Altersvorsorge / 28.10.2019

Rentenlücke: Sparmodelle sind unzureichend

Vielen Rentenversicherten drohen Versorgungslücken, weil ihre zusätzliche private Vorsorge zu gering ist. Deutschland-Rente, Vorsorgekonto und Extrarente sind aktuelle Modelle, um dem abzuhelfen. Die Deutsche Rentenversicherung hat sie kritisch unter die Lupe genommen.

Bild zum Thema Sparmodelle gegen Rentenlücke sind lückenhaft: Junge Frau sitzt auf einer Treppe und schaut ernst auf ein Tablet in ihrer Hand.

Inhalt

Niedrigzinsen, relativ hohe Kosten und ein kompliziertes Verfahren nagen am Image von Riester-Produkten. Auch die Bundesregierung sieht Handlungsbedarf und möchte die private Altersvorsorge stärken und gerechter gestalten, ließ sie Anfang 2019 auf Anfrage verlauten. Sie will die Riester-Förderung weiterentwickeln und prüfe zudem verschiedene vorgelegte Modelle. Diese, in Gestalt von Deutschland-Rente, Vorsorgekonto und Extrarente, hat jetzt Reinhold Thiede unter die Lupe genommen. Der Leiter des Geschäftsbereichs Forschung und Entwicklung der Deutschen Rentenversicherung Bund findet jedoch noch viele offene Fragen.

Gemeinsamkeiten

Gemeinsam ist allen Modellen, dass man für seine Altersvorsorge unter dem Dach eines öffentlich-rechtlichen Trägers sparen kann. Der vertritt die Interessen der Sparer. Das soll Vertrauen schaffen und für die Anteilseigner mit wenig Aufwand verbunden sein. Indem die Modelle auf Selbstkostenbasis verwaltet werden, soll das angesparte Geld nicht durch hohe Kosten und Provisionen aufgefressen werden. Die Geldanlage übernehmen im Auftrag des jeweiligen Trägers Finanzprofis der freien Wirtschaft.

Vorsorgekonto

Vorschlag von:

Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg, neu veröffentlicht von der Friedrich-Ebert-Stiftung im Januar 2019

Details:

Wer jemals einen Anspruch in der gesetzlichen Rentenversicherung erworben hat – auch wenn der schon länger zurückliegt–, darf einen Vorsorgekonto-Vertrag abschließen. Die Teilnahme ist freiwillig, Beiträge können flexibel gehalten werden. Nach fünf Jahren erwirbt man erste Ansprüche auf Auszahlung. Gegebenenfalls kann die Riester-Förderung genutzt werden.

Besonderheiten:

Nominale Kapitalerhaltungsgarantie zum Rentenbeginn. Bei der Auszahlung wird das angesparte Kapital in Entgeltpunkte der gesetzlichen Rente umgerechnet. Über einen Reservetopf soll in guten Börsenzeiten ein Kapitalpuffer aufgebaut werden als „Risikoausgleich im Kollektiv“. Einziges Modell mit zusätzlicher Absicherung bei Erwerbsminderung. Im Todesfall kann das verbliebene Kapital vererbt werden.

Fragen/Kritik:

Etliche Unklarheiten in den Kalkulationen, etwa im Fall der Erwerbsminderung, des Risikoausgleichs und der Kapitalerhaltsgarantie bei Rentenbeginn. Laut Modellrechnung reicht das eingezahlte Kapital nur bis zum 83. oder 85. Lebensjahr.

Heikel: Das auf dem Vorsorgekonto angesparte Kapital in Entgeltpunkte der Rentenversicherung umzuwandeln und zu dynamisieren. Der „kollektive Risikopuffer“ soll aus den Beiträgen der „Startgeneration“ finanziert werden. Dadurch könnte das Vorsorgekonto für sie erheblicher unrentabler werden als eine andere private Anlageform.

Auch die geplante Kapitalanlage durch externe Vermögensverwalter bzw. -verwahrer wirft Fragen auf:

  • Behält die Behörde für die Sozialversicherung (Bundesversicherungsamt bzw. Landessozialministerium) die rechtliche Aufsicht über das Vorsorgekonto?
  • Oder ist die für Finanzdienstleister zuständige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht maßgeblich?
  • Wie wird zudem ausgeschlossen, dass die Deutsche Rentenversicherung in Haftung genommen wird, wenn sich die Kapitalerhaltsgarantie zu Rentenbeginn nicht halten lässt?

Deutschland-Rente

Vorschlag von:

Land Hessen, überwiesen an Ausschüsse des Bundesrats. Staatlich kontrollierte kapitalgedeckte Altersvorsorge. Die Deutschland-Rente wird in einem Deutschland-Fonds angespart. Der arbeitet auf Selbstkostenbasis, die Kontenverwaltung könne an Banken oder professionelle Fondsmanager vergeben werden.

Details:

Freiwillige Beitragszahlung über den Arbeitgeber für alle gesetzlich Rentenversicherten, die dem nicht widersprechen. Sie erwerben für ihre eingezahlten Beiträge Anteile am Fondsvermögen.

Besonderheiten:

Wahl zwischen Standardprodukt mit höherer Aktienquote bei besseren Renditechancen und beschränkten Garantien. Oder sicherere Produktvariante mit Garantien und einer renditeärmeren Anlagestrategie. Riester-Zulagen können für Geringverdienende zusätzliche Anreize schaffen. Optional Absicherung der Hinterbliebenen.

Fragen/Kritik:

  • Noch keine Angaben zur Kalkulation in der Rentenphase.
  • Wer soll für die Kosten der öffentlichen Trägerschaft aufkommen?
  • Wer trägt das Risiko für Garantien?
  • Keine Absicherung bei Erwerbsminderung.

Extrarente

Vorschlag von:

Verbraucherzentrale Bundesverband.
Ein öffentlich-rechtlicher Träger bündelt die Interessen der Verbraucher und vertritt sie auf Augenhöhe gegenüber Banken und Großanlegern.

Details:

Verbraucher zahlen über ihren Arbeitgeber automatisch in die Extrarente ein. Option, jederzeit zu unterbrechen oder zu beenden. Beim Renteneintritt Wahlfreiheit: eine einmalige Auszahlung oder eine lebenslange Rente oder monatlich Geld entnehmen bis zum Alter von 100.

Besonderheiten:

Die Kapitalanlage setzt in der Basisvariante bis zu einem Alter von 49 Jahren voll auf Aktien, ehe dann in Anleihen umgeschichtet wird.

Fragen/Kritik:

  • Kalkulationsgrundlage der Modellrechnungen nicht bekannt und nachvollziehbar.
  • Wer übernimmt die Kosten für den Aufbau der Verwaltung?
  • Keine Absicherung bei Erwerbsminderung.

Autor

Peter Seipel