Gesundheit / 17.02.2020

Ratgeber Betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung: Das ist wichtig beim Arbeitskraftschutz über den Chef

Eine betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung hat viele Vorteile, doch auch einige Nachteile, die ein Versicherter vor dem Abschluss gut abwägen sollte. Ratsam ist es, immer auch eine private Alternative anzufragen und zu vergleichen, bevor man sich entscheidet.

Bild zum Thema Ratgeber Betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung: Älterer Handwerker im Blaumann steht mit einer Wasserflasche in der Hand.

Inhalt

Steuerliche Aspekte der betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung

Die Kehrseite der Medaille: In der Leistungsphase, wenn also Berufsunfähigkeit eingetreten ist, müssen die Leistungen der betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung voll versteuert werden. Dazu kommen bei gesetzlich Krankenversicherten die vollen Sozialversicherungsbeiträge für die gesetzliche Krankenversicherung und Pflegepflichtversicherung.

Bei einer privat abgeschlossenen Berufsunfähigkeitsversicherung sind im Gegensatz die Belastungen deutlich geringer, weil die Rente lediglich mit dem Ertragsanteil besteuert wird, der von der voraussichtlichen Restlaufzeit der Rente abhängt. Beträgt die bei einem 47-Jährigen noch 20 Jahre, müssen lediglich 21 Prozent der Rente versteuert werden.

Die betriebliche Berufsunfähigkeitsrente muss also um mindestens 30 Prozent höher gewählt werden im Rahmen der betrieblichen Absicherung, um diese Mehrbelastung schultern zu können.

Zu klären ist vor dem Abschluss einer betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung auch, wer die Beiträge übernimmt, wenn die Lohnfortzahlung bei längerer Krankheit ausläuft, eine Berufsunfähigkeit aber noch nicht festgestellt werden kann. Gerade bei der arbeitgeberfinanzierten BU-Rente werden länger erkrankte Arbeitnehmer finanziell oft „kalt erwischt”, wenn sie die Beiträge selbst tragen müssen. Hier sollte vereinbart sein, dass der Arbeitgeber die Beiträge zahlt, bis eine Berufsunfähigkeit festgestellt wird und der Versicherer dann ja die Beitragszahlung in aller Regel übernimmt.

Vereinfachte Gesundheitsprüfung ein Pluspunkt

Auf der Habenseite kann die betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung oft eine vereinfachte Gesundheitsprüfung für sich verbuchen. Statt der üblichen zehn bis 15 Fragen reichen eine Handvoll Fragen oder vor allem bei größeren Arbeitgebern eine sogenannte Dienstobliegenheitserklärung. Die kann zum Beispiel so aussehen:

Erklärung der (haupt)versicherten Person/des Versorgungsanwärters

Mit meiner Unterschrift bestätige ich, dass ich:

  • zurzeit uneingeschränkt arbeitsfähig bin und meinen Dienst voll versehen kann,
  • in den letzten zwei Jahren vor Versicherungsbeginn – bei kürzerer Betriebszugehörigkeit für die Dauer der Betriebszugehörigkeit – nicht mehr als 2 Wochen ununterbrochen arbeitsunfähig war sowie
  • keine Gesundheitsstörungen bestehen, die zur Anerkennung einer Behinderteneigenschaft (Minderung der Erwerbsfähigkeit (M. d. E.) / Wehrdienstbeschädigung (WDB) / Grad der Behinderung (G. d. B.) oder Pflegegrad geführt haben und
  • keine vollständige oder teilweise Erwerbsminderung oder eine Anerkennung oder Beantragung einer Erwerbsminderungs-, Erwerbsunfähigkeits- bzw. Berufsunfähigkeitsleistung bei einem gesetzlichen oder privaten Versicherer besteht.

Eine Variante der betrieblichen Altersvorsorge ist die betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung. Hier schließt der Arbeitgeber als Versicherungsnehmer die Berufsunfähigkeitsversicherung ab, versicherte Person und Nutznießer ist aber der Arbeitnehmer.

Erhältlich ist die betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung aber auch in einer anderen Variante als Kollektivlösung über den Arbeitgeber: Der schafft dabei lediglich den vertraglichen Rahmen und verhandelt gegebenenfalls bessere Konditionen als bei einer klassischen BU-Versicherung, die jeder selbst abschließen kann. Vertragspartner ist bei dieser Lösung der Arbeitnehmer, finanzielle Vorteile haben bei dieser Lösung weder der Arbeitgeber noch der Arbeitnehmer.

Der Arbeitgeber kann bei einer „echten” betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung die Beiträge voll oder zum Teil bezahlen, ergänzend kann dann Entgelt des Arbeitnehmers umgewandelt werden für die betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung.

Und hier setzt der erste Vorteil der betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung an: Die Beiträge werden nicht mehr aus dem Nettolohn bezahlt, sondern aus dem Bruttolohn – das spart Abgaben beim Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Insgesamt wird der Schutz dadurch also erst einmal günstiger.

Zugangshürden liegen deutlich niedriger

Einen so hürdenlosen Zugang zur Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es außerhalb der betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung leider so gut wie gar nicht. Das Risiko einer vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzung wird so deutlich reduziert – im Falle der Dienstobliegenheitserklärung gen Null. Und diese Streitigkeiten über vermeintlich oder tatsächlich falsche Angaben im Antrag für die Berufsunfähigkeitsversicherung sind eine der häufigsten Gründe für die Leistungsverweigerung der BU-Versicherung.

Viele Arbeitnehmer mit Vorerkrankungen haben allerdings überhaupt nur noch im Rahmen einer betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung die Möglichkeit zur Arbeitskraftabsicherung, weil sie die reguläre Gesundheitsprüfung nicht bestehen würden und auch für die diversen Sonderaktionen der BU-Versicherer mit vereinfachten Gesundheitsfragen oft zu alt oder krank sind.

Ein anderer, häufiger Grund für Leistungsablehnungen sind übrigens nachteilige Vertragsbedingungen: Auf die Qualität des Bedingungswerkes haben die Angestellten aber bei der betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung kaum Einfluss, denn in aller Regel wählt das Unternehmen den Vertragspartner aus – ob der nun Top-Bedingungen hat oder Verbraucherfreundlichkeit weniger groß schreibt, spielt bei der Suche nach einer Berufsunfähigkeitsversicherung eine große Rolle, bei der betrieblichen BU aber hat der Arbeitnehmer als Verbraucher kein Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht.

Konflikt mit dem Arbeitgeber als Vertragspartner

Ein weiterer Konflikt kann im vermeintlichen Vorteil liegen, dem Abschluss der Berufsunfähigkeitsversicherung über den Arbeitgeber. Denn der Arbeitgeber ist Vertragspartner und daher auch im Leistungsfall erst einmal derjenige, der die Ansprüche geltend machen muss – wie engagiert er das tun wird, ist sicherlich von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Aber was immer gleich sein wird ist der Umstand, dass der Arbeitgeber viel über die Gesundheitshistorie und den aktuellen Gesundheitszustand auch bei längerer Krankschreibung erfahren wird.

Im Leistungsfall kann es so dazu kommen, dass der Arbeitgeber Einsicht in vertrauliche Gesundheitsunterlagen erhält und sogar selbst einschätzen muss, ob und in welcher Form Berufs(un)fähigkeit gegeben sein könnte. Und solche Informationen könnten natürlich auch in der Firma gegen einen Mitarbeiter instrumentalisiert werden. Natürlich gibt es arbeits- und datenschutzrechtliche Vorschriften, die das verhindern sollen – nur wie die in der Praxis funktionieren, das weiß man erst im Leistungsfall.

Portabilität der betrieblichen BU eingeschränkt

Was in der Praxis auf jeden Fall nicht funktioniert, ist die Portabilität der betrieblichen Berufsunfähigkeitsversicherung. Denn die kann bei einem Arbeitgeberwechsel nicht mitgenommen werden und müsste ggf. neu abgeschlossen werden – entweder privat oder über die bAV beim neuen Arbeitgeber. Ob und zu welchen Konditionen das möglich und sinnvoll ist, wird sich erst in dem Moment zeigen, in dem ein Arbeitgeberwechsel ansteht – eventuell ist dann aber aus gesundheitlichen Gründen oder wegen fortgeschrittenen Alters die Tür zu für eine private Berufsunfähigkeitsversicherung.

Das Fazit

Die betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherung kann für alle diejenigen eine gute Wahl sein, die ohne den betrieblichen Rahmen keine Berufsunfähigkeitsversicherung mehr bekommen oder die mit Ausschlüssen und Erschwernissen rechnen müssen. Dabei sind jedoch die Risiken zu beachten, die bei der Arbeitskraftabsicherung im betrieblichen Rahmen bestehen: Vor allem der Interessenkonflikt mit dem Chef bei längerer Krankheit kann zu einem echten Boomerang werden.

Da die finanziellen Vorteile von heute die Belastungen während einer Berufsunfähigkeit sein werden, sollte deshalb alternativ zur betrieblichen BU immer eine private Absicherung angefragt und verglichen werden.

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Autor

Oliver Mest