Gesundheit / 25.03.2020

Reha in Zeiten von Corona

Einige Reha-Kliniken halten sich an einen Aufnahmestopp, andere nicht. Patienten sind verunsichert. Wie entscheiden sie richtig?

Reha in Zeiten von Corona: Frau und Mann beim Nordic Walking.

Inhalt

Bad Homburg (mjj) Viele Patienten überlegen, ob sie ihre schon lange bewilligte Rehabilitation verschieben sollen, andere haben ihre Reha-Klinik vorzeitig verlassen. Einige bleiben aber auch in den Kliniken. Dort fühlen sie sich aufgrund der therapeutischen und ärztlichen Versorgung sicherer als zuhause. Die Deutsche Rentenversicherung hat am 18. März Rehaeinrichtungen einen zehntägigen Aufnahmestopp empfohlen. Dennoch nehmen Kliniken weiter Patienten auf – stationär wie auch ambulant. Wie kann das sein? Wir haben bei Thomas Keck, dem Ersten Direktor der Deutschen Rentenversicherung Westfalen nachgefragt.

Die Rentenversicherung hat einen Aufnahmestopp empfohlen. Warum?

Thomas Keck: Aus unserer Sicht ließ uns die rasante Verbreitung des Coronavirus keine andere Wahl: Patienten reisen mitunter durch die halbe Republik. Infizierte verbreiten das Virus, Nicht-Infizierte setzen sich der Gefahr einer Infektion aus. Wir wollen Menschen gesund machen, nicht krank.

Warum nur für zehn Tage und warum haben Sie Kliniken nicht ganz geschlossen?

Thomas Keck: Zunächst ging es uns darum, Zeit zu gewinnen. Wir leben in einer dynamischen Situation, täglich ändern sich Einschätzungen. Das kann man auch an anderen Entscheidungen sehen: Zunächst wurden Schulschließungen und Ausgangsverbote nicht befürwortet, dann mit Blick auf die rasante Verbreitung des Coronavirus doch umgesetzt.

Als wichtiger Teil des Gesundheitssystems mussten wir zudem Entscheidungen der Landes- und Bundespolitik abwarten. Hätten wir unsere Kliniken sofort und auf unbestimmte Zeit geschlossen, hätte die Politik nicht mehr die Option, dass Reha-Kliniken die Akutkliniken bei der Bekämpfung der Coronakrise unterstützen. So ist es ja derzeit angedacht.

Trotz Empfehlung nehmen Reha-Kliniken weiter Patienten auf. Hätten Sie nicht eher ein Aufnahme-Verbot erlassen sollen?

Thomas Keck: Das können wir gar nicht. Zum Hintergrund: Wir als Deutsche Rentenversicherung bewilligen und finanzieren Reha-Leistungen. Wir betreiben zwar auch Reha-Kliniken, viele sind aber in privater Trägerschaft. Diesen privaten Kliniken können wir rein rechtlich keinen Aufnahmestopp vorschreiben.

Hinzu kommt, dass Reha-Kliniken der infektionshygienischen Überwachung durch die Gesundheitsämter unterliegen. Diese können Schließungen veranlassen.

Sie können fest davon ausgehen, dass alle Kliniken derzeit im engen Kontakt mit den Gesundheitsbehörden stehen. Außerdem würde ein Verbot auch Menschen treffen, für die eine Reha in diesen Zeiten besonders wichtig ist

Wie meinen Sie das?

Thomas Keck: Ich denke da zum Beispiel an unsere Patienten mit Krebserkrankungen. Ihnen helfen wir durch eine onkologische Reha, die als so genannte Anschlussrehabiliation (AHB) durchgeführt wird: Menschen kommen nach einer Strahlentherapie oder Operation zu uns und werden wieder auf den Alltag, das Familien- und Berufsleben vorbereitet. Viele sind schlicht noch nicht fit, um wieder ins normale Leben einzutauchen. Für sie ist der „Puffer“ Reha wichtig – auch um zu lernen, wie sie ihre Krankheit psychisch verarbeiten können. Bis zum Zeitpunkt der Reha drehte sich für sie ja alles um Therapien, Termine und Medikamente. In einer Reha können sie zur Ruhe kommen.

Nebeneffekt: Indem Akutkliniken diese Patienten an uns übergeben, schaffen sie Kapazitäten für die kommenden Corona-Fälle.

Können die Reha-Kliniken überhaupt das ganze Leistungsangebot aufrechterhalten?

Thomas Keck: Nein, natürlich gibt es Einschränkungen: Schwimmbäder sind geschlossen, Ausflüge und Vorträge werden gestrichen. Das Besuchsrecht ist stark eingeschränkt. Aber die Kliniken sind zunehmend erfinderisch und stellen sich auf die neue Lage ein.

Können Sie uns Beispiele geben?

Thomas Keck: Gruppentherapien werden in größere Räume verlagert, damit der Abstand gewahrt bleibt. Essenszeiten werden gestreckt, um Menschenansammlungen in den Speisesälen zu vermeiden. Trainingsräume werden mehrmals am Tag desinfiziert. Aber auch die Patienten sind erfinderisch: Manche nehmen ihr Essen mit aufs Zimmer, ziehen auf dem Ergometer Handschuhe an oder unterhalten sich von Balkon zu Balkon.

Was, wenn ich eine Reha verschieben oder abbrechen will?

Thomas Keck: So viel ich höre, reagieren die Kliniken sehr verständnisvoll – und das obwohl ihnen ein finanzieller Verlust droht. Wer abricht, muss keine Strafe zahlen. Wer nicht antritt, kann seine Reha verschieben. Wir haben letzte Woche die Gültigkeit unserer Reha-Bewilligung von sechs auf neun Monate erhöht – das verschafft Zeit, eine Entscheidung zu überdenken. Zudem müssen Abbrecher, die später ihre Reha fortsetzen wollen, nicht nochmal einen kompletten Antrag stellen. Ein neuer Kurzantrag reicht.

Übrigens: Wer krank ist, in angeordneter Quarantäne lebt oder sich mit COVID-19 infiziert hat, gilt als „nicht rehafähig“. Betroffene sollten sich umgehend bei ihrem Rentenversicherungsträger und der Klinik melden und absagen – Attest reicht.

Was ist mit Patienten, die aufgrund eines Antrags auf Erwerbsminderungsrente in Reha sind?

Thomas Keck: Reha vor Rente – das ist ein bewährter Grundsatz. Die Leistungsbeurteilung am Ende der Reha fließt in die sozialmedizinische Beurteilung ein, ob ein Versicherter eine Erwerbsminderungsrente erhält. Wird aktuell eine Maßnahme abgebrochen, werden wir in jedem Einzelfall mit den Einrichtungen abklären, ob sie trotz der verkürzten Dauer eine umfassende Leistungsbeurteilung vornehmen kann.

Was ist mit dem Übergangsgeld?

Thomas Keck: Mit dem Übergangsgeld sichern wir Patienten und ihre Familien während der Reha ab. Es ist vom Gesetz her auf die Zeit der Rehabilitation beschränkt. Wird eine Reha nicht angetreten, dürfen wir kein Übergangsgeld zahlen. Im Fall eines Abbruchs wird das Übergangsgeld bis zu diesem Zeitpunkt berechnet.

Und dann?

Thomas Keck: Wer dann wieder arbeitet, erhält sein Einkommen. Wer krankgeschrieben ist, erhält Krankengeld von seiner gesetzlichen Krankenversicherung. Schwierig ist es, wenn das Krankgeld ausgeschöpft ist. Ein Abbruch oder Nichtantritt der Reha kann sich auf das Krankengeld auswirken. Wir können nur raten, in diesen Fällen im Vorfeld mit der Krankenkasse zu sprechen. Wenn sie das Krankengeld nicht weiterzahlt, bleibt die Arbeitsagentur. Wenn es dringend ist, hilft sie mit einem Vorschuss.

Fazit: Würden Sie eine Reha derzeit empfehlen?

Thomas Keck: Ich glaube in diesen Zeiten gibt es da keine allgemeingültige Empfehlung. Das ist eine Entscheidung, die unsere Versicherten für sich treffen. Sie ist abhängig von vielen Faktoren – etwa, welche Krankheit der Reha zugrunde liegt, ob eine Anreise im Auto möglich ist, wie stark die Klinik frequentiert ist, welche Leistungen diese anbietet und wie im Vergleich dazu die Versorgung zuhause möglich ist. Es gibt Patienten, die in einer Reha bleiben, weil sie zum Beispiel niemanden haben, der sich daheim um sie kümmern kann. Letztendlich sollten sich Patienten fragen, ob ihnen eine Reha derzeit nutzt oder ob sie eine zusätzliche Belastung bedeutet.

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Autor

Michael J. John