Altersvorsorge / 30.11.2020

Lebensversicherung: Abschied von der Beitragsgarantie

Immer mehr Lebensversicherer wollen nicht einmal mehr die eingezahlten Beiträge garantieren. Was bedeutet das für Kunden?

Ein Stapel Münzen liegt auf einem Dokument, daneben ein Taschenrechner.

Allianz prescht vor

Die Allianz hat sich von der 100-prozentigen Beitragsgarantie in der Lebensversicherung verabschiedet. Von 2021 an bietet Deutschlands größter Versicherungskonzern nur noch Verträge mit 90,80 oder sogar nur 60 Prozent Garantie an. Bestandskunden sind davon nicht betroffen, aber klar ist auch: Andere Versicherer dürften dem Vorstoß bald folgen. Was dieser Schnitt für die Kunden bedeutet, erläutert Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Bislang garantieren Lebensversicherer bei Rentenbeginn zumindest die eingezahlten Beiträge. Die Allianz tut dies bei neuen Verträgen ab 2021 nicht mehr, verspricht ihren Kunden dadurch aber mehr Chancen. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Nauhauser: Es bedeutet schlicht, dass die Anbieter ihren Kunden weniger Sicherheit bieten, aber weiterhin die vollen Kosten verlangen. Ob der Kunde davon profitiert, hängt großteils von der Entwicklung der Kapitalmärkte ab. Diese hat der Versicherer aber nicht in der Hand. Warum sollte man sich auf so etwas einlassen?

Versicherung ist „nicht die erste Wahl“

Wegen der versprochenen Chancen, da die Versicherer nun risikoreicher agieren können?

Nauhauser: Wer die Chancen der Kapitalmärkte nutzen möchte und bereit ist Verlustrisiken zu tragen, kann sich die Kosten des Versicherers sparen. Mit einer 90-prozentigen Beitragsgarantie ist ein Portfolio aus 80 Prozent Renten-ETF und 20 Prozent weltweit gestreutem Aktien-ETF vergleichbar – es verursacht aber nur ein Zehntel der Kosten. Die Versicherer legen das Geld ja auch nur am Kapitalmarkt an. Wegen der geringeren Kosten bleibt ein viel größerer Teil der Erträge beim Anleger, was nur fair ist, da er das Risiko trägt. Zum Aufbau von Altersvorsorgevermögen ist eine unnötig teure und komplexe Versicherung nicht die erste Wahl.

Wie kann man die Altersvorsorge besser regeln?

Nauhauser: Zu unterscheiden ist zwischen Vermögensaufbau und Vermögensverzehr im Alter. Für den Aufbau gibt es viele Alternativen. Ein ETF-Sparplan erfordert dabei die Gelassenheit, das Auf und Ab der Aktienmärkte auszusitzen. Die Versicherung kann ihren Vorteil erst zum Rentenbeginn ausspielen. Denn deren Leibrente wird lebenslang gezahlt. Bei einem Auszahlplan hingegen ist das angesparte Vermögen früher oder später erschöpft.

Dabei sollte man wissen, dass Versicherer in der Regel bis zum Alter von etwa 93 Jahren einfach nur das Geld auszahlen, das sie zuvor erhalten haben. Wir raten daher stets zu prüfen, ob sich nicht noch in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen lässt. Dort sind die Renten für dasselbe Geld deutlich höher.

Könnte es sich nicht doch lohnen, jetzt noch schnell eine Police mit 100prozentiger Beitragsgarantie abzuschließen?

Nauhauser: Nein. Versicherungsverkäufer, die von Provisionen leben, nutzen geänderte Rahmenbedingungen gerne aus, etwa wenn der Garantiezins sinkt oder wie 2004 die Steuerfreiheit wegfällt. Der Bedarf der Verbraucher spielt dabei meist keine Rolle.

Es würde mich nicht überraschen, wenn der eine oder andere Vertreter sogar dazu angehalten wird, Kunden zum Wechsel aus hoch verzinsten Altverträgen in neue angeblich chancenreichere Verträge zu überreden. Wer noch einen mit zwei Prozent verzinsten Vertrag hat, ist gut beraten, den zu behalten.

Sie sehen also gar keine Chancen durch die gekappte Beitragsgarantie?

Nauhauser: Doch, für die Eigentümer der Versicherungsgesellschaften. Anlass für diese Produktinnovation ist die Tatsache, dass die Kapitalmarkterträge nicht mehr ausreichen, um Kosten und angestrebte Gewinnspanne des Versicherers zu erwirtschaften. Insofern dient die Absenkung der Beitragsgarantie nicht den Kunden, sondern schlicht dem Erhalt des Geschäftsmodells.

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Autorenbild

Autor

Jürgen Baltes