Aktuell beleuchtet / 12.08.2014

Nachschlag dank Mütterrente

Unerwartete Folgen der höheren „Mütterrente“: Für manche Witwer gibt es jetzt erstmals oder mehr Hinterbliebenenrente

Schachspiel – Bildnachweis: gettyimages.de © Tetra Images

Unverhofft kommt oft. Diese Erfahrung können seit Juli dieses Jahres manche Witwer machen. Auch sie gehören zu den bislang kaum beachteten Gewinnern der Verbesserung bei der so genannten Mütterrente. Denn sogar Jahrzehnte nach dem Tod ihrer Ehefrau können sie mit mehr Hinterbliebenenrente rechnen oder manchmal sogar erstmals eine Witwerrente erhalten.

Dass die Hinterbliebenenrente keine reine „Frauensache“ ist, müsste sich mittlerweile herumgesprochen haben. Denn immerhin rund 600.000 Männer erhalten mittlerweile eine Hinterbliebenenrente (neben 4,8 Mio. Frauen). Erstaunlich ist allerdings, dass Witwer, selbst wenn sie sich früher gar nicht oder kaum an der Kindererziehung beteiligt haben, jetzt noch von den höheren Mütterrenten für Geburten vor 1992 profitieren. 

Auswirkungen der Mütterrente auf die Hinterbliebenenrente

Seit 1. Juli 2014 wird die Zeit der Kindererziehung für Geburten vor 1992 bei der gesetzlichen Rente durch ein zweites Kindererziehungsjahr beziehungsweise durch einen zusätzlichen Entgeltpunkt pro Kind stärker gewürdigt. Zum 1. Juli stiegen dadurch die Altersrenten der betroffenen Rentnerinnen. Allerdings wird der Zuschlag für sie zum Teil erst gegen Ende dieses Jahres ausgezahlt – dann aber rückwirkend, denn der neue Anspruch gilt seit Juli.

Wer nun meint, dass die höhere Mütterrente für bereits verstorbene Frauen keine Rolle spielt, der irrt sich. Soweit eine Verstorbene vor 1992 Kinder erzogen hatte, gibt es pro Kind auch auf die längst nicht mehr gezahlte Rente einen (fiktiven) Kinderzuschlag. Dieser wird natürlich nicht ausgezahlt, denn Verstorbene erhalten keine Rente. Doch der höhere „fiktive Rentenanspruch“ bringt ihren überlebenden Ehemännern jetzt eine etwas höhere Hinterbliebenenrente.

Ein Beispiel: Die 2010 verstorbene Else S. hat 1970 und 1972 zwei Kinder auf die Welt gebracht. Dafür wurden bei der Altersrente, die sie zuletzt bezogen hatte, zwei Entgeltpunkte berücksichtigt. Diese wurden auch bei der Berechnung der Hinterbliebenenrente ihres Ehemanns Bernd S. mitberücksichtigt. Seit Juli 2014 wird nun aufgrund der Neuregelungen des „Rentenpakets“ die Ursprungsrente von Else S. fiktiv um zwei Entgeltpunkte erhöht. Das bringt der Verstorbenen, die im Westen Deutschlands gelebt hat, theoretisch ein Rentenplus von 57,22 Euro. Die Begriffe „theoretisch“ und „fiktiv“ werden hier gewählt, weil dieser Betrag natürlich an die Verstorbene nicht ausgezahlt wird.

Die 57,22 Euro werden aber seit Juli 2014 bei der Berechnung der Hinterbliebenenrente von Bernd S. einbezogen. Da in seinem Fall noch das alte Recht zur Hinterbliebenenrente gilt, erhöht sich seine monatliche (Brutto-) Hinterbliebenenrente um 60 Prozent von 57,22 Euro. Dies sind 34,33 Euro. Hiervon werden jedoch noch – wie von der gesamten Hinterbliebenenrente – die üblichen Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung abgezogen. 

Sogar neuer Rentenanspruch möglich

In einigen Fällen entsteht aufgrund der Neuregelungen zur Mütterrente sogar erstmals ein fiktiver Rentenanspruch bei den Verstorbenen – und damit auch ein Anspruch auf eine Hinterbliebenenrente.

Auch hierzu ein Beispiel: Martha G. wurde 1940 geboren, sie hat drei Kinder aufgezogen und war niemals sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Nachdem sie 2010 verstarb, erhielt ihr Ehemann Hermann keine Hinterbliebenenrente, da Martha G. selbst keinen Anspruch auf eine Altersrente hatte. Dies änderte sich allerdings jetzt zum 1. Juli 2014. Denn wegen der Neuregelungen zur Mütterrente stehen Martha G. nun theoretisch sechs Kindererziehungsjahre (3 Kinder à 2 Jahren) zu. Damit würde sie nun die Mindestzeit von fünf Jahren, die für eine Altersrente notwendig sind, erfüllen und ihr stände ein (fiktiver) Anspruch auf eine Altersrente zu. Hiervon abgeleitet hat Hermann G. nun erstmals einen Anspruch auf eine Witwerrente. In seinem Fall (drei Kinder) wird sie bei 103 Euro (alte Länder) beziehungsweise 95 Euro (neue Länder) im Monat liegen.

Tipp: In entsprechenden Fällen sollten Witwer umgehend einen Antrag auf die Hinterbliebenenrente stellen. Witwer können nicht erwarten, dass die Deutsche Rentenversicherung selbst aktiv auf die Betreffenden zugeht. Möglicherweise war das Rentenkonto der (längst) Verstorbenen noch nicht einmal geklärt. Dies muss nun umgehend erfolgen. Zur (nachträglichen) Kontoklärung sollte der Witwer einen Termin bei einer Auskunfts- und Beratungsstelle der gesetzlichen Rentenversicherung vereinbaren. Der Rentenversicherung sollte man – soweit vorhanden – Gehaltsunterlagen aus den Beschäftigungszeiten der Verstorbenen, Unterlagen über Zeiten der Ausbildung, des Schulbesuchs, der Arbeitslosigkeit und des Krankengeldbezugs vorlegen. 

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Autor

Rolf Winkel