Im Fokus / 20.06.2014

Mehr Rente für Mütter

Für Mütter von Kindern, die vor 1992 geboren wurden, gibt es ab Juli 2014 pro Kind bis zu 29 Euro mehr Monatsrente. Das hat der Bundestag beschlossen.

Mutter schaut mit Kleinkind zusammen ein Bilderbuch an am Küchentisch. – Bildnachweis: wdv.de © Jan Lauer

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Pro Kind werden betroffenen Müttern und Vätern künftig bei der gesetzlichen Rente zwei Versicherungsjahre bzw. zwei Entgeltpunkte anerkannt. Das ist noch immer weniger als für Elternteile von ab 1992 geborenen Kindern, für die drei Entgeltpunkte anerkannt werden, aber immerhin doppelt soviel wie bisher. Die Neuregelung gilt sowohl für diejenigen, die bereits Rente beziehen („Bestandsrentner/innen“) als auch für Neurentner/innen. Von der „Mütterrente“ profitieren rund 9,5 Millionen Mütter und (wenige) Väter, die in den ersten Lebensjahren eines Kindes dessen Erziehung übernommen haben.

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Bestandsrenten

Bei laufenden Renten gibt’s automatisch mehr

Bestandsrenten werden aufgrund der Neuregelungen zur Mütterrente nicht neu berechnet. Vielmehr erhalten Mütter von Kindern, die vor 1992 geboren wurden, der Einfachheit halber zusätzlich pro Kind einen Zuschlag in Höhe eines Entgeltpunktes. In den neuen Ländern gibt dies pro Kind ein Rentenplus von monatlich 26,39 Euro, in den alten Ländern von 28,61 Euro. Dieser Betrag wird künftig jedes Jahr zusammen mit der Rente angepasst. Der Zuschlag zur laufenden Rente soll Ende 2014 erstmals gezahlt werden, dann aber rückwirkend ab Juli. Ein Antrag muss dafür nicht gestellt werden.

Wichtig: Bei Bestandsrenten wird nicht geprüft, wie hoch die sozialversicherungspflichtigen Einkünfte der Betroffenen während der früheren Erziehungszeit waren. Auch Elternteile, die in der Erziehungszeit hohe sozialversicherungspflichtige Erwerbseinkünfte hatten, bekommen also den vollen Zuschlag.

Neue Renten

Aus einem Kindererziehungsjahr werden zwei.

Bei neuen Rentenanträgen wird die Verdopplung der Kindererziehungszeit direkt bei der Rentenberechnung desjenigen Elternteils berücksichtigt, der ein Kind vorwiegend erzogen hat. Dabei wird monatsgenau gerechnet. Pro Erziehungsmonat ist die Kindererziehung dabei 0,0833 Entgeltpunkte wert. Bei 12 Monaten kommt dabei fast ein Entgeltpunkt zusammen (genau: 0,9996 Punkte), bei 24 Monaten sind es fast zwei Punkte.

Ein Entgeltpunkt ist ab Juli 2014 In den neuen Ländern 26,39 Euro wert, in den alten Ländern von 28,61 Euro.

Einen Antrag auf die Berücksichtigung des zweiten Erziehungsjahres muss niemand stellen. Soweit bislang auf dem Rentenkonto der Betroffenen ein Erziehungsjahr vermerkt ist, wird automatisch ein zweites Jahr eingetragen. Dies können Versicherte anhand der Rentenauskunft überprüfen, die allen 55-Jährigen und Älteren in dreijährigem Abstand zugesandt wird.

Erziehung und Job

Wer Kinder erzieht und gleichzeitig arbeitet, erwirbt doppelte Rentenansprüche.

Auch Mütter, die in den ersten beiden Lebensjahren ihres Kindes (bei Geburten vor 1992) bzw. in den ersten drei Lebensjahren (ab 1992) sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, erwerben hierdurch zusätzliche Ansprüche.

Ein Beispiel hierzu aus Westdeutschland: Eine in Köln lebende Mutter hatte nach der Geburt ihres Kindes 1988 das ganze Jahr über einen Halbtagsjob ausgeübt und dabei 19.448 DM brutto verdient. Im Schnitt war das Bruttojahreseinkommen von Rentenversicherten 1988 in der damaligen alten Bundesrepublik mit 38.896 DM genau doppelt so hoch. Durchschnittsverdiener erwerben genau einen Renten-Entgeltpunkt (EP) für das jeweilige Jahr. Der Mutter aus Köln wird somit für ihre sozialversicherte Beschäftigung 1988 ein halber EP gutgeschrieben. Addiert werden dazu noch 0,9996 EP (0,0833 x 12) für die Kindererziehung. Insgesamt kommt sie damit für 1988 auf 1,4996 Entgeltpunkte. Das bringt ihr nach dem aktuellen Rentenwert (West) vom Juli ein Rentenplus von (28,61 Euro x 1,4996 =) 42,90 Euro (West).

Aufgrund der Neuregelung gilt dieses Prinzip auch für ein zweites Jahr.

Für Mütter aus den neuen Bundesländern sieht die Rechnung ähnlich aus. Im Detail wird sie allerdings komplizierter. Denn die nominell niedrigeren Einkommen von früheren Ost-Beschäftigten werden durch Hochrechnungsfaktoren aufgewertet. Nehmen wir als Beispiel eine Mutter aus Erfurt, die 1988 insgesamt 8.500 Mark verdient hatte. Der Hochrechnungsfaktor beträgt für 1988 genau 3,2381. Das für ihre Rente zu berücksichtigende Einkommen der Erfurterin beträgt damit (8.500 x 3,2381=) 27.523,85 DM. Dieses wird nun ins Verhältnis gesetzt zum Durchschnittseinkommen aller Rentenversicherten in den alten Bundesländern (1988: 38.856 DM). So werden die Entgeltpunkte der Erfurterin berechnet. Das Ergebnis (27.523 : 38.856 =) beträgt 0,708 EP. So viel werden der Erfurterin für ihre Erwerbstätigkeit im Jahr 1988 auf ihrem Rentenkonto gutgeschrieben. Zusammen mit den 0,9996 Entgeltpunkten für die Kindererziehung kommt sie damit in diesem Jahr auf 1,7076 EP.

Kappung bei hohen Einkünften

In der Regel bringt die so genannte neue Mütterrente auch erwerbstätigen Eltern ein deutliches Rentenplus. Hat allerdings eine Mutter (oder ein erziehender Vater) recht hohe rentenversicherungspflichtige Einkünfte, so bringt die Kindererziehungszeit unter Umständen nur wenig. Das gilt allerdings bisher schon und hat überhaupt nichts mit den Neuregelungen zur so genannten Mütterrente zu tun. Generell gilt nämlich bei der gesetzlichen Rentenversicherung die Regel: Es gibt eine Obergrenze für die Rentenansprüche, die in einem Jahr erworben werden können.

Ausschlaggebend dafür ist die jeweilige Beitragsbemessungsgrenze. Diese liegt derzeit bei 71.400 Euro. 1988 lag sie in der damaligen Bundesrepublik bei 72.000 DM (jeweils Jahreswerte). Das Durchschnittseinkommen (West) lag damals – wie erwähnt – bei 38.896 DM. Wer so viel verdient hatte, bekam genau einen EP für seine Rente gutgeschrieben. Teilt man die Beitragsbemessungsgrenze durch das Durchschnittseinkommen, so kommt man auf die Entgeltpunkte, die im jeweiligen Jahr maximal für die Rente gutgeschrieben werden. Für das Jahr 1988 ergibt diese Rechnung (72.000 : 38.896 =) 1,85 Entgeltpunkte. Mehr als diese 1,85 EP können Versicherte für das Jahr 1988 auf ihrem Rentenkonto nicht bekommen. Alles was darüber hinausgeht, wird gekappt.

Neuer Rentenanspruch

In gar nicht so wenigen Fällen erhalten Mütter durch die Verbesserungen bei den Kindererziehungszeiten erstmals einen Anspruch auf eine gesetzliche Altersrente.

Das gilt insbesondere für Selbstständige, berufsständisch Versicherte und Nur-Hausfrauen. Sie können durch die Neuregelung nun in einen Rentenanspruch „hineinrutschen“.

Dafür sorgt das nun pro Kind anerkannte zusätzliche Kindererziehungsjahr. Hierdurch kommen Sie unter Umständen auf die für eine Rente nötigen fünf Versicherungsjahre. Wer die fünfjährige Wartezeit erfüllt, hat derzeit (2014) mit 65 Jahren und drei Monaten Anspruch auf eine kleine Altersrente. Wer knapp an der Fünf-Jahres-Hürde scheitert, für den lohnt sich in der Regel die Zahlung freiwilliger Beiträge. Der monatliche Mindestbeitrag dafür liegt derzeit bei 85,05 Euro.

Beispiel: Eine 85-Jährige, die – was früher nicht selten vorkam – in ihrem Leben keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen ist, aber drei Kinder erzogen hat, kann ab Juli 2014 eine kleine Altersrente bekommen. Denn sie kann dann (3 Kinder mal 2 Jahre) sechs Versicherungsjahre nachweisen und hat insgesamt (rund) sechs Entgeltpunkte auf ihrem Rentenkonto, was ihr eine Altersrente in Höhe von etwa 172 Euro (alte Bundesländer) beziehungsweise rund 158 Euro (neue Bundesländer) sichert.

Die Rente muss jedoch beantragt werden und vorher muss die Betroffene noch die Anerkennung von Kindererziehungszeiten bei der Deutschen Rentenversicherung beantragen. Das ist, wenn man entsprechende Unterlagen vorlegen kann (Geburtsurkunden oder Familienstammbuch), eine reine Formsache. Für den Antrag gibt es übrigens ein Formblatt V800, das man im Internet unter www.deutsche-rentenversicherung.de, Suche: „V 800“ herunterladen kann.

Wenn unsere „Beispiel-Hausfrau“ nur zwei Kinder hat, dann würde das auch nach dem neuen Recht noch nicht für einen Rentenanspruch reichen, weil dann nur vier Versicherungsjahre zusammenkommen. Da fehlt noch ein Jahr. Vielleicht war die Betroffene doch irgendwann ein Jahr sozialversichert beschäftigt? Dann kann sie die gesetzliche Altersrente erhalten. Andernfalls kann sie für ein Jahr freiwillige Beiträge einzahlen. Dabei reicht der Mindestbeitrag. Das sind derzeit 85,05 Euro im Monat, also für ein ganzes Jahr 1020,60 Euro. Den Betrag kann sie auf einen Schlag nachzahlen und erhält dann – wenn auf diese Weise fünf Versicherungsjahre zusammenkommen – ab Juli Rente.

Berufsständisch Versicherte

All dies gilt auch für berufsständisch Versicherte. Da sich die berufsständischen Versorgungswerke bislang davor drücken, ihren Versicherten Leistungen für Kindererziehungszeiten zu gewähren, springt hier die gesetzliche Rentenversicherung ein. Die hat ein Herz für alle Kinder, auch für die Kinder von berufsständisch Versicherten. Das betrifft beispielsweise Ärzte, Apotheker, Notare und Architekten – und unter diesen natürlich insbesondere die Frauen.

Dass die Betroffenen nicht gesetzlich rentenversichert sind, spielt im Zusammenhang mit den Kindererziehungszeiten keine Rolle. Der Gesetzgeber hat berufsständisch Versicherten, die eigentlich von der gesetzlichen Rentenversicherungspflicht befreit sind, die Möglichkeit gegeben, Kindererziehungszeiten bei der gesetzlichen Rentenversicherung anerkennen zu lassen. Das geht immer dann, wenn die berufsständische Versicherung weniger bietet als die gesetzliche – und das ist durchweg so.

Für die Betroffenen gibt es daher so etwas wie eine „Kinderrente“ – und ab Juli 2014 funktioniert das viel leichter, weil auch für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, dann zwei Jahre Kindererziehungsjahre und zwei Entgeltpunkte anerkannt werden. Eine Ärztin, die ihr Leben lang nie gesetzlich rentenversichert war, aber drei Kinder hat, die – beispielsweise – in den 70er-Jahren geboren wurden, kann nun eine kleine Altersrente erhalten, sobald sie das reguläre Rentenalter erreicht (derzeit: 65 Jahre und drei Monate). Natürlich muss auch sie einen Antrag auf Anerkennung der Kindererziehungszeiten stellen.

Auch freiwillige Beiträge möglich

Soweit berufsständisch Versicherte allein durch Kindererziehungszeiten noch nicht auf einen Rentenanspruch kommen, erlaubt der Gesetzgeber seit August 2010 ihnen auch die Zahlung freiwilliger Beiträge. Die Betroffenen können freiwillige Beiträge entrichten, um die fünfjährige Wartezeit für die reguläre Altersrente zu erfüllen. Im Prinzip reicht es auch für berufsständisch Versicherte, den Mindestbeitrag einzuzahlen. Aber es kann auch mehr sein. Interessant gerade für gut verdienende berufsständisch Versicherte: Fast vier Fünftel des eingezahlten freiwilligen Beitrags können von der Steuer abgesetzt werden.

Weniger Sozialleistungen

Mehr Mütterrente – weniger Sozialleistungen

Soweit Rentner/innen neben ihrer gesetzlichen Rente Anspruch auf Sozialleistungen haben, führt die (höhere) Mütterrente gegebenenfalls zu einer Kürzung dieser Leistungen.

Wohngeld: Für Rentner/innen, die Wohngeld erhalten, hat eine höhere „Mütterrente“ zur Folge, dass der staatliche Mietzuschuss sinkt. Bei einem um 28,61 bzw. 26,39 Euro erhöhten monatlichen Einkommen kann sich das Wohngeld um gut zehn Euro reduzieren. Die Rentenerhöhung wird allerdings in der Regel erst bei einem neuen Wohngeldantrag berücksichtigt.

Hinterbliebenenrente: Die meisten Hinterbliebenenrentner sind „Doppelrentner“: Sie erhalten ihre eigene Altersrente (oder auch eine Erwerbsminderungsrente) und zusätzlich noch eine Hinterbliebenenrente. Steigen die eigenen Renten durch einen Zuschlag für die Zeit der Kindererziehung, so sinkt die Hinterbliebenenrente. Faustregel: Ein gutes Drittel des Rentenzuwachses wird auf die Hinterbliebenenrente angerechnet. Dies gilt allerdings nur dann, wenn die eigene (Brutto-)Alters- oder Erwerbsminderungsrente über ca. 870 Euro (alte Länder) bzw. 800 Euro (neue Länder) steigt.

Grundsicherung im Alter: Bei allen Grundsicherungs-Leistungen zählt die Mütterrente in vollem Umfang an anrechenbares Einkommen. Es gilt also: Ein Euro mehr Mütterrente bedeutet einen Euro weniger Grundsicherung. Für die knapp 300.000 Rentner/innen, die Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung erhalten, bringen die Neuregelungen zur Mütterrente deshalb meist kein Einkommensplus.

Beitragsfreie Familienversicherung: Wenn es bei der gesetzlichen Krankenversicherung um den Anspruch auf eine beitragsfreie Familienversicherung über den Ehepartner geht, wird die „Mütterrente“ bzw. generell der Teil der gesetzlichen Altersrente, der aufgrund von Kindererziehungszeiten gewährt wird, nicht angerechnet. Das bedeutet: Niemand fällt aufgrund der Erhöhung der Altersrente durch die „Mütterrente“ aus der beitragsfreien Krankenversicherung heraus.

Bonus für Witwer

Durch die höhere Mütterrente erhalten manche Männer eine höhere Hinterbliebenenrente.

Für manche Männer, die eine Hinterbliebenenrente erhalten, gibt es eine positive Überraschung. Soweit ihre verstorbene Frau vor 1992 Kinder erzogen hat, gibt es pro Kind auch auf die längst nicht mehr gezahlte Rente ihrer verstorbenen Frau einen (fiktiven) Kinderzuschlag – und entsprechend ab Juli 2014 auch eine etwas höhere Hinterbliebenenrente.

Beispiel: Die 2010 verstorbene Else S. hat 1970 und 1971 zwei Kinder auf die Welt gebracht. Dafür wurden bei der Altersrente, die sie zuletzt bezogen hatte, zwei Entgeltpunkte berücksichtigt. Diese wurden auch bei der Berechnung der Hinterbliebenenrente ihres Ehemanns Bernd S. mitberücksichtigt. Ab Juli 2014 wird nun aufgrund der Neuregelungen des „Rentenpakets“ die Ursprungsrente von Else S. „fiktiv“ um zwei Entgeltpunkte erhöht. Das bringt der Kölnerin theoretisch ein Rentenplus von 57,22 Euro. Die Begriffe „theoretisch“ und „fiktiv“ werden hier gewählt, weil dieser Betrag natürlich an die Verstorbene nicht ausgezahlt wird.

Dieser Betrag wird aber ab Juli 2014 bei der Berechnung der Hinterbliebenenrente von Bernd S. einbezogen. Da in seinem Fall noch das alte Recht zur Hinterbliebenenrente gilt, erhöht sich seine (Brutto-)Hinterbliebenenrente um 60 Prozent von 57,22 Euro. Dies sind 34,33 Euro. Hiervon werden jedoch noch – wie von der gesamten Hinterbliebenenrente – die üblichen Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung abgezogen.

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Autor

Rolf Winkel