Nachgefragt / 19.03.2018

Projekt Rente: Altersvorsorge frühzeitig angehen

Der größte Fehler in Sachen Altersvorsorge ist, dass viele Sparer gar nicht wissen, was sie abgeschlossen haben, sagt Autor und Rentenberater Thomas Gasch. Mit seinem Buch „Mach die Rente zu deinem Projekt“ will er Hilfestellung geben.

Hände umrahmen ein gezeichnetes Sparschwein. – Bild:sdecoret - stock.adobe.com

Thomas Gasch ist Mitarbeiter der Deutschen Rentenversicherung. In Tausenden Beratungsgesprächen hat er erlebt, wo es bei der Altersvorsorge klemmt und selbst gelernt, dass das Vorsorgen viel mehr ist als Sparen. Darüber hat er ein Buch geschrieben, das aus der Reihe der Ratgeber heraussticht. Sein Appell ist zugleich Buchtitel: „Mach die Rente zu deinem Projekt“ (Walhalla, 14,95 Euro).

In Ihrem Buch empfehlen Sie Vorsorgewilligen die „AidA-Strategie“. Ist die Botschaft „wer gut vorsorgt, kann im Alter Kreuzfahrten machen“?

Thomas Gasch (lacht): Tatsächlich ist die Idee zum Buch mir auf einer Kreuzfahrt gekommen. Aber bei mir steht AidA für „Alles ist deine Altersvorsorge“. Dahinter steckt der Gedanke, dass nahezu alles, was ich heute tue, Auswirkungen auf meine Altersversorgung hat und damit, dass ich gut bis zur Rente durchhalte und nicht vermeidbare Diabetes mich auf der Zielgeraden die Performance kostet.

Das heißt Altersvorsorge ist viel mehr als sparen?

Thomas Gasch: Richtig. Es gibt viele Faktoren der Altersvorsorge: Ernährung, Bildung, der gute Umgang mit mir selbst oder soziale Kontakte.

Und Sie schreiben, mit der Vorsorge muss man möglichst früh starten.

Thomas Gasch: Und damit meine ich nicht nur das Sparen. Es gibt den Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Die Grundsteine für eine gesunde Ernährung oder Bildung werden früh gesetzt.

Aber ist das nicht auch paradox für Jugendliche und junge Erwachsene zu sagen, sie müssen vernünftig sein, sich gut ernähren und sparen. Bis zur Rente ist es doch noch lange hin.

Thomas Gasch: Ich mache regelmäßig mit jungen Leuten eine Art Workshop zum Thema Altersvorsorge. Wenn ich mit „Sparen“ oder „Rente“ kommen würde, wären sie gleich raus. Wir versuchen einen anderen Einstieg und fragen sie „was ist eigentlich alt“? Darüber weckt man Interesse. Man kann dann diskutieren, wie sie später mal leben wollen. Aber es gibt auch gar nicht so wenige junge Menschen, die bereits Berührungspunkte mit der Rente haben – etwa weil der Vater Frührentner ist oder sie eine Waisenrente beziehen.

Sie arbeiten bei der Deutschen Rentenversicherung und schreiben, dass Sie über 50.000 Beratungsgespräche geführt haben. Was sind die größten Hindernisse für die Menschen, sich mit der Altersvorsorge zu beschäftigen?

Thomas Gasch: Ganz unterschiedlich: Natürlich gibt es Menschen im unterem Lohnbereich, die sich schlicht keine Altersvorsorge leisten können. Hinzu kommt, dass Rente kein „Fun-Thema“ ist. Ein Auto kaufen macht mehr Spaß. Oft begegne ich auch der Einstellung, dass Altersvorsorge sich doch eh nicht lohne. Meist fußt die Einstellung auf Hörensagen. Irgendwer in der Verwandtschaft oder Freunde haben z.B. gesagt, Riestern lohne nicht.

Was sagen Sie diesen Menschen?

Thomas Gasch:Ich frage sie, ob sie erpressbar sein wollen. Keiner will erpressbar sein. Jeder wünscht sich Freiraum. Wenn man aber nicht vorsorgt, schrumpfen die Freiräume. Und wer Sozialleistungen empfangen will, muss Voraussetzungen erfüllen. Man begibt sich in die Abhängigkeit von Vater Staat.

Menschen, die unsicher sind, gebe ich das Motto „handeln statt hoffen“ mit. Die Einstellungen „ICH übernehme Verantwortung“, „ICH kann ...“ und „ICH werde ...“ sind besser als passiv zu hoffen, dass es später schon reichen wird.

Das sind die eigenen Unsicherheiten, es gibt aber auch „externe“: Niedrigzinsphase, Börsenturbulenzen, Euro-Krise. Sind diese Unsicherheiten eine Triebfeder oder eher ein Bremsklotz für die Vorsorge?

Thomas Gasch: Ich denke beides. Es kommt auf die eigene Einstellung an. Wir hatten schon andere Finanzmarkt- und Wirtschaftskrisen und man muss sich eingestehen, dass es auch weiter Krisen geben wird. Gerade persönliche Krisen sind auch Chancen was zu verändern.

Ein weiter Punkt sind die Sicherheiten oder die Garantien. Derzeit wird ja viel diskutiert, ob man bei der Altersvorsorge zu Gunsten der Rendite nicht Abstriche machen sollte bei der Sicherheit. Sollten sich die deutschen Sparer mehr trauen?

Thomas Gasch: Ja, definitiv. Zu viele Menschen besitzen Bausparverträge als Sparanlage, niedrig verzinste Lebensversicherungen als Altersvorsorge oder parken Geld lange auf Girokonten.

Mehr Sparer sollten sich an Aktien wagen und z.B. täglich kurz vor der Tagesschau „Börse im Ersten“ anschauen. Dann entwickeln sie ein Gefühl für die Risiken einer Aktie und vielleicht weckt es auch ihr Interesse, sich mit Finanzdingen zu beschäftigen.

Mittlerweile hat sich das Sparverhalten tendenziell schon ein wenig in Richtung breitere Streuung der Anlageklassen entwickelt.

Was sind denn die typischen Fehler in der Altersvorsorge?

Thomas Gasch: Sie werden es kaum glauben: Der größte Fehler ist, dass viele Sparer gar nicht wissen, was sie abgeschlossen haben – etwa einen reinen Fondssparplan oder eine Versicherung mit Fondsanteil.

Schlimmer noch: Sie wissen oft nicht, wozu die Produkte dienen – Altersvorsorge, Kapitalbildung oder Risikovorsorge. Das sind unterschiedliche Sparprozesse und Ziele. Wer Immobilien zum Zweck der Altersvorsorge angeschafft hat, vergisst zudem oft Rücklagen für die Instandhaltung.

Liegt das an der Beratung?

Thomas Gasch: Falsche oder – vorsichtiger ausgedrückt – interessengeleitete Beratung wird sicherlich eine Rolle spielen.

Ein Problem ist, dass viele Menschen immer noch erwarten, dass Beratung kostenlos ist. Am Ende bezahlen sie die Beratung über Provisionen und Gebühren.

Da kann es günstiger sein, ein paar Hundert Euro für eine Beratung auszugeben und dann genau zu wissen, was und wozu man ein Produkt gekauft hat.

Sie sprechen da die Beratung an von unabhängigen Versicherungsberatern und über Verbraucherzentralen?

Thomas Gasch: ... und von der Deutschen Rentenversicherung, bei der ich arbeite. Sie hat bei der Altersvorsorge eine vom Gesetzgeber gewollte Wegweiserfunktion. Finanztest hat die Beratung getestet und durchaus positiv bewertet.

Bei einem Termin in einer unserer Auskunfts- und Beratungsstellen kann man Fragen erörtern, etwa ob das Rentenkonto geklärt ist, wann man in Rente gehen kann und wie viel Rente man kriegt. Zusätzlich informieren wir auch zur privaten zusätzlichen Altersvorsorge wie etwa der Riester-Rente oder betrieblichen Altersversorgung.

Wir können aber keine Produkte vermitteln oder empfehlen. Da ist man dann bei Verbraucherzentralen oder bei unabhängigen Finanz-, Honorar- oder Versicherungsberatern gut aufgehoben.

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Autor

Michael J. John