Finanzen / 25.03.2021

Lebensversicherung: Garantiezins sinkt – Riester-Rente in Gefahr

Lebensversicherer dürften von 2022 an nur noch Minizinsen versprechen. Für die Riester-Rente wird es richtig eng.

Formular ausfüllen mit Taschenrechner und Laptop auf dem Tisch. – Bild: Getty Images/Cultura RF/moodboard

Berlin (bd). Die Bundesregierung will den Garantiezins auf Lebensversicherung deutlich senken. Lebensversicherer sollen von 2022 an bei Neuverträgen nur noch eine Verzinsung von 0,25 Prozent auf den Sparanteil über die gesamte Laufzeit garantieren dürfen. Das geht aus einem Verordnungsentwurf des Bundesfinanzministeriums hervor.

Mit dem so genannten Höchstrechnungszins markiert das Finanzministerium die Obergrenze für Lebensversicherer, mit der diese neue Verträge abschließen dürfen. Der Zinssatz ist in den vergangen zwei Jahrzenten stetig gesunken. Seit 2017 liegt er bei 0,9 Prozent.

Bestandsverträge nicht betroffen

Wer bereits eine Lebensversicherung hat, ist von der Senkung zwar nicht direkt betroffen. Für bestehende Verträge müssen Versicherer auch weiterhin den vertraglich zugesicherten Zinssatz auf den Sparanteil zahlen. Teilweise sind das bis zu vier Prozent. Gerade solch hohe Garantien bringen die Anbieter aber zunehmend in Schwierigkeiten, weil sich auf dem Kapitalmarkt kaum noch etwas erwirtschaften lässt.

Das beobachtet auch die Finanzaufsicht Bafin seit Längerem mit Sorge. Exekutivdirektor Frank Grund rief im vergangenen Dezember die Lebensversicherer auf, beim Neugeschäft freiwillig auf hohe Garantien zu verzichten. Auch wenn die Lage insgesamt noch nicht existenzbedrohend sei: „Der wichtigste Verbraucherschutz ist, dass Unternehmen ihre Versprechen erfüllen können“, sagte Grund.

Experten fordern schon länger einen niedrigeren Garantiezins. Ende 2019 empfahl die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) eine Senkung auf 0,5 Prozent. Die Mathematiker hielten die kalkulierten Sicherheiten der Versicherungen schon damals für nicht mehr ausreichend, um einen höheren Zinssatz zu bedienen. Passiert ist zunächst nichts. Im vergangenen Dezember schlug die DAV dann 0,25 Prozent vor.

Riester-Rente auf dem Abstellgleis

Viele Lebensversicherer sind ohnehin längst dazu übergegangen, im Neugeschäft nur noch Produkte ohne oder mit geringen Garantien anzubieten. Wer etwa beim Branchenprimus Allianz einen neuen Vertrag abschließt, bekommt nur noch 90, 80 oder gar 60 Prozent seiner eingezahlten Beiträge garantiert. Das soll die Chancen auf mehr Rendite erhöhen.

Verbraucherschützer sehen das kritisch. „Das bedeutet schlicht, dass die Anbieter ihren Kunden weniger Sicherheit bieten, aber weiterhin die vollen Kosten verlangen", erklärt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Für die Riester-Rente ist die Senkung ein Problem. Sie gerät nun immer weiter aufs Abstellgleis. Denn bei der staatlich geförderten Altersvorsorge ist die volle Beitragsgarantie vorgeschrieben. Wer einen Riester-Vertrag abschließt, soll sich darauf verlassen können, dass bei Rentenbeginn mindestens seine eingezahlten Beiträge samt staatlichen Zulagen zur Verfügung stehen. Doch wenn ein Versicherer den Sparanteil nur niedrig verzinsen darf, geht seine Rechnung nur auf, wenn er zugleich den Kostenanteil reduziert.

„Defacto-Beerdigung der Riester-Rente“

100-Prozent-Beitragsgarantie und zugleich ein noch niedriger Garantiezins – das bedeutet eine Herausforderung, der sich kaum noch ein Anbieter stellen will. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft fordert daher, die Beitragsgarantie der Riester-Rente zu kippen. Verbraucherschützer lehnen das ab. „Damit würden Verbraucher doppelt verlieren", sagte Dorothea Mohn, Leiterin des Finanzmarktteams beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).

Bliebe es bei den Plänen, führe dies von 2022 an zu einer „Defacto-Beerdigung der Riester-Rente“, so GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Auch der DAV erwartet, dass sich der Trend der vergangenen Jahre fortsetzt und sich die meisten Versicherer aus dem Riester-Geschäft zurückziehen, wenn die Reform ausbleibt.

So wird es wohl kommen. Zwar hatte sich die Große Koalition vorgenommen, in dieser Legislaturperiode der staatlich geförderten Altersvorsorge mit einem neuen Konzept wieder Schwung zu verleihen. Doch gut drei Jahre später ist der Elan verpufft. Nicht, dass man es nicht versucht hätte. Aber die Vorstellungen über die Ausgestaltung driften zu weit auseinander. Mittlerweile ist die Riester-Reform von der Liste der Gesetzesvorhaben verschwunden.

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Autor

Boris Dunkel