Rente / 30.08.2021

Per Versorgungsausgleich zur Frührente

Eine Scheidung bringt manchen Versicherten einen vorzeitigen Rentenanspruch. Wie sich der Versorgungsausgleich auswirkt.

Per Versorgungsausgleich zur Frührente. – Tafel mit Figuren von Frau und Mann auf einer ausgeglichenen Waage.

Inhalt

Rund 150.000 Ehen werden in Deutschland jedes Jahr geschieden. Und nach der Scheidung geht’s ans Teilen – auch bei der Rente. Häufig sorgt der Versorgungsausgleich erst dafür, dass einer der Ex-Partner früher in Rente gehen kann.   

Wer vorzeitig in Rente gehen will, muss nicht nur das entsprechende Alter erreicht haben, sondern auch mindestens 35 Versicherungsjahre auf dem Rentenkonto haben. Diese Mindestversicherungszeit wird auch als „Wartezeit“ bezeichnet. Eine Scheidung kann dazu führen, dass einem Partner über den Versorgungsausgleich zusätzliche Wartezeit zugerechnet wird.

Diese zusätzliche Wartezeit spielt eine Rolle bei diesen beiden Arten der vorgezogenen Altersrente: 

  • Bei der Altersrente für langjährig Versicherte, die mit Abschlägen ab 63 bezogen werden kann, und bei der
  • Altersrente für schwerbehinderte Menschen, die es mit Abschlag derzeit frühestens mit 61 Jahren und vier Monaten (Jahrgang 1960) gibt.

Versicherungsjahre und Versicherungsmonate, die durch den Versorgungsausgleich gewonnen wurden, werden bei beiden Renten voll anerkannt. 

Achtung bei der Altersrente für besonders langjährig Versicherte: Für die dritte Art der vorgezogenen Altersrente gilt eine 45jährige Wartezeit. Die Zeit wird etwas anders berechnet. Wartezeitmonate aus dem Versorgungsausgleich zählen hier nicht mit.

Höhe der Rente: Entgeltpunkte werden geteilt

Beim Versorgungsausgleich geht es bei der gesetzlichen Rente zunächst um die Aufteilung der Rentenpunkte („Entgeltpunkte“). Hält die Ehe lebenslang, so können die Partner im Alter gemeinsam über die gemeinsam erworbenen Ansprüche verfügen. Wird die Ehe dagegen geschieden, so werden die verschiedenen in der Ehezeit erworbenen Versorgungsansprüche zwischen den Partnern ausgeglichen. Diese Ansprüche werden im Standardfall innerhalb der jeweiligen Versorgungssysteme (also „intern“) geteilt. Bei der gesetzlichen Rente ist das so vorgeschrieben.

Beispiel:

Sylvia und Peter S. aus Hamburg lassen sich nach einer 35-jährigen Ehezeit scheiden. Peter S. (Jahrgang 1959) hat übers Ganze gesehen in der Ehezeit immer ein etwa durchschnittliches sozialversicherungspflichtiges Gehalt bezogen. Somit kommt er auf seinem Konto bei der deutschen Rentenversicherung in den 35 Ehejahren auf 35 Entgeltpunkte (EP). Seine Ehefrau Sylvia (geboren im September 1958) kommt nur auf 7 EP. Zusammen sind das 42 EP, die Hälfte davon sind 21 EP. Bei einer Scheidung muss Peter S. 14 EP abgeben, Sylvia S. erhält dagegen zusätzlich 14 EP. Somit kommen beide Partner in der Ehezeit auf je 21 EP.


Der Partner, der durch den Versorgungsausgleich Entgeltpunkte gewinnt, muss noch gar kein Rentenkonto haben. Wer noch keines hat, kann aufgrund des Versorgungsausgleichs eines bekommen.

Gegebenenfalls können Geschiedene allein durch den Versorgungsausgleich und ohne „eigene“ Versicherungszeiten eine Rente erhalten.  Für die Einrichtung des Kontos erhebt die Deutsche Rentenversicherung keine Verwaltungsgebühren.

Wie bei den Versicherungszeiten der Ausgleich erfolgt

Beim Versorgungsausgleich kann der Partner, der Rentenpunkte zusätzlich erhält, auch zusätzliche Versicherungszeiten zuerkannt bekommen. In unserem Beispiel ist das Sylvia S.  Allerdings werden die Ansprüche nicht einfach geteilt wie bei den Rentenpunkten.

Wichtig ist zunächst: Auch der Partner, der Entgeltpunkte abgibt, verliert niemals Versicherungszeiten. Peter S. hat in der 35jährigen Ehezeit lückenlos Rentenansprüche erworben und kommt damit auf 35 anerkannte Versicherungsjahre. Hiervon büßt er durch die Scheidung nichts ein.

Sylvia S., die zusätzliche EP erhält, kann dagegen auch zusätzliche Versicherungszeiten bekommen. Wie viel Wartezeit sie gewinnt, wird in mehreren Schritten ermittelt.

Entgeltpunkte: Wichtig für die Rente

Wer fleißig Entgeltpunkte sammelt, erhält im Alter mehr Rente. Aber was sind eigentlich Entgeltpunkte und wie bekommt man sie?

Ausgangspunkt: Gutgeschriebene Entgeltpunkte

Zunächst kommt es auf die „Zusatzentgeltpunkte“ durch den Versorgungsausgleich an. Hiervon ausgehend wird bestimmt, wie viele Wartezeitmonate dem „gewinnenden“ Partner maximal gutgeschrieben werden.

Laut Gesetz muss die Zahl der Zusatzentgeltpunkte immer durch den Wert 0,0313 geteilt werden.  Als Ergebnis erhält man die Zahl der Versicherungsmonate, die dem durch den Versorgungsausgleich begünstigten Partner maximal zuerkannt werden.

In unserem Beispielfall werden Sylvia S.  14 EP zuerkannt. Das bedeutet:  Gutgeschrieben werden ihr als Wartezeiten maximal

14 EP : 0,0313 = 447,28 Versicherungsmonate = 37 Jahre und vier Monate

Doch hierbei bleibt es nicht. Der Zuwachs an Versicherungszeiten ist nämlich doppelt begrenzt.

Begrenzung 1: Ehedauer

Maximal können dem gewinnenden Partner so viele Versicherungsmonate gutgeschrieben werden, wie die Ehe gedauert hat. Im Beispielfall hat die Ehe nur 35 Jahre bestanden, daher werden Sylvia S. auch nur maximal 35 Versicherungsjahre gutgeschrieben.

Begrenzung 2: Keine Doppelansprüche

Zudem werden von den 35 „Maximaljahren“ die Zeiten abgezogen, in denen Sylvia S. selbst Wartezeit-Ansprüche erworben hat.

Bei der Wartezeit von 35 Jahren, die für die Altersrente für langjährig Versicherte und diejenige für schwerbehinderte Menschen gilt, werden neben Pflichtversicherungszeiten unter anderem auch Kinderberücksichtigungszeiten bis zum 10. Geburtstag eines Kindes anerkannt.

Sylvia S. hat 13 Jahre Kindererziehungszeiten und Kinderberücksichtigungszeiten bis zum zehnten Geburtstag ihres zweiten Kindes auf ihrem Rentenkonto und zudem noch sieben Jahre einer versicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigung.

Diese insgesamt 20 Jahre werden auf die 35jährige Wartezeit ohnehin angerechnet. Sie werden deshalb von den 35 Jahren, die ihr durch den Versorgungsausgleich zuwachsen könnten, abgezogen.

Mithin gewinnt sie durch den Ausgleich 15 zusätzliche Versicherungsjahre, was in ihrem Fall aber am Ergebnis nichts ändert: Bei der Scheidung kommt sie auf 35 anerkannte Versicherungsjahre. Damit kann sie – sobald sie die sonstigen Voraussetzungen für die beiden vorzeitigen Altersrenten, um die es hier geht, erfüllt – vorzeitig in Rente gehen.

Was Sylvia S. als Rente erhalten kann

Die Hamburgerin kann ab dem Monat nach ihrem 63. Geburtstag, den sie im September dieses Jahres feiert, die Altersente für langjährig Versicherte erhalten. Diese wird – soweit zwischen Scheidung und Renteneintritt keine weiteren Versicherungszeiten hinzukommen – auf Grundlage der 21 EP berechnet, die auf ihrem Rentenkonto gespeichert sind.

Zur Erinnerung. 14 EP stammen dabei aus dem Versorgungsausgleich. Da sie die Altersrente vorzeitig und damit länger bezieht, fallen auf die 21 EP noch Abschläge von 0,3 Prozent für jeden Monat des vorzeitigen Renteneintritts an.

Bei Sylvia S., die die reguläre Altersrente mit 66 Jahren erhalten könnte, fallen für drei Jahre Abschläge an, also für 36 Monate. Diese summieren sich auf (36 x 0,3 =) 10,8 Prozent. Die Abschläge belaufen sich auf (10,8 % x 21 EP =) 2,268 EP.

Ihre Altersrente wird damit auf Grundlage von 18,732 EP berechnet. Beim aktuellen Rentenwert von 34,19 Euro für die alten Bundesländer ergibt das für die Hamburgerin eine monatliche Bruttorente in Höhe von 640,45 Euro.

Schwerbehinderung: Wäre Sylvia S. schwerbehindert, so würden deutlich geringere Rentenabschläge anfallen. Bei einem Renteneintritt im Oktober 2021 (wie er bei der Altersrente für langjährige Versicherte möglich wäre), würden sich die Abschläge lediglich auf 3,6 Prozent belaufen. Ihre Altersrente für schwerbehinderte Menschen würde dann brutto 692,14 Euro betragen.

Zum Vergleich: Ohne die Ansprüche aus dem Versorgungsausgleich könnte die Hamburgerin erst ab Oktober 2024 die reguläre Altersrente erhalten. Das ist der Monat nach ihrem 66. Geburtstag. Die Rente würde zudem – wenn sie keine neuen Ansprüche erwirbt – auf Grundlage der sieben EP berechnet, die sie ohne den Ausgleich auf ihrem Rentenkonto hat. Nach dem aktuellen Rentenwert wären das knapp 240 Euro.

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Autor

Rolf Winkel