Rente / 04.11.2022

Möglichkeiten der Flexirente werden wenig genutzt

Bericht von Arbeitsministerium und Rentenversicherung zieht ernüchternde Bilanz. Auch höhere Nebenverdienstgrenzen erhöhten die Nachfrage kaum.

Seniorin arbeitet in einem Gartencenter. Bild: IMAGO / Panthermedia

Berlin/Frankfurt (sth). Die Möglichkeiten des seit 2017 geltenden Flexirentengesetzes mit attraktiveren Hinzuverdienstchancen für Rentnerinnen und Rentner ab 63 Jahren werden in der Praxis bisher kaum in Anspruch genommen. Das geht aus den Ergebnissen einer jetzt veröffentlichten, gemeinsam von Bundesarbeitsministerium, der Deutschen Rentenversicherung, dem Bundeskanzleramt und dem Statistischen Bundesamt erstellten Gesetzesevaluierung hervor. Die Nutzung der neuen Regelungen fiel demnach „bisher noch verhalten” aus, stellen die Autoren der Studie ernüchtert fest. 

So stellten Teilrenten von Frührenten-Beziehern zwischen der Mindestaltersgrenze von 63 Jahren und der persönlichen Regelaltersgrenze (je nach Geburtsjahrgang zwischen 65 und etwa 66 Jahren) trotz einer wachsenden Zahl Erwerbstätiger über 55 Jahren „nach wie vor eine Ausnahme” dar, heißt es in dem Bericht. Seit 2017 bekommen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die vor der regulären Altersgrenze in Rente gehen, bei einem Nebenverdienst von mehr als 6300 Euro pro Jahr normalerweise 40 Prozent des darüber liegenden Verdiensts abgezogen. Seit Anfang 2021 ist jedoch ein abzugsfreier Hinzuverdienst von bis zu 46.060 Euro jährlich möglich – vorerst bis Ende dieses Jahres. Übersteigen Hinzuverdienst und Rente gemeinsam den vor der Rente erzielten Verdienst, wird der darüber liegende Teil allerdings vollständig angerechnet.

Arbeit neben Rentenbezug bleibt ab der Regelaltersgrenze im Promillebereich

Auch eine weitere Neuregelung der Flexirente, die „freiwillige Aktivierung von Rentenbeiträgen" durch versicherungspflichtige Arbeit jenseits der Regelaltersgrenze bei gleichzeitigem Bezug einer Rente ab der Altersgrenze, finde „mit einer Größenordnung im Promillebereich nur in Ausnahmefällen statt", heißt es in dem Regierungsbericht weiter. Die Regel sei weiterhin „der Verzicht auf einen entsprechenden Eigenbeitrag" – sei es bei Minijobbern unterhalb oder bei regulärer Beschäftigung oberhalb der Regelaltersgrenze. 

Die Autoren der Studie hatten die Auswirkungen von vier neuen Möglichkeiten unter die Lupe genommen, die mit dem Flexirentengesetz geschaffen wurden:

  1. die Neuregelung der Teilrente (Hinzuverdienst neben dem Bezug einer Rente ab 63 sowie „Wunschteilrente" für Rentner, die einen Pflegebedürftigen häuslich pflegen)
  2. die jetzt bis zur persönlichen Regelaltersgrenze reichende Rentenversicherungspflicht für Rentnerinnen und Rentner, die nach dem 63. Lebensjahr bereits eine volle Altersrente – mit Abschlägen – beziehen und nebenher Zusatzeinkünfte haben
  3. die Möglichkeit, neben dem vollen Rentenbezug über die persönliche Regelaltersgrenze hinaus zu arbeiten und dadurch die Rente jährlich weiter zu erhöhen
  4. die befristete Abschaffung der Arbeitgeberbeiträge zur Arbeitsagentur bei Beschäftigung eines Arbeitnehmers oberhalb der Regelaltersgrenze.

Eine fünfte Neuregelung des Gesetzes – die jetzt bereits ab dem 50. Geburtstag bestehende Möglichkeit, Sonderbeiträge an die Rentenversicherung zu zahlen, um Abschläge bei einem vorzeitigen Rentenbeginn zu vermeiden – wurde von der Studie nicht untersucht. Diese Maßnahme ist jedoch der einzige Volltreffer der Flexirente: Im Jahr 2020 zahlten nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung bereits mehr als 35.000 Versicherte einmalig oder verteilt über mehrere Jahre freiwillige Zusatzbeiträge an die Rentenkasse. 2015 hatten erst 1.455 Beschäftigte diese Möglichkeit genutzt.

Die in diesem Jahr besonders vorteilhafte Zahlung von Sonderbeiträgen dürfte dieses Angebot der Rentenversicherung weiter verstärken.

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Autor

Stefan Thissen