Nachgefragt / 24.09.2018

Reha im digitalen Wandel

Der digitale Wandel macht auch vor der Reha nicht halt: Chatbot statt Arzt, Tablet statt Therapeut – ist das die Zukunft?

Patienten trainieren in einem Reha-Kraftraum. Bildnachweis: F1online © Jochen Tack imageBROKER

Fitnesstracker, Online-Diätprogramme, Sport-Apps – immer mehr Menschen kontrollieren und motivieren sich digital. Auch in der Reha hält die Digitalisierung Einzug. Über Grenzen, Chancen und die Zukunft der Digitalisierung spricht Professor Dr. Bernhard Greitemann im Interview mit ihre-vorsorge.de. Er ist Ärztlicher Direktor der Klinik Münsterland der Deutschen Rentenversicherung Westfalen.

Herr Professor Greitemann, was schätzen Sie, wie viele Ihrer Patienten verfügen über ein Smartphone und nutzen das Internet täglich?

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Ich schätze etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten.

Meinen Sie, diese Patienten würden auch Smartphones und Computer nutzen, um Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen?

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Ich denke schon. Vor allem Jüngere nutzen ja jetzt schon das Internet: Sie suchen aktiv nach Informationen zu ihren Krankheitsbildern und zu Kliniken.

Die Patienten sind also digital unterwegs – wie digital ist die Reha?

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Sie wird immer digitaler: Erstens gibt es die Digitalisierung in der Rehabilitationseinrichtung selber. Ich denke, alle Kliniken verfügen über eine elektronische Patientenakte und planen Behandlungsabläufe digital.

Zweitens gibt es immer mehr digitale Projekte in der Reha-Nachsorge und in der Phase vor der Reha. Vorstellbar ist auch eine eigene Klinik-App, in der Informationen (Therapieplan, Krankheitsbilder, Aufnahmezeitpunkt etc. etc.) dargestellt und abrufbar sind. Man merkt, hier kommt Schwung in den Markt.

Was sind die Vorteile der Digitalisierung?

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Ich zähle zur Digitalisierung auch die Informationssuche der Patienten im Internet. Früher herrschte eher die Einstellung „Doktor, mach du mal“, heute sind Patienten gut informiert und wollen mitgestalten.

Ich sehe das in der Regel positiv: Wenn Patienten sich vorher informiert haben, sind sie aktiv. Dann machen sie auch die Therapien bei uns aktiver mit. Einen riesigen Vorteil digitaler Therapieangebote sehe ich in der Reha-Nachsorge – etwa dort, wo im ländlichen Raum Angebote fehlen. Fehlt etwa ein Physiotherapeut in der Nähe, gibt es als Ersatz ein digitales Trainingsprogramm.

Hinzu kommt die zeitliche Unabhängigkeit: Der Patient kann die Übungen machen, wann er Zeit dazu hat. Wir sehen in unserer Klinik, wie schwierig es zum Beispiel für Schichtarbeiter ist, aufgrund ihrer Arbeitszeiten Therapieangebote anzunehmen. Wenn sie nach Hause kommen und einfach ihr digitales Programm starten können wann sie wollen, ist das ein großer Vorteil der Digitalisierung. Auch hier trägt die Digitalisierung zur Aktivierung bei.

Gibt es auch Grenzen digitaler Nachsorgeangebote?

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Oft wird das Thema Datenschutz ins Feld geführt. Ich denke aber, dass die Probleme beherrschbar sind. Zudem müssen Onlineprogramme kontrolliert werden: Nehmen Patienten zum Beispiel an einem Online-Trainingsprogramm teil, muss es jemanden geben, der dem Teilnehmer sagt, dass er eine Übung falsch oder anders effektiver macht. Wir brauchen also einen „Supervisor“. Diese Personalressource ist enorm wichtig für die Qualität des Programms, sie muss es im Stellenplan der Klinik geben.

Und das ist ein kleiner Wermutstopfen: Digitale Angebote bedeuten auch Personalaufwand. Und dann gibt es natürlich Krankheitsbilder, die besser oder schlechter geeignet sind für Online-Nachsorge.

Können Sie das bitte genauer erklären?

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Es gibt zum Beispiel Krankheitsbilder, bei der die Dosierung einer Belastung wichtig ist – etwa bei Herzkranken. Da muss man Menschen vor Überlastungen schützen und gut überwachen. Aber auch da kann ich mir digitale Lösungen vorstellen, die das leisten. Dann kommt es natürlich auch darauf an, wie kompliziert und individuell Therapien sind.

Einfach sind zum Beispiel allgemeine Rückenprogramme, bei denen ein Patient immer die gleichen Übungen absolviert. Schwieriger wird es, wenn Menschen nach Operationen bei bestimmten Belastungen aufpassen müssen.

Schauen wir in Ihre Klinik: Könnten Sie sich vorstellen, dass künftig ein Chatbot das Aufnahmegespräch in einer Rehaklinik übernimmt?

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Nein. Wir haben hier in einem Projekt festgestellt, wie wichtig das erste Gespräch zwischen Patienten und Arzt ist – und das für den gesamten Verlauf der Reha. Wenn das nicht gut läuft, hat das Auswirkungen auf das Gesamtergebnis. Unsere Patienten erwarten ja gerade dass wir mit ihnen eine Art Kassensturz machen. Sie wollen wissen, woran sie sind und was möglich ist. Endlich mal Zeit vom Arzt haben, das ist ihnen wichtig.

Chatbots sind Computerprogramme, die auf Fragen vordefinierte standarisierte Antworten in Text- oder Sprachform ausgeben.

In der Therapie setzen Sie aber auch schon digitale Technik ein…

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Ja, unsere isokinetischen Trainingsgeräte nutzen die digitale Verarbeitung. Auf einem Bildschirm bekommen Patienten den Trainingsfortschritt angezeigt. Für Patienten ist es motivierend, wenn sie zum Beispiel sehen können, dass sie ihre Kraft steigern können.

Wir besitzen aber auch eine Spielekonsole. Die nutzen wir in der Therapie für Menschen, die nach einer Amputation in unsere Klinik kommen. Diese Patienten trauen sich nach einer frischen Amputation nicht das amputierte Bein in der Prothese zu belasten. Das kann man schulen, indem man sie beispielsweise virtuell Tennis spielen lässt. Um den Ball zu kriegen, müssen sie das Bein belasten. Und Spaß macht die Therapie auch.

Zudem arbeiten wir gerade an einem Projekt mit, dass an einer App gegen Phantomschmerz forscht. Menschen empfinden nach Operationen Schmerzen für amputierte Gliedmaßen. Die App hilft, das Gehirn auszutricksen. Ursprünglich kommt die App von der Uni Maastricht.

Wo sehen Sie noch Entwicklungsmöglichkeiten für digitale Angebote in der Reha?

Prof. Dr. Bernhard Greitemann: Ich sehe große Chancen in der Digitalisierung bei der Vernetzung der Akteure – also im Zusammenspiel zwischen Akutkliniken, Hausärzten, Kostenträgern und der Reha-Klinik. Was spricht gegen eine Videokonferenz im Vorfeld einer Reha? Man könnte zusammen mit den Operateuren Fragen erörtern wie zum Beispiel, ob eine Kurzzeitpflege oder eine stationäre Reha sinnvoller ist.

Ein weiteres Thema sind Anträge auf Verlängerung einer Reha: Wie sehr würde es manchmal die Arbeit aller erleichtern, wenn wir dem Kostenträger eine kurze Videosequenz schicken könnten, die zeigt, welche Erfolge der Patient schon erreicht hat und dass eine Verlängerung Sinn macht. Bislang schreiben wir dazu seitenweise Begründungen.

Die Datenweitergabe über Schnittstellen hinweg ist immer noch aus datenschutzrechtlichen Gründen schwierig. Ich denke aber, man kann das schaffen. Und die Qualität der Arbeit aller Beteiligten würde sich verbessern – zum Wohle des Patienten.

Herr Prof. Greitemann, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen

Video REHA CARE
Bei der Fachmesse für Rehabilitation (26. - 29.9.2018, Düsseldorf) ist Prof. Dr. Bernhard Greitemann am 27.9. Teilnehmer der BVDW-Diskussionsrunde „Digitale Transformation in der Reha“ um 15.15 Uhr in Halle 3 / H70.

Autorenbild

Autor

Michael J. John