Nachgefragt / 20.08.2018

Rechnet sich Reha?

Eine aufwendige Studie vergleicht Kosten und Nutzen einer Reha sowohl für Patienten als auch für die Gesellschaft. Für die Ergebnisse mussten Forscher neue Wege gehen.

Eine Physiotherapeutin hilft einem Mann bei einer Übung am Boden. Bildnachweis: Getty Images © PeopleImages

Über eine Millionen medizinische Reha-Leistungen erbringt die Deutsche Rentenversicherung (DRV) jedes Jahr. Dafür gab sie 2016 rund 4,7 Milliarden Euro aus. Rechnet sich das viele Geld? Die Antwort auf diese Frage ist in einem umfangreichen Datensatz enthalten, den Wissenschaftler des Instituts für Rehabilitationsmedizinische Forschung (IfR) an der Universität Ulm analysierten. Einer von ihnen ist Dr. Rainer Kaluscha, der stellvertretende Leiter des IfR.

Bislang hakte es bei Studien an einem ethischen Problem: Man konnte keine Kontrollgruppe bilden. Es wäre unmenschlich gewesen, einer Gruppe eine Reha zu bewilligen und diese einer Gruppe gegenüberzustellen, die keine Reha erhielt.

Dr. Kaluscha: Richtig. Wir sind einen neuen Weg gegangen: Dank unserer Partner, der DRV Baden-Württemberg, der DRV Bund und der AOK Baden-Württemberg, konnten wir einen umfangreichen Datensatz analysieren. Uns war es möglich, Tausende anonymisierte Behandlungsverläufe von Versicherten auszuwerten. Dabei haben wir uns auf Versicherte konzentriert, die unter chronischen Rückenschmerz leiden.

Bei der Analyse stellten wir 2.500 Versicherten, die eine Reha erhielten, rund 30.000 Fällen gegenüber, die vom Behandlungsmuster ähnelten, bei denen aber keine Reha stattfand.

Warum haben Sie ausgerechnet Patienten mit chronischen Rückenschmerzen ausgewählt?

Dr. Kaluscha: Einerseits betreffen chronische Rückenschmerzen viele Menschen. Schon allein durch die Krankheitstage hat diese Indikation eine große volkwirtschaftliche Bedeutung. Andererseits gab es einige Veröffentlichungen, die hinter den Nutzen der Reha in diesen Fällen zumindest ein Fragezeichen setzten. Das wollten wir genauer wissen.

Bevor wir in die Ergebnisse schauen: Was kostet eine Reha für Patienten mit chronischen Rückenschmerzen?

Dr. Kaluscha: Eine Reha ist vergleichsweise günstig: Die Tagessätze einer Reha-Klinik liegen knapp über Hotelpreisen. Eine durchschnittliche „Rücken-Reha“ dauert 21 Tage und kostet zwischen 2.500 und 3.000 Euro – und das inklusive Unterbringung, Vollverpflegung und medizinischer Betreuung.

Ob sich eine Reha finanziell lohnt, lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten – etwa, ob durch sie Behandlungskosten in einer Akutklinik eingespart werden. Zeigten sich da Unterschiede zwischen Reha-Patienten und „Nicht-Rehabilitanden“?

Dr. Kaluscha: Ja, und das war ein Ergebnis, das uns auch überrascht hat: Patienten, die keine Reha durchführten, verursachten später deutlich höhere Krankenhauskosten. Die stationären Behandlungskosten der „Nicht-Rehapatienten“ waren im dreijährigen Beobachtungszeitraum durchschnittlich um rund 1.650 Euro höher als die der Rehapatienten.

Im Gegensatz zu unserem Projektpartner, der AOK Baden-Württemberg, engagieren sich manche Krankenkassen kaum für Reha. Dabei könnten sie statt an der Reha durch die Reha sparen.

Häufig lassen sich Patienten mit chronischen Schmerzen auch ambulant behandeln – etwa durch einen Physiotherapeuten. Wie sieht hier der Vergleich zwischen den beiden Gruppen aus?

Dr. Kaluscha: Hier gab es kaum Unterschiede zwischen beiden Gruppen – was wiederum nicht überrascht. Denn häufig verordnen Rehakliniken Nachsorgemaßnahmen oder Hilfsmittel. Die Patienten sollen auch nach der Reha weiter am Ball bleiben und dazu gehört neben selbständigem Üben zum Beispiel die Physiotherapie.

Die Reha der Rentenversicherung stellt an sich den Anspruch, die Lebensqualität der Patienten zu erhöhen. Gelingt das?

Dr. Kaluscha: Das können wir mit dieser Studie nicht direkt beantworten, weil wir keine entsprechende Umfrage unter Rehabilitanden gemacht haben. Aber es gibt starke indirekte Hinweise – etwa die Ausfalltage aufgrund von Arbeitsunfähigkeit. Nimmt man alle Krankheitstage zusammen, wurden Patienten nach einer Reha rund 14 Tage weniger krankgeschrieben als die Gruppe der „Nicht-Reha-Patienten“.

Eine unserer anderen Studien zeigte übrigens, dass in 95 Prozent der Fälle sowohl die Reha-Patienten als auch ihre Hausärzte sagen, dass die Patienten von der Reha profitiert haben. Da deckt sich also unsere Datenanalyse mit anderen Studien.

Lässt sich der Effekt der geringeren Ausfalltage volkwirtschaftlich berechnen?

Dr. Kaluscha: Nach Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kostet ein Tag Arbeitsunfähigkeit 302 Euro durch Lohnfortzahlung und Produktionsausfall. Damit entsprechen die durch Reha vermiedenen 14 Arbeitsunfähigkeitstage einem volkswirtschaftlichen Gegenwert von 4.228 Euro.

Wir sollten aber nicht nur auf die Kosten für Ausfalltage schauen: Schließlich hilft eine Reha den Menschen, dass es ihnen gesundheitlich besser geht, sie weiter arbeiten und ihr Brot selbst verdienen können. Und die aus dem erzielten Einkommen gezahlten Rentenbeiträge senken dann auch das Risiko für spätere Altersarmut.

Bei besonders schweren chronischen Rückenschmerzen können Arbeitnehmer aber nicht mehr arbeiten und beziehen eine Erwerbsminderungsrente. Kann eine Reha den Weg in die Erwerbsminderungsrente verhindern?

Dr. Kaluscha: Diese Frage konnten wir mit dem vorliegenden Datensatz leider nicht detailliert untersuchen, da wir nicht wissen, wer ohne Reha eine Erwerbsminderungsrente gebraucht hätte. Es gibt aber Hinweise aus einer unserer anderen Studien, die zeigen, dass sich die Zahl der Erwerbsminderungsrenten ohne Reha etwa verdoppeln würde.

Die Daten unserer aktuellen Studie zu chronischen Rückenschmerzen machen aber deutlich, dass, wenn eine Erwerbsminderungsrente nicht zu vermeiden ist, eine Reha den Eintritt der Berentung um durchschnittlich sieben Monate verzögert.

Addiert man die dadurch eingesparten Rentenzahlungen mit den verbleibenden Beitragszahlungen in die Renten- und Krankenversicherung, summieren sich die Einsparungen auf rund 8.500 Euro in zwei Jahren.

Alles in allem – wie hoch ist der Spareffekt durch eine Reha?

Dr. Kaluscha: Soweit die Betroffenen nicht ohnehin bereits krankgeschrieben waren, fallen sie ja während der Reha auf der Arbeit aus. Betrachtet man die Kosten für den zusätzlichen Arbeitsausfall und die Kosten für die Reha, fallen pro Versichertem rund 5.070 Euro an.

Auf der Nutzen-Seite stehen zum Beispiel Einsparungen durch weniger Krankheitstage nach der Reha, eingesparte akutstationäre Leistungen oder verzögerte bzw. vermiedene Berentungen.

Stellt man Kosten und Nutzen gegenüber, zeigt sich, dass eine Reha im ersten Folgejahr pro Versichertem etwa 728 Euro spart. Rechnet man alle Effekte zusammen, und überträgt sie auf die rund 346.000 Reha-Patienten in der Orthopädie, bringt die Reha der Versichertengemeinschaft jährlich 250 Millionen Euro ein.

Reha lohnt sich also gleichermaßen für die Betroffenen, die Arbeitgeber und für die Solidargemeinschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen

https://ifr-ulm.de

Internetseite des Instituts für Rehabilitationsmedizinische Forschung (IfR) an der Universität Ulm

Rehabilitation

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Autorenbild

Autor

Michael J. John