17.000 Euro im Jahr erreicht damit nur etwa 41,9 Prozent. Auf dem Rentenkonto werden dann im Jahr 41,9 Prozent eines Entgeltpunkts, also 0,419 Entgeltpunkte, gutgeschrieben. Wer 35 Jahre auf diesem Niveau einzahlt, kommt auf 14,67 Entgeltpunkte. Das gibt eine monatliche Rente in Höhe von 502 Euro brutto (nach dem derzeitigen aktuellen Rentenwert in den alten Bundesländern).

Grundrente: 30 Prozent-Grenze zu beachten

Immerhin könnte das Ruhestandsgeld der KSK-Versicherten durch die künftige Grundrente deutlich aufgewertet werden. Wer über die Künstlersozialkasse pflichtversichert ist, erwirbt nämlich ganz normale Grundrentenzeiten. Wenn 35 Jahre zusammenkommen, kann ein voller Anspruch auf Grundrenten bestehen. Im Beispielfall könnte die Rente – nach den derzeitigen Werten – um 11,68 Entgeltpunkte aufgewertet werden auf rund 900 Euro brutto monatlich.

Aber: Aufgewertet werden bei der Grundrente nur Versicherungszeiten, in denen Sie mindestens 30 Prozent des Durchschnittsentgelts aller Versicherten erzielt haben.

2020 liegt diese Grenze bei 12.165 Euro. Viele KSK-Versicherte erreichen diesen Jahreswert mit ihrer Meldung nicht. Nach den detaillierten Daten der Künstlersozialkasse ist dies insbesondere bei Musikern und im Bereich darstellende Kunst oft der Fall. Für Jahre, in denen ein Einkommen unterhalb dieses 30-Prozent-Wertes gemeldet wird, gibt es also später keinen Grundrentenzuschlag.

Einkommen besser „optimistisch“ melden

Es spricht deshalb vieles dafür, bei der Jahresmeldung zur Künstlersozialkasse eher optimistische Werte fürs kommende Einkommen anzusetzen. Sollte sich die Vorausschätzung im Laufe des Jahres dann als überhöht oder auch zu niedrig herausstellen, können Sie Ihr voraussichtliches Arbeitseinkommen jederzeit über eine Änderungsmitteilung korrigieren. Ab dem Folgemonat werden dann die geänderten Beiträge fällig.

Die Änderung wirkt nur für die Zukunft, an den einmal gezahlten Beiträgen ändert sich nichts. „Eine rückwirkende Korrektur für bereits angefangene oder abgelaufene Monate ist rechtlich nicht möglich“, erklärt die Künstlersozialkasse.

Gesetzliche Rente derzeit mit Top-Rendite

Einzahlungen in die gesetzliche Rentenkasse lohnen sich richtig, hat die Stiftung Warentest kürzlich festgestellt. Das gilt dann erst recht für die Pflichtversicherung der Künstler.

Wer sich freiwillig gesetzlich versichert, muss die Beiträge dafür allein schultern. Bei pflichtversicherten Künstlern trägt dagegen die Künstlersozialkasse die Hälfte der Beiträge. Für die halben Beiträge gibt es also den doppelten Ertrag. Für 1.000 Euro Beiträge, die KSK-Versicherte in die Rentenkasse einzahlen, winkt ihnen – nach dem derzeitigen aktuellen Rentenwert (West) – eine Jahresrente von 108,81 Euro. Herkömmliche private Rentenversicherungen erreichen nur etwa 40 Prozent dieses Wertes. Die Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung ist derzeit für Pflichtversicherte unschlagbar.

Höhere Beiträge, mehr Krankengeld

Wenn der KSK ein höheres Arbeitseinkommen meldet, muss auch mehr für die Kranken- und Pflegeversicherung zahlen. Aber dafür steigt auch das mögliche Krankengeld. KSK-Versicherte erhalten spätestens ab der siebten Krankheitswoche Krankengeld. Bei ihrer gesetzlichen Krankenkasse können Künstler jedoch einen Wahltarif mit Krankengeld-Zahlung ab der dritten Krankheitswoche abschließen.

Generell gilt aber: Wer seine Einkünfte herunterrechnet, bekommt im Krankheitsfall auch weniger Krankengeld. Das ist gerade für ältere und gesundheitlich angeschlagene Künstler gefährlich.

Eine Erhöhung des gemeldeten Einkommens wirkt sich beim Krankengeld allerdings nicht sofort aus. Nach § 234 des fünften Sozialgesetzbuchs zählt für die Bemessung des Krankengeldes bei KSK-Versicherten nicht einfach das letzte Arbeitseinkommen, sondern „der dreihundertsechzigste Teil des voraussichtlichen Jahresarbeitseinkommens“.

Praktisch bedeutet dies: Im Krankheitsfall zählt das beitragspflichtige Arbeitseinkommen der letzten zwölf Kalendermonate. Kurzfristig ein höheres Arbeitseinkommen zu melden, bringt damit beim Krankengeld nur wenig oder gar nichts.

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Autor

Rolf Winkel