Rente / 07.06.2022

Rentenplus auch für Witwen und Witwer

Zum 1. Juli steigen die Renten – auch für Witwen und Witwer. Wer wie profitiert und wie Einkommen angerechnet wird.

Rentenplus auch für Witwen und Witwer. – Seniorin sitzt allein am Ufer eines Gewässers.

Was ändert sich zum 1.7.2022 bei der Hinterbliebenenrente?

Anfang Juli werden alle gesetzlichen Renten im Westen um 5,35 Prozent und im Osten um 6,12 Prozent angehoben. Entsprechend steigen auch die Hinterbliebenenrenten. Das geschieht automatisch. Aus 1000 Euro Hinterbliebenenrente in den alten Ländern werden damit 1053,50 Euro, in den neuen Ländern 1061,20 Euro. Von der Rente gehen allerdings nach wie vor Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung ab.

Hinterbliebenenrente: Nicht nur für Witwen

Die Deutsche Rentenversicherung zahlt fast sechs Millionen Renten an hinterbliebene Ehe- und Lebenspartner. Meist spricht man noch von „Witwenrente“. Doch die Hinterbliebenenrente, wie sie offiziell heißt, steht Männern wie Frauen gleichermaßen zu.

Weitere Informationen zur Hinterbliebenenrente finden Sie auf deutsche-rentenversicherung.de.


Wird auch eigenes Einkommen auf meine Hinterbliebenenrente angerechnet?

Am Grundsatz ändert sich hier nichts: Es werden nahezu alle Einkommensarten angerechnet. Ausnahmen gelten nur für bedarfsorientierte Leistungen – also etwa die Grundsicherung im Alter – und die Einnahmen aus Altersvorsorgeverträgen, soweit sie staatlich gefördert worden sind (Riester Rente).

Ansonsten gilt: Eigenes Einkommen mindert Ihre Witwen- oder Witwerrente, wenn Sie damit bestimmte Freibeträge überschreiten.

Wie hoch sind die Freibeträge beim Einkommen auf die Witwenrente?

Der Freibetrag für Einkünfte zusätzlich zur Hinterbliebenenrente steigt

  • in den alten Ländern auf 950,93 Euro monatlich
  • in den neuen Ländern auf 937,73 Euro monatlich

Nettoeinkünfte, die darüber liegen, werden zum Teil mit der Hinterbliebenenrente verrechnet. Ob dabei Ost- oder Westwerte zugrunde gelegt werden, hängt von Ihrem Wohnsitz ab

So errechnen sich die Freibeträge

Die Freibeträge für zusätzliches Einkommen steigen in diesem Jahr, weil sie durch feste Formeln an die Rentenentwicklung geknüpft sind. Für Witwen- und Witwerrentner („Große Hinterbliebenenrente“) beträgt der Freibetrag das 26,4-Fache des jeweils geltenden aktuellen Rentenwerts. Dieser aktuelle Rentenwert beträgt ab Juli 2022 in den alten Bundesländern 36,02 Euro, in den neuen Ländern 35,52 Euro.


Was gilt als bei der Witwenrente als Nettoeinkommen?

Für die vielen Ruheständler, die neben ihrer eigenen Rente eine Hinterbliebenenrente erhalten, zählt nicht etwa der Betrag, den ihnen die Rentenversicherung überweist, als Nettoeinkommen. Die Deutsche Rentenversicherung richtet sich vielmehr nach im Sozialgesetzbuch festgelegten Regeln, wie die Bruttoeinkünfte pauschal in (fiktive) Nettowerte umgerechnet werden. Dazu zieht sie vom Bruttoeinkommen feste pauschale Prozentsätze ab. die Abzüge fallen je nach Einkommensart unterschiedlich hoch aus.

Zudem werden von dem Teil der Nettoeinkünfte, der die Freibeträge übersteigt, nur 40 Prozent auf die Hinterbliebenenrente angerechnet.

Ich erhalte eine Altersrente. Habe ich auch Anspruch auf die Witwenrente?

Grundsätzlich ja. Die meisten Hinterbliebenenrentner sind Ruheständler und erhalten eine eigene gesetzliche Altersrente, und dazu noch die Witwer- oder Witwenrente. Sie sind sozusagen „Doppelrentner“. Die eigene Altersrente wird voll gezahlt, die Hinterbliebenenrente aber oft gekürzt.

Dabei wird folgendermaßen gerechnet: Vom Bruttorentenbetrag der eigenen Rente werden 14 Prozent abgezogen. Das ergibt die (fiktive) Nettorente.

Der Satz von 14 Prozent gilt für diejenigen, die ab 2011 in Rente gegangen sind. Für „frühere Ruheständler“ gilt ein Satz von 13 Prozent.

Wenn Sie mit Ihrer fiktiven Nettorente unterhalb des Freibetrags bleiben, können Sie eine ungekürzte Hinterbliebenenrente erhalten.

Für Rentner aus den alten Bundesländern ist das der Fall, wenn sie brutto nicht mehr 1105 Euro Rente bekommen. Denn zieht man von 1105 Euro 14 Prozent ab, so verbleiben 959,30 Euro. Das ist knapp weniger als der Freibetrag von 950,93 Euro.

In den neuen Ländern liegt diese Grenze bei 1090 Euro.

Brutto-Einkommensgrenzen, bis zu denen Witwen-/Witwerrenten nicht gekürzt werden
Einkommensart West Ost
Arbeitnehmereinkommen (vor der Rente) 1585 Euro 1563 Euro
Altersrente (Erstbezug ab 2011) 1105 Euro 1090 Euro

Rechenbeispiel 1: Altersrente plus Witwenrente

Eine Witwe aus München bekommt ab Juli 2022 eine Altersrente von brutto 1600 Euro, also vor Abzug der Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung. Dazu hat sie einen Anspruch auf eine volle Hinterbliebenenrente von 800 Euro.

  • Nach der Pauschalrechnung der Rentenversicherung ergibt sich daraus eine fiktive Nettorente 1376 Euro (1600 Euro – 14 Prozent).
  • Der Freibetrag von 950,93 Euro wird um 425,07 Euro überschritten.
  • 40 Prozent dieses Differenzbetrags sind anrechenbar. Dies sind 170,03 Euro.
  • Bei einem Anspruch auf eine volle Hinterbliebenenrente von 800 Euro wird diese Rente um 170,03 Euro auf rund 630 Euro im Monat gekürzt. Von diesem Betrag gehen dann noch – wie von der Altersrente – Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung ab.
  • Die Frau erhält damit Renten in Höhe von insgesamt 2230 Euro brutto

Wie wird mein Einkommen angerechnet, wenn ich noch arbeite?

Wenn Sie noch erwerbstätig sind, wird ähnlich verfahren. Von Ihrem Bruttoeinkommen werden 40 Prozent abgezogen, um das fiktive Nettoeinkommen zu errechnen, soweit Sie selbst noch nicht die reguläre Altersrente bekommen. Beispiel: 2000 Euro Bruttoverdienst ergeben einen fiktiven Nettoverdienst von 1200 Euro.

Dieser Betrag wird dann genau wie oben skizziert dem Freibetrag gegenübergestellt. Von der Differenz werden 40 Prozent auf die Hinterbliebenenrente angerechnet.

Rechenbeispiel 2: Erwerbstätigkeit plus Witwenrente

Ein Mann aus Hamburg verdient 2000 Euro brutto und erhält zusätzlich eine Hinterbliebenenrente.

  • Nach der Pauschalrechnung der Rentenversicherung ergibt sich daraus ein fiktives Nettoeinkommen von 1200 Euro (2000 Euro – 40 Prozent).
  • Der Freibetrag von 950,93 Euro für wird um 249,07 Euro überschritten.
  • 40 Prozent dieser Differenz sind 99,63 Euro. Um diesen Betrag wird die Hinterbliebenenrente gekürzt.

Für Hinterbliebenenrentner ohne eigene Altersrente aber mit Einkünften aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung liegt die kritische Einkommensgrenze ab Juli 2022 bei brutto 1585 Euro (West) beziehungsweise 1563 Euro (Ost). Entgelte aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung sind bis zu dieser Höhe bei der Hinterbliebenenrente anrechnungsfrei.

Was gilt bei „Doppelrentnern“?

Eine andere Regelung gilt für „Doppelrentner“ mit Job, die bereits die reguläre Altersgrenze erreicht haben und in der Rentenversicherung versicherungsfrei sind. In diesem Fall werden Ihnen, um vom Brutto zum Netto zu gelangen, nur 30,5 Prozent rechnerisch abgezogen.

Ausnahme: Wenn Sie gegenüber Ihrem Arbeitgeber den Verzicht auf die Versicherungsfreiheit erklären, gilt ein Abzugssatz von 40 Prozent.

Was gilt bei „Doppelrentnern“ mit Minijobs?

Viele Senioren üben einen Minijob aus. Und meist ist der Minijob nicht rentenversicherungspflichtig.  In diesem Fall gilt das komplette Einkommen aus dem Minijob als Nettoentgelt. Es gibt also keinen pauschalen Abzug.

Das ist vor allem für Hinterbliebenenrentner ungünstig, bei denen der Freibetrag für zusätzliches Einkommen zur Witwer- oder Witwenrente bereits durch die eigene Altersrente voll ausgeschöpft ist. Bei ihnen wird ein Großteil des Minijob-Einkommens auf die Hinterbliebenenrente angerechnet.

Bei einem vollen Minijob sind das 40 Prozent von 450 Euro, also 180 Euro. Es bleiben also nur 270 Euro. Dann lohnt sich der Minijob kaum.

Tipp: Verzicht auf Rentenversicherungsfreiheit kann sich lohnen

Wenn Sie einen Minijob haben, kann es sich gegebenenfalls lohnen, auf die Rentenversicherungsfreiheit zu verzichten. Sie zahlen dann zwar, wenn es sich um einen gewerblichen Minijob handelt, 3,6 Prozent des Minijob-Lohns in die Rentenkasse ein. Bei einem vollen Minijob sind das 16,20 Euro im Monat Mehrbelastung. 

Aber: Im gleichen Zug wirkt sich das günstig auf die Anrechnung Ihres Einkommens auf die Hinterbliebenenrente aus.

Von den 450 Euro wird im ersten Schritt ein rechnerischer Abzug von 40 Prozent vorgenommen, um das für die Einkommensanrechnung maßgebliche Einkommen zu ermitteln. 450 Euro zählen damit netto nur noch als 270 Euro (450 minus 40 Prozent).

Und von diesen 270 Euro werden im zweiten Schritt 40 Prozent mit der Hinterbliebenenrente verrechnet. Das sind nur 108 Euro. Um diesen Betrag mindert sich dann die ausgezahlte Hinterbliebenenrente – und nicht um 180 Euro.

Zudem bringen die Rentenversicherungsbeiträge auf den Minijob noch ein zusätzliches kleines Rentenplus ab dem Juli des Folgejahres.


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Autor

Rolf Winkel