Soziales / 24.06.2019

Neue Regeln machen Midijob attraktiver

Zum 1. Juli 2019 bleibt für viele Arbeitnehmer in Teilzeit und Geringverdiener etwas mehr Netto vom Brutto übrig. Dafür sorgen die neuen Regeln bei den Midijobs. Sie gelten für Beschäftigungen mit Bruttolöhnen bis 1.300 Euro und bieten für geringere Sozialversicherungsbeiträge den vollen Schutz der gesetzlichen Sozialversicherungen.

Bild zum Thema Neue Regeln machen Midijob attraktiver: Zwei Frauen in einem Büro lesen zusammen ein Schriftstück.

Inhalt

Die Änderungen beim Midijob

Bislang galt: Der Midijob-Bereich begann bei einem monatlichen Bruttolohn von 450,01 und endete bei 850 Euro. Dieser Bereich wird nun auf Bruttolöhne bis unter 1.300 Euro ausgedehnt. Die Beschäftigten müssen in diesem Einkommensbereich zwar Abgaben an die Sozialversicherungen zahlen, jedoch weniger als bei höher bezahlten Jobs. Erst ab 1.300 Euro gelten die ganz normalen Regeln für die Sozialversicherungsbeiträge.

Arbeitnehmer mit einem Lohn bis unter 1.300 Euro profitieren nun davon. Das Bundesarbeitsministerium schätzt die Zahl der Beschäftigten in diesem neuen Übergangsbereich auf 3,5 Millionen. In der bisherigen Gleitzone waren es nur 1,3 Millionen.

Was bleibt vom Netto übrig?

Die neuen Regelungen im Übergangsbereich wirken sich vorteilhaft aus und erreichen die höchste Entlastung bei einem Monatslohn von 850 Euro.

Beispiel: Ein Arbeitnehmer verdient monatlich 850 Euro brutto

Bislang fielen die ganz normalen Abzüge für die Sozialversicherungen von im Schnitt 19,825 Prozent für Arbeitnehmer mit Kind an. Von 850 Euro sind das 168,51 Euro Abzüge. Netto blieben damit 681,49 Euro übrig.
Statt 168,51 Euro fallen für den Brutto-Verdienst von 850 Euro nun nur 145,52 Euro Sozialversicherungsbeiträge an. Das sind 22,99 Euro weniger als bisher. Damit steigt der Nettolohn von 681,49 Euro auf 704,48 Euro an.

Wer monatlich beispielsweise nur knapp über der Minijob-Grenze von 450 Euro verdient, wird nicht zusätzlich entlastet. Bei einem Bruttolohn von 450,01 Euro fallen nach wie vor nur 45,79 Euro an Sozialversicherungsbeiträgen an (mit Kind, Zusatzbeitrag 0,9 Prozent). Normalerweise – also bei Erhebung der vollen Beiträge – wären es 89,21 Euro, also fast doppelt so viel.

Arbeitgeber haben keine Vorteile durch die Midijob-Regelung. Sie zahlen immer ihren regulären Anteil an den Sozialversicherungsbeiträgen. Die berechnen sich wie bisher auf Grundlage des vollen Bruttoentgelts der Beschäftigten.

Midijob als Hauptjob bis unter 1.300 Euro

Die neuen Regeln gelten für alle Arbeitnehmer, für die der Midijob die Hauptbeschäftigung ist. Für sozialversicherte Arbeitnehmer, die im Hauptjob mehr als 1.300 Euro und im Nebenjob zwischen 450,01 und 1.300 Euro verdienen, fallen in beiden Jobs die üblichen Sozialversicherungsbeiträge an (bis zu den Beitragsbemessungsgrenzen).

Werden mehrere Beschäftigungen ausgeübt, wird die Übergangsbereichs-Regelung nur angewandt, wenn die Entgelte der beiden Jobs zusammen unter 1.300 Euro brutto liegen. Wer beispielsweise zwei Jobs hat, in denen er jeweils 500 Euro brutto verdient, braucht also nur geringere Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen.

Kombination von Midijob und Minijob

Arbeitnehmer mit einer sozialversicherten Hauptbeschäftigung haben immer das Recht, daneben einen 450-Euro-Job auszuüben. Dies gilt gleichermaßen für Arbeitnehmer mit regulärer sozialversicherter Beschäftigung mit einem monatlichen Bruttogehalt über 1.300 Euro wie für Midijobber.

Wichtig ist: Erlaubt ist jeweils nur ein einziger Minijob. Ein „Stückeln“ von mehreren Minijobs etwa mit einem Lohn von jeweils 150 Euro ist nicht erlaubt. In dem Minijob dürfen sie Einkünfte in Höhe von 450 Euro erzielen – steuerfrei und – abgesehen von der Rentenversicherung – auch sozialversicherungsfrei.

Ausnahmen von der Midijob-Regelung

Ausgenommen von der Midijob-Regelung sind Azubis und andere Personen, deren Arbeitsentgelt durch besondere Umstände unter 1.300 Euro liegt. Das Azubi-Entgelt liegt regelmäßig unter 1.300 Euro brutto. Dennoch sind sie voll sozialversicherungspflichtig. Das gilt auch für Arbeitnehmer in Altersteilzeit, Kurzarbeiter oder diejenigen, die noch arbeitsunfähig sind, aber an einer stufenweisen Wiedereingliederung ins Arbeitsleben teilnehmen.

Midijob und Sozialversicherung

Midijobber sind in allen gesetzlichen Sozialversicherungen pflichtversichert. Vorteile ergeben sich ab 1. Juli 2019 bei der Rentenversicherung.

Das ändert sich bei der Rentenversicherung

Wie bisher zählt die Zeit der Beschäftigung im Midijob als vollwertige Versicherungszeit – so wie jede andere sozialversicherte Beschäftigungszeit. Das bedeutet: Diese Zeit bringt Rentenansprüche und zählt voll mit, wenn geprüft wird, ob die Voraussetzungen für ein vorzeitiges Altersruhegeld erfüllt sind.

Da die Betroffenen geminderte Beiträge an die Rentenkasse abführen, wurden ihre Rentenanwartschaften bisher allerdings etwas reduziert. Das wirkte sich dann auf die Rentenhöhe aus.

Künftig berechnet die Rentenversicherung trotz der reduzierten Beiträge den Rentenanspruch so, als seien die vollen Beiträge abgeführt worden. Damit bringt beispielsweise ein ganzjährig ausgeübter Midijob mit monatlichen Einkünften von 451 Euro nach dem derzeitigen aktuellen Rentenwert ein Rentenplus von 4,60 Euro monatlich. Nach den bis Ende Juni 2019 geltenden Regeln wären es nur 3,48 Euro gewesen. Das durch Beiträge nicht gedeckte zusätzliche Rentenplus wird nicht aus Steuermitteln, sondern aus der Rentenkasse finanziert.

Das gilt weiterhin bei der Krankenversicherung und Pflegeversicherung

Hier ändert sich nichts. Midijobber sind gesetzlich krankenversichert – wie alle anderen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Als Mitglied einer gesetzlichen Kasse haben sie bei einer längeren Krankheit – nach der sechswöchigen Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber – Anspruch auf bis zu eineinhalb Jahre Krankengeld. Trotz der niedrigeren gezahlten Beiträge wird das Krankengeld auf Grundlage des vollen Bruttoverdienstes berechnet. Das war bisher schon so.

Bei einem Bruttoverdienst von 451 Euro stehen ihnen 277,50 Euro Krankengeld im Monat zu und das maximal für 78 Wochen. Im Falle einer Schwangerschaft erhalten sie insgesamt 1.287 Euro Mutterschaftsgeld von der Krankenkasse (13 Euro pro Kalendertag).

In der gesetzlichen Pflegeversicherung sind Midijobber mit einem verringerten Beitragssatz gleichberechtigt versichert – wie bisher.

Arbeitslosenversicherung und Anspruch auf Arbeitslosengeld

Midijobber sind weiterhin arbeitslosenversichert. Dies gilt auch dann, wenn ihre wöchentliche Arbeitszeit unter 15 Stunden liegt. Bei einem Bruttoverdienst von 451 Euro erwerben die Betroffenen nach einjähriger Beschäftigungszeit einen Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 in Höhe von 238,50 Euro monatlich (Steuerklasse I/IV mit Kind). Für Kinderlose liegt der Monatssatz bei 213,60 Euro. Die Leistung wird nach 12-monatiger Beschäftigung für sechs Monate, nach 24-monatiger Beschäftigung für zwölf Monate gezahlt.

Die geminderte Beitragszahlung hat bei Midijobbern in der Arbeitslosenversicherung keine negativen Folgen.

Tipp:

Midijobber bauen neue Ansprüche an die Arbeitslosenversicherung auf – allerdings nur auf recht niedrige Leistungen. Wichtig ist daher: Wer seinen Midijob verliert und Arbeitslosengeld 1 beantragt sollte aufpassen. Hat der Jobber innerhalb der letzten zwei Jahre vor dem Antrag auf Arbeitslosengeld 1 schon einmal ein höheres Arbeitslosengeld 1 bezogen (etwa aus einer früheren Vollzeitbeschäftigung), kann er auf die „Bestandsschutzklausel“ des SGB III pochen. Die einmal erreichte Höhe der „Stütze“ ist danach, auch wenn ein neuer niedrigerer Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 erworben wurde, bei einer erneuten Arbeitslosigkeit garantiert.

Die entsprechende Regelung findet sich in § 151 Abs. 4 SGB III. Danach gilt: „Haben Arbeitslose innerhalb der letzten zwei Jahre vor der Entstehung des Anspruchs Arbeitslosengeld bezogen, ist Bemessungsentgelt mindestens das Entgelt, nach dem das Arbeitslosengeld zuletzt bemessen worden ist.“

Midijob und Steuer

Für diese Jobs gelten steuerlich die gleichen Regeln wie für alle anderen sozialversicherungspflichtigen Jobs. Die Einkünfte aus Midijobs müssen Arbeitnehmer – anders als bei Minijobs – grundsätzlich versteuern. Ob tatsächlich Steuer anfällt, hängt davon ab, welche Gesamteinkünfte die Betroffenen haben, gegebenenfalls zusammen mit ihrem Ehepartner. Bei einem Bruttoentgelt von 1.300 Euro und Steuerklasse I oder IV fallen beispielsweise monatlich 33 Euro an Lohnsteuer an, bei 1.200 Euro sind es etwa 18 Euro.

Bei einem 451-Euro-Job mit Steuerklasse V zieht der Arbeitgeber zunächst monatlich 39 Euro als Lohnsteuer ab. Wie viel Steuern dann tatsächlich unterm Strich gezahlt werden müssen, entscheidet sich erst im Folgejahr mit der Steuererklärung – und hängt bei Verheirateten vor allem von der Höhe der Einkünfte des Ehepartners ab.

Besser Midijob als Minijob

Midijobs haben viele Vorteile. Für geringe Sozialversicherungsbeiträge gibt es den vollen Schutz der gesetzlichen Sozialversicherungen. Wer den Job verliert, hat meist Anspruch auf Arbeitslosengeld. Bei Arbeitsunfähigkeit besteht Anspruch auf Krankengeld. Gerade für Mütter ist wichtig: Sie haben Anspruch auf das Mutterschaftsgeld der gesetzlichen Krankenversicherung und auf Krankengeld zur Kinderpflege.

Ganz anders bei Minijobs mit einem monatlichen Arbeitsentgelt von maximal 450 Euro. Viele Minijobber würden mit einem Midijob deutlich besser fahren. Dafür reicht unter Umständen eine geringfügige Lohnerhöhung von 450 auf 450,01 Euro monatlich.

Vorteile auch für Arbeitgeber

Midijobs rechnen sich auch für Arbeitgeber, da sie gegenüber Minijobs Sozialversicherungsbeiträge sparen. Minijobs sind für Arbeitgeber nämlich die teuersten Beschäftigungsverhältnisse. Für einen Minijobber muss ein gewerblicher Arbeitgeber monatlich 31,15 Prozent an Abgaben an die Minijob-Zentrale entrichten. Davon gehen 13 Prozent an die Krankenversicherung und 15 Prozent an die Rentenversicherung. Hinzu kommt ein pauschaler Satz von 2 Prozent für die Steuer sowie einige kleinere Umlagen. Bei einem vollen 450 Euro-Job kommen damit allein Pauschalabgaben in Höhe von 140,18 Euro zusammen.

Im Vergleich fallen für den Arbeitgeber bei einem Midijob deutlich geringere Abgaben an. 451-Euro-Jobs sind für Arbeitgeber ganz normale sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. Die Arbeitgeberbeiträge zur Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung und Pflegeversicherung belaufen sich 2019 auf 19,825 Prozent. Das bedeutet für einen 451-Euro-Job: Derzeit muss ein Arbeitgeber hierfür monatlich etwas mehr als 89 Euro an Sozialabgaben entrichten. Das sind etwa 50 Euro weniger als bei einem 450-Euro-Job.

Weitere Informationen:

www.ihre-vorsorge.de

Midijob-Rechner auf Ihre Vorsorge

Autorenbild

Autor

Rolf Winkel