Nachgefragt / 03.04.2018

Rentenerhöhung 2018: Renten steigen ab Juli um 3,4 Prozent

Auch in diesem Jahr gibt es für Ruheständler ein sattes Rentenplus: Knapp 3,4 Prozent mehr Geld bekommen Rentner in den neuen Bundesländern, gut 3,2 Prozent in den alten Bundesländern ab Juli 2018.

Älteres Paar sitzt lachend im Garten vor dem Haus. – Bildnachweis: wdv.de © Anna Peisl

Sozialexperte Rolf Winkel erklärt im Interview, wie es zur Rentenerhöhung in Ost und West kommt und wie es mit dem Rentenniveau voraussichtlich weitergeht.

Wie kommt die Rentenerhöhung zustande? Ist das ein Antrittsgeschenk der neuen Bundesregierung?

Rolf Winkel: Nein. Im Sozialgesetzbuch (SGB) gibt es klare Rechenregeln, wie die Rentenerhöhung zur berechnen ist. Diese findet man in Paragraf 68 des Sechsten Sozialgesetzbuchs (SGB VI).

Wie wird das Rentenniveau denn berechnet?

Rolf Winkel: Zunächst kommt es darauf an, wie sich die Bruttoentgelte der beitragspflichtig Beschäftigten entwickelt haben. Steigen die Löhne stark, so steigt auch die Rente stark.

Das Zinsniveau spielt also keine Rolle?

Rolf Winkel: Nein. Und das ist in der derzeitigen Zinsflaute auch der große Vorteil der gesetzlichen Rentenversicherung gegenüber der privaten Altersvorsorge. Letztere dümpelt seit Jahren – und voraussichtlich noch für längere Zeit – wegen der niedrigen Zinsen vor sich hin. Die gesetzliche Rente kann derzeit jedoch punkten.

Wie genau wirken sich Lohnerhöhungen auf die Rente aus?

Rolf Winkel: Es zählt immer die Entwicklung des Vorjahres. 2018 kommt es darauf an, wie sich die Löhne 2017 gegenüber 2016 entwickelt haben. Die Berechnungen erfolgen dabei getrennt für die alten und für die neuen Bundesländer.

Aufgrund der Daten des Statistischen Bundesamts ergibt sich für 2017 im Vergleich zum Vorjahr rechnerisch eine Lohnsteigerung um 2,93 Prozent im Westen und 3,06 Prozent im Osten.

Das Rentenplus fällt aber noch etwa kräftiger aus. Wie kommt das?

Rolf Winkel: Es gibt noch weitere Stellschrauben für die Rentenanpassung. Da ist zum einen der so genannte Nachhaltigkeitsfaktor. Damit soll die demografische Entwicklung bei der Rente berücksichtigt werden. Generell rechnen die Statistiker damit, dass es künftig zunehmend mehr Rentner und immer weniger Beitragszahler geben wird. Das zahlenmäßige Verhältnis beider Gruppen wird durch den „Nachhaltigkeitsfaktor“ abgebildet. „Verschlechtert“ sich dieser Wert – gibt es also weniger Beitragszahler und mehr Rentner – so dämpft das den Rentenanstieg. Und umgekehrt. Auch hier kommt es auf Entwicklung im letzten Jahr gegenüber dem vorletzten Jahr an – also 2017 gegenüber 2016.

Sorgt der Nachhaltigkeitsfaktor jetzt mit für eine Rentenanhebung?

Rolf Winkel: Ja. Dieses Mal bringt er ein Rentenplus. Durch die relativ günstige Arbeitsmarktentwicklung gab es im Vergleichszeitraum mehr Beschäftigte. Das zahlenmäßige Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern hat sich um 0,29 Prozent „verbessert“. Das sorgt für einen zusätzlichen Rentenanstieg.

Wirkt sich auch der Beitragssatz in der Rentenversicherung auf die Rentenentwicklung aus?

Rolf Winkel: Im Prinzip ja. Es gilt: Steigt der Beitragssatz, dann ist das für die Rente schlecht. Sinkt der Beitragssatz, dann ist das gut die Rente. Dafür sorgt der so genannte Beitragssatzfaktor, der in die Berechnung der Rentenanpassung einfließt.

Allerdings kommt es auch hier nicht auf den aktuellen Beitragssatz an, sondern darauf, wie sich der Satz im letzten gegenüber dem vorletzten Jahr entwickelt hat. 2017 lag der Beitrag bei 18,7 Prozent. 2016 ebenfalls.

Das bedeutet: Die Entwicklung des Beitragssatzes spielt dieses Mal bei der Rentenanpassung keine Rolle. Bei der nächsten Rentenrunde im Jahr 2019 wirkt sich die zum Jahreswechsel erfolgte Senkung des Rentenbeitrags um 0,1 Prozentpunkte auf 18,6 Prozent allerdings positiv auf die Rente aus.

Wie funktioniert nun die genaue Berechnung der Rentenanpassung?

Rolf Winkel: Die drei Faktoren – Lohnentwicklung, Nachhaltigkeitsfaktor und Beitragssatzfaktor – werden miteinander multipliziert. Das ist dieses Mal ganz einfach, weil sich der Beitragssatz zuletzt nicht verändert hat. Der Beitragssatzfaktor geht deshalb mit dem Wert 1,0 in die Rentenberechnung ein.

Wer will, kann die Probe machen, etwa für die Anpassung West: 1,0293 (Bruttolohnentwicklung) x 1,0029 (Nachhaltigkeitsfaktor) x 1,0 (Beitragssatzfaktor) bringt eine Erhöhung um den Faktor 1,0322 – anders ausgedrückt: um 3,22 Prozent. Dadurch steigt der aktuelle Rentenwert (West) zum 1. Juli 2018 von 31,03 Euro um genau einen Euro auf 32,03 Euro.

Das Altersruhegeld eines so genannten Standardrentners (West), der 45 Jahre lang genau einen Durchschnittsverdienst erzielt und entsprechend Rentenbeiträge gezahlt hat, steigt damit von 1.396,35 Euro auf (45 x 32,03 =) 1.441,35 Euro, also um genau 45 Euro.

Die „Ost-Renten“ steigen etwas stärker als die „West-Renten“ – kommt es da zu einer Angleichung des Rentenniveaus?

Rolf Winkel: Das ist sogar gesetzlich so festgelegt. Ab Juli 2024 wird die Rente in ganz Deutschland einheitlich berechnet. Bis dahin soll der aktuelle Rentenwert Ost im Vergleich zum Wert im Westen jedes Jahr um 0,7 Prozentpunkte stärker steigen.

Dieses Jahr wirkt sich dieser „Steigerungsplan“ (den man in Paragraf 255a SGB VI findet) allerdings gar nicht aus. Denn nach dieser gesetzlichen Vorgabe soll der Rentenwert Ost ab Juli 2018 (mindestens) 95,8 Prozent des Rentenwerts West erreichen.

Weil die Rentenanpassung für „Ost-Rentner“ in diesem Jahr ohnehin nach den gesetzlichen Rechenregeln höher ausfällt als für West-Rentner, ist diese Vorgabe bereits (über)erfüllt. Der Rentenwert Ost steigt nämlich auf 30,69 Euro. Das sind genau 95,8 Prozent des West-Werts. Es kommt deshalb nicht zu einer Extra-Steigerung des Rentenwerts Ost.

Und wie wird sich die Rente zukünftig entwickeln?

Rolf Winkel: Wenn es bei den aktuellen Regeln zur Rentenanpassung bleibt, wäre im nächsten Jahrzehnt mit einem Sinken des (relativen) Rentenniveaus zu rechnen. Zwar würden die Renten weiterhin steigen. Der Nachhaltigkeitsfaktor und die zu erwartenden höheren Rentenbeiträge („Beitragssatzfaktor“) würden dafür sorgen, dass die Renten deutlich weniger erhöht werden als die Löhne und Gehälter der Beschäftigten.

Doch im Koalitionsvertrag haben CDU/CSU und SPD versprochen, dass es hierzu nicht kommen soll. Danach strebt die Bundesregierung eine „doppelte Haltelinie an, die Beiträge und Niveau langfristig absichert“.

Bei der Rente wäre dies am einfachsten umzusetzen, indem man sowohl den Nachhaltigkeits- als auch den Beitragssatzfaktor abschafft.

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Autor

Katja Mathes