Gesundheit / 02.12.2019

Neue Wege in der beruflichen Reha

Das Ziel: mehr Menschen in Arbeit bringen. Dafür wurde die berufliche Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover neu ausgerichtet – mit Erfolg.

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Die Arbeitswelt wandelt sich und mit ihr die berufliche Rehabilitation: Berufsförderungswerke ändern ihre Angebote und die Deutsche Rentenversicherung nimmt den ganzen Lebenskontext eines Antragstellers in den Fokus – mit Erfolg, wie der Geschäftsführer der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover, Jan Miede, im Interview mit ihre-vorsorge.de sagt.

Warum muss die berufliche Rehabilitation sich immer wieder neu erfinden?

Früher war berufliche Rehabilitation gleichzusetzen mit Bildungsangeboten. Danach haben die Menschen die Einrichtung verlassen und waren auf sich allein gestellt. Seit Mitte der neunziger Jahre haben immer weniger Absolventen anschließend auch wirklich eine Arbeit gefunden. Das wollten und wollen wir ändern.

Wie haben sich Anforderungen an die berufliche Reha verändert?

Das hängt unter anderem mit der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Die Berufsbilder haben sich verändert, denn die Zeit geht immer wieder über bestimmte Berufe hinweg – Stichwort Digitalisierung. Und darauf muss auch die Reha eingehen. Das Ziel ist, dass Menschen in Arbeit kommen – zu ihrem eigenen Vorteil, aber auch zum Vorteil der Solidargemeinschaft. Dieses Ziel muss für alle Reha-Anbieter im Mittelpunkt stehen.

Wann ist die berufliche Rehabilitation erfolgreich?

Unser Ziel ist es, dass mehr als 80 Prozent der Rehabilitanden anschließend eine sozialversicherungspflichtige oder selbstständige Beschäftigung aufnehmen, die mit ihrem Gesundheitszustand vereinbar ist. Das hielten viele für nicht möglich. Aber es funktioniert, wenn man die Reha neu ausrichtet: weg vom eingleisigen Schulen der Menschen hin zum eigenständigen und handlungsorientierten Lernen. Dazu gehört auch die Befähigung, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und einen Weg in die Arbeit zu suchen.

Wie kann man das erreichen?

Nehmen wir das Beispiel Berufsförderungswerke. Sie bekamen immer weniger Zuspruch, weil deren Absolventen oftmals arbeitslos blieben. Daher stellte sich die Frage, wie man das ändern konnte. Die Berufsförderungswerke in Niedersachsen haben sich schließlich neu aufgestellt: organisatorisch und inhaltlich. Gemeinsam haben wir 2012 kurzzeitige Betreuungsangebote entwickelt, die – über einen Zeitraum von sechs Monaten – den Absolventen dabei helfen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Das ist ein Beispiel dafür, wie man auf gesellschaftliche Anforderungen eingehen kann.

Darüber hinaus haben wir begonnen, den individuellen Bedarf geeigneter Rehabilitanden genau zu ermitteln. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Inhalte von Umschulungen. Die Berufsförderungswerke haben alle Ausbildungspakete neu sortiert und bedarfsgerecht zusammengestellt. Das war nötig, um unser Ziel zu erreichen, und das heißt: von der Bildungs- zur Integrationsorientierung.

Wie sehen die Wege dazu aus?

Wir schauen uns heute genau an: Mit wem haben wir es zu tun? In welchem Lebenskontext stehen die Menschen? Und welche konkrete sozialversicherungspflichtige Tätigkeit ist das Ziel? Kennt man die Antworten auf diese Fragen, müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, um genau dieses Ziel zu erreichen.

Zunächst wird in strukturierten Interviewbögen der persönliche Bedarf der Rehabilitanden ermittelt. Im nächsten Schritt folgt ein Assessment, in dem der Mensch als Ganzes betrachtet wird, nicht nur von seinem Krankheitsbild her. Es werden Bewerber- und Bewerbungsunterlagen erstellt. Und wir kümmern uns auch um die Eingliederung – wir warten nicht auf die Agentur für Arbeit.

Das heißt, Sie pflegen Kontakte in die regionale Wirtschaft und versuchen die Absolventen in Arbeit zu vermitteln?

Ja, es gibt Reha-Integrationsmanager. Die begleiten die Patienten während des gesamten Prozesses. Und es gibt Arbeitsmarktexperten, die nach Arbeitsmöglichkeiten für die Absolventen Ausschau halten. Wir überlassen da nichts mehr dem Zufall. Und das verbessert dann die Ergebnisse.

Das bedeutet aber mehr Aufwand bei der Betreuung der Rehabilitanden?

Selbstverständlich, aber es lohnt sich. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter. Bei unseren jährlich mehr als 40.000 Patienten in der medizinischen Rehabilitation analysieren wir, ob ihre Erwerbsfähigkeit in hohem Maß gefährdet ist. Wenn das der Fall ist, greift eine medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR). Darüber hinaus betreuen wir eine bestimmte Anzahl dieser erwerbsgefährdeten Rehabilitanden mit einem besonderen Fallmanagement. Das gilt für etwa 6.000 der 10.000 MBOR-Fälle im Bereich der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover. Diese Rehabilitanden werden bereits in der medizinischen Reha von Sozialarbeitern betreut. Sie erkennen dann häufig schon sehr früh den Bedarf einer anschließenden beruflichen Rehabilitation.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Direkt nach Abschluss der Rehabilitationen kommen mehr als 80 Prozent der Absolventen in Arbeit. Die Betrachtung nach sechs, 12 und 24 Monaten zeigt, dass diese Zahl sogar noch steigt. Nach 24 Monaten ist der Höchststand erreicht. Unter dem Strich können wir sagen, dass sich der Erfolg der Rehabilitationen deutlich verbessert hat.

Was gibt es noch zu verbessern?

Wir versuchen natürlich ständig, noch besser zu werden. Das ist ein fortlaufender Prozess. Wir sammeln in mehreren Pilotprojekten, die auch vom Bundesarbeitsministerium gefördert werden, neue Erfahrungen. Die werden – im Erfolgsfall – in den späteren Reha-Regelbetrieb einfließen.

Weitere Informationen

Berufliche Reha (LTA)
Themenschwerpunkt auf ihre-vorsorge.de

Berufliche Rehabilitation
Infos der Deutschen Rentenversicherung

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Autor

Dr. Michael Krause