Nachgefragt / 19.10.2015

Multi-Policen – sinnvoller Invaliditätsschutz oder teurer Marketing-Gag?

Eine private Absicherung gegen das Risiko einer Invalidität ist heute ein Muss – als Ergänzung zum Basis-Schutz, den die Deutsche Rentenversicherung bietet. Aber nicht jeder bekommt eine Berufsunfähigkeitsversicherung, die für den Invaliditätsschutz immer erste Wahl ist. Als Alternativen wollen sich die sogenannten Multi-Policen etablieren. Verkauft werden sie unter Namen wie Körperschutzpolice, Existenzschutzversicherung oder Multi-Protect-Police.

Mann zeigt auf Tabellen am Bildschirm – Bildnachweis: Fotolia.com © contrastwerkstatt

Der Schutz setzt sich dabei aus mehreren Bausteinen zusammen: Meist ist eine Unfallversicherung Bestandteil der Multi-Police, außerdem eine Grundfähigkeitsversicherung, ein Pflegeschutz und auch eine sogenannte Schwere-Krankheiten-Versicherung, auch als Dread-Disease-Police bekannt. Versicherungsexperte Oliver Mest erklärt, was sich dahinter verbirgt.

Herr Mest, ersetzen die Multi-Policen die Berufsunfähigkeitsversicherung?

Oliver Mest: Auf gar keinen Fall. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung orientiert sich immer am ausgeübten Beruf. Können Versicherte dem aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nachgehen, bekommen sie die vereinbarte Rente. Bei den Multi-Policen sieht das ganz anders aus: Versichert sind bestimmte körperliche Probleme – ob die dazu führen, dass man seinen Job nicht mehr ausüben kann, spielt dabei keine Rolle. Und damit sichern die Multi-Policen eben nicht die Berufsfähigkeit ab.

Was ist denn überhaupt mit den Multi-Policen versichert?

Oliver Mest: Der Schutz ist in den Bedingungen genau definiert. Ein Baustein ist in der Regel eine klassische Unfallversicherung, die zahlt, wenn ein Unfall zu einer Invalidität führt. Die sogenannten Grundfähigkeitsbausteine springen ein, wenn der Kunde krankheitsbedingt bestimmte Grundfähigkeiten – wie zum Beispiel Laufen, Gehen, Reden oder auch Sitzen – nicht mehr ausüben kann. Der Pflege-Baustein sieht eine Leistung vor, wenn eine Pflegebedürftigkeit festgestellt wird, und der Leistungsauslöser für die Schwere-Krankheiten-Versicherung ist die ärztliche Feststellung einer versicherten Krankheit, wie zum Beispiel Krebs.

Welche Leistung erbringt eine Multi-Police?

Oliver Mest: In aller Regel wird eine monatliche Rente geleistet, gleichzeitig muss die Prämie im Rahmen der Beitragsbefreiung nicht weitergezahlt werden. Dazu wird meist eine einmalige Kapitalzahlung versichert.

Wie teuer sind die Multi-Policen?

Oliver Mest: Es gibt zahlreiche Faktoren, die über die Prämienhöhe entscheiden. Dazu zählen das Alter bei Vertragsbeginn, der ausgeübte Beruf, die Laufzeit der Vereinbarung und auch die Höhe der vereinbarten Rente beziehungsweise Kapitalleistung. Bei 1.000 Euro Rente mit einer Laufzeit bis zum 65. Geburtstag, werden zwischen 25 und 40 Euro monatlich fällig.

Ist es einfacher, eine Multi-Police zu bekommen als eine Berufsunfähigkeitsversicherung?

Oliver Mest: Das große Plus der Multi-Policen ist sicherlich die leichtere Verfügbarkeit des Schutzes. Das dürfte vor allem diejenigen Kunden ansprechen, die aus gesundheitlichen Gründen keine oder nur eine sehr teure Berufsunfähigkeitsversicherung bekommen. So ist die Risikoprüfung weniger umfangreich und streng als bei der Berufsunfähigkeitsversicherung; vor allem Beschäftigte in handwerklichen Berufen bekommen über eine Multi-Police überhaupt erst die Möglichkeit, Invaliditätsschutz abzuschließen.

Wie ist es um die Qualität des Versicherungsschutzes bestellt?

Oliver Mest: Die Multi-Policen versuchen viele Leistungsmerkmale unter einen Hut zu bringen. Hauptkritikpunkt: Der Schutz bietet von jedem etwas, aber ist in keinem der Bereiche wirklich ausreichend. So wird bei schweren Krankheiten gezahlt, aber die Liste der versicherten Krankheiten ist oft kurz und die Rentenzahlung bei vielen Erkrankungen zeitlich begrenzt. Bei der Pflege-Absicherung wird zwar geleistet, aber gerade in den leichteren Pflegestufen oder auch bei Demenz gibt es nur geringe und manchmal gar keine Leistungen.

Was machen Kunden, wenn der Berater ihnen eine solche Police empfiehlt?

Oliver Mest: Es ist durchaus legitim, die Multi-Police einem Kunden vorzuschlagen – allerdings sollte vorab geklärt werden, ob nicht eine Absicherung über eine Berufsunfähigkeitsversicherung möglich ist. Ein guter Berater wird das immer auch von sich aus vorschlagen und bei den Versicherungsgesellschaften eine entsprechende Voranfrage stellen. Erst wenn danach klar ist, dass es keinen Berufsunfähigkeitsschutz geben kann, sollte eine Multi-Police ins Spiel kommen.

Macht es einen Unterschied, ob es sich um eine Multi-Police einer Lebens- oder Unfallversicherung handelt?

Oliver Mest:Was auf den ersten Blick für den Kunden unerheblich erscheint, kann gravierende Auswirkungen auf den Schutz haben. Im Bereich der Lebensversicherung gibt es kein Kündigungsrecht vonseiten des Versicherers. Auch die Höhe des Beitrags ist über die Laufzeit des Vertrages festgeschrieben. Bei Produkten aus dem Unfallbereich findet man häufig eine Beitragsanpassungsklausel oder Prämien, die ohnehin steigend kalkuliert sind. Und auch bei den Leistungen gibt es Unterschiede, vor allem bei der Grundfähigkeitsversicherung: Bei den Produkten der Lebensversicherer reicht meist schon der Verlust einer Fähigkeit, um die vereinbarte Rente zu bekommen. Bei den Unfallversicherern sind es nicht selten drei oder vier; es ist damit einfach schwerer, die vereinbarte Leistung zu bekommen.

Alles in allem – würden Sie solch ein Produkt empfehlen?

Oliver Mest: Wägt man die beschriebenen Vor- und Nachteile ab, sind Multi-Policen nicht uninteressant, aber eher zweite Wahl. Vorrangig sollte immer die Option sein, eine klassische Berufsunfähigkeitsversicherung zu bekommen. Wer den wichtigeren Berufsunfähigkeitsschutz nicht erhält, fährt mit einer Multi-Police als Alternative gut.

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Oliver Mest