Aktuell beleuchtet / 22.02.2016

Rentenangleichung bis 2020 – ein Segen für Ost-Rentner?

Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) hält trotz Kritik aus der Unions-Bundestagsfraktion an der bis 2020 geplanten Angleichung der Rentenwerte in Ost- und Westdeutschland fest. CDU-Abgeordnete aus den neuen Ländern finden dagegen, dass die schnelle Rentenangleichung „nicht im Interesse Ostdeutschlands“ ist. Wer hat Recht?

Münzen in Gläsern – Bildnachweis: gettyimages © ImagesBazaar

Faktencheck, Teil 1: Der aktuelle Rentenwert

Die Rentenwerte sollen bis spätestens 2020 völlig angeglichen werden. Wie sieht es heute aus? Der aktuelle Rentenwert beträgt im Osten seit Juli dieses Jahres 27,05 Euro. Das bedeutet: Ein Jahr, in dem ein Arbeitnehmer aus den neuen Bundesländern ein durchschnittliches Einkommen erzielt hat und entsprechend Rentenbeiträge zahlt, ist derzeit für seine spätere monatliche Rente 27,05 Euro wert. Für einen West-Arbeitnehmer ist ein Jahr mit einem durchschnittlichen Verdienst derzeit 8,04 Prozent mehr wert: nämlich 29,21 Euro.

Was bedeutet das für den so genannten Standard-Rentner, also einen Arbeitnehmer, der 45 Jahre lang genau ein durchschnittliches Einkommen erzielt hat und dann in Rente geht? Er hat dadurch auf seinem Rentenkonto genau 45 Entgeltpunkte. Das ergibt in den alten Bundesländern dann 1.314,45 Euro Monatsrente, in den neuen Ländern sind es 1.217,25 Euro. Im Westen bekommt der Standardrentner damit fast 100 Euro (97,20 Euro) mehr im Monat.

Unterschied wird kleiner

Der Ost-West-Unterschied beim aktuellen Rentenwert ist in den letzten Jahren allerdings erheblich kleiner geworden. 1990 war der West-Wert noch zweieinhalbmal so hoch wie der Ost-Wert. 2000 betrug der Abstand noch 15,6 Prozent. Derzeit sind es nur noch 8 Prozent.

Werden die Ost- und Westwerte nun völlig angeglichen, so bedeutet das – für sich gesehen – ein Plus die Arbeitnehmer und künftigen Rentner zwischen Stralsund und Zwickau, Magdeburg und Cottbus. Wäre da nicht auch die Hochwertung der Gehälter im Osten …

Faktencheck, Teil 2: Höherwertung der Ost-Verdienste

Im Koalitionsvertrag ist nur vom „Rentenwert“ die Rede, nicht jedoch vom Hochwertungsfaktor. Genauer: Vom Wert „zur Umrechnung der Beitragsbemessungsgrundlagen des Beitrittsgebiets“. Dieser Wert, der jedes Jahr angeglichen wird, findet sich in Anlage 10 zum Sechsten Sozialgesetzbuch, in dem die Rente geregelt wird. Er ist ein Segen für Ost-Arbeitnehmer. Denn er sorgt dafür, dass Beschäftigungszeiten in den neuen Bundesländern aufgewertet werden. Derzeit liegt dieser Wert bei 1,1479. Das bedeutet: Der Lohn der Arbeitnehmer aus den neuen Ländern wird – was seinen Wert für die Rente betrifft – fiktiv um 14,79 Prozent erhöht.

Der Hochwertungsfaktor wird errechnet, indem das noch immer niedrigere Durchschnittseinkommen im Osten ins Verhältnis gesetzt wird zum Durchschnittseinkommen im Westen. 2016 beträgt nach vorläufigen Berechnungen der durchschnittliche Jahresverdienst aller Rentenversicherten im Westen 36.267 Euro, im Osten aber nur 31.593 Euro. Der West-Wert ist damit um genau 14,79 Prozent höher. Um diesen Prozentsatz – genau: um einen Hochwertungsfaktor von 1,1479 – werden deshalb die Ost-Verdienste von 2016 für die Rente hochgewertet.

Für alle Arbeitnehmer im Osten

Man kann die Probe machen: 31.693 Euro multipliziert mit 1,1479 ergibt 36.267 Euro – also den durchschnittlichen West-Verdienst. So soll gewährleistet werden, dass ein ostdeutsches Durchschnittseinkommen für die Rente ähnlich bewertet wird wie ein westdeutsches. Den Durchschnittsverdienern wird hierfür jeweils ein Entgeltpunkt gutgeschrieben.

Der Hochwertungsfaktor wird bei allen rentenversicherungspflichtig Beschäftigten im Osten angelegt: Sowohl bei Minijobbern in Sangerhausen wie auch bei gutverdienenden Bankangestellten im Berliner Osten. Alle Einkommen werden für die Rente um 14,79 Prozent aufgewertet. Aus einem rentenversicherungspflichtigen 450-Euro-Job wird so beispielsweise ein (450 x 1,1479 =) 517-Euro-Job - zumindest für die Berechnung der künftigen Rente. Die Rentenversicherung tut also so, als hätte der Betroffene ein rentenversicherungspflichtiges Monatseinkommen in Höhe von 517 Euro gehabt – vorausgesetzt, es handelt sich um eine Beschäftigung in den neuen Bundesländern. Und aus einem Job mit einem monatlichen Verdienst von 1.000 Euro wird – rechnerisch für die Rente – einer mit Einkünften von 1.148 Euro.

Hochwertungsfaktor kontinuierlich gesunken

Der Hochwertungsfaktor ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken – und zwar in dem Maße, wie sich die Kluft zwischen den Durchschnittsverdiensten in den alten und neuen Bundesländern verringert hat. Anfang 1990 betrug der Faktor noch 3,07, die Ost-Einkünfte wurden also damals – rechnerisch – verdreifacht. 2000 betrug der Faktor noch 1,2003.

Würde der Hochwertungsfaktor ersatzlos abgeschafft – was keineswegs ausgeschlossen ist – so würde dies für jetzige ostdeutsche Arbeitnehmer ein kräftiges Minus für ihre künftige Rente bedeuten.

Faktencheck, Teil 3: Was unterm Strich herauskommt

Bei den Rentenansprüchen von Ost-Arbeitnehmern wird damit sowohl Gas gegeben (Hochwertungsfaktor) als auch auf die Bremse getreten (aktueller Rentenwert). Was aber kommt dabei derzeit unterm Strich heraus?

Nehmen wir als Beispiel einen Arbeitnehmer im Osten und einen Arbeitnehmer im Westen. Beide Beispielarbeitnehmer haben heute monatlich Einkünfte in Höhe von 3.000 Euro, das sind 36.000 Euro im Jahr. Die West-Rechnung ist ziemlich einfach: 36.000 Euro werden durch das Durchschnittseinkommen (West) aller Rentenversicherten geteilt, also durch 36.267 Euro. Daraus ergeben sich 0,993 Entgeltpunkte. Der aktuelle Rentenwert im Westen beträgt 29,21 Euro. Der Betroffene erwirbt damit durch seine Einzahlungen im Jahr 2016 monatliche Rentenansprüche von (0,993 x 29,21 =) 28,99 Euro.

Bei der Rechnung für den Beispielarbeitnehmer im Osten sieht es schon komplizierter aus: Das Jahresgehalt von 36.000 Euro wird zunächst mit dem Hochwertungsfaktor multipliziert. Dabei kommen dann (36.000 x 1,1479 =) 41.324 Euro heraus. Dieser Wert wird durch das Durchschnittseinkommen (West) aller Rentenversicherten geteilt. Dabei ergibt sich ein Faktor von (41.324 : 36.267 =) 1,139 Entgeltpunkten. Soweit das „Gas geben“. Nun kommt die „Bremse“: Die Entgeltpunkte werden mit dem (niedrigeren) aktuellen Rentenwert Ost multipliziert. Der Arbeitnehmer erwirbt damit monatliche Rentenansprüche in Höhe von (1,139 x 27,05 =) 30,82 Euro.

Ergebnis:

Bei gleichem Bruttoeinkommen (3.000 Euro im Monat) erwirbt der West-Arbeitnehmer Rentenansprüche von 28,99 Euro, der Ost-Arbeitnehmer dagegen 30,82 Euro. Das macht unterm Strich ein Plus von 6,3 Prozent für den Arbeitnehmer aus den neuen Bundesländern.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Dies gilt nur dann, wenn ein Arbeitnehmer im Osten gleich viel verdient wie im Westen. Dies ist allerdings meist nach wie vor nicht der Fall. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – so weit ist die Ost-/West-Angleichung noch nicht …

Komplizierte Rechnungen?

War das zu viel Mathematik? Mag sein. Doch bei der Angleichung der Ost-West-Rentenansprüche liegt der Teufel eben im Detail. Eine Angleichung des Rentenwerts bringt Ost-Arbeitnehmern jedenfalls erhebliche Nachteile – wenn gleichzeitig der Hochwertungsfaktor vollständig abgeschafft wird. und genau das sagen viele CDU-Bundestagsabgeordnete aus den neuen Bundesländern. 

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Autor

Rolf Winkel