Nachgefragt / 08.07.2016

Rentenplus: Wie kommt es zustande? – Wie geht es weiter?

Ein sattes Rentenplus gibt es für Ruheständler in diesem Jahr: Knapp 6 Prozent mehr Rente in den neuen Bundesländern, 4,25 Prozent in den alten Ländern. Unser Sozialexperte Rolf Winkel erklärt, wie es dazu kommt und wie es mit der Rente weitergeht.

Seniorin jongliert – Bildnachweis: wdv © J.Lauer

Wie kommt es zu diesem Rentenplus? Will die Bundesregierung bei den Rentnern für die kommenden Wahlen punkten?

Rolf Winkel: Nein. Da hat niemand dran gedreht. Es gibt klare Rechenregeln, wie die Rentenerhöhung zu ermitteln ist. Diese findet man in Paragraf 68 des sechsten Sozialgesetzbuchs (SGB VI).

Wie sehen die Rechenregeln aus?

Rolf Winkel: Zunächst kommt es darauf an, wie sich die Bruttoentgelte der beitragspflichtig Beschäftigten entwickelt haben. Stiegen die Löhne stark, so steigt auch die Rente stark.

Das Zinsniveau spielt also keine Rolle?

Rolf Winkel: Nein. Und das ist in der derzeitigen Zinsflaute auch der große Vorteil der gesetzlichen Rentenversicherung gegenüber der privaten Altersvorsorge. Letztere dümpelt im Moment – und voraussichtlich noch für längere Zeit – wegen der niedrigen Zinsen vor sich her. Die gesetzliche Rente kann derzeit jedoch punkten.

Wie genau wirken sich Lohnerhöhungen auf die Rente aus?

Rolf Winkel: Es zählt immer die Entwicklung des Vorjahrs. 2016 kommt es darauf an, wie sich die Löhne 2015 gegenüber 2014 entwickelt haben. Dabei wird getrennt für die alten und für die neuen Bundesländer gerechnet. Aufgrund der Daten des Statistischen Bundesamts ergibt sich für 2015 im Vergleich zum Vorjahr rechnerisch eine Lohnsteigerung um 3,78 Prozent in den alten und 5,48 Prozent in den neuen Bundesländern.

Dass diese Werte dieses Mal so hoch ausfallen, liegt aber auch an einem einmaligen statistischen Sondereffekt. 2014 gab es eine Änderung der Beschäftigtenstatistik. Diese hat 2015 zunächst zu einer Dämpfung des Rentenanstiegs geführt. In diesem Jahr wird dies durch einen höheren Anstieg ausgeglichen. Das bringt ein Plus von etwa einem Prozentpunkt: In den genannten Prozentzahlen ist dieses Plus bereits enthalten.

Das Rentenplus fällt aber noch kräftiger aus als 3,78 Prozent im Westen bzw. 5,49 im Osten. Wie kommt das?

Rolf Winkel: Es gibt noch weitere Stellschrauben für das Rentenniveau. Das ist zum einen der so genannte Nachhaltigkeitsfaktor. Damit soll die demografische Entwicklung bei der Rente berücksichtigt werden. Generell rechnen die Statistiker damit, dass es künftig zunehmend mehr Rentner und immer weniger Beitragszahler geben wird. Das zahlenmäßige Verhältnis beider Gruppen wird durch den Nachhaltigkeitsfaktor abgebildet. „Verschlechtert“ sich dieser Wert – gibt es also weniger Arbeitnehmer und mehr Rentner – so dämpft das den Rentenanstieg. Und umgekehrt. Auch hier kommt es auf Entwicklung im letzten Jahr gegenüber dem vorletzten Jahr an.

Hat der Nachhaltigkeitsfaktor zuletzt eine Rentensenkung bewirkt?

Rolf Winkel: Nein. Dieses Mal ein Rentenplus. Durch die relativ günstige Arbeitsmarktentwicklung gab es im Vergleichszeitraum mehr Beschäftigte. Das bringt den Rentnern in diesem Jahr einen um 0,18 Prozentpunkte höheren Rentenanstieg.

Kann sich der Nachhaltigkeitsfaktor auch künftig positiv auf die Rentenentwicklung auswirken?

Rolf Winkel: Insgesamt ist eher mit dem Gegenteil zu rechnen. Positiv für die Ruheständler kann sich allerdings der Zuzug von Flüchtlingen bzw. generell die Zuwanderung nach Deutschland auswirken. Die Zuwanderung wird in den nächsten Jahrzehnten kaum Einfluss auf die Zahl der Rentenbezieher haben, wohl aber – auf Dauer – zu einem Zuwachs an versicherungspflichtig Beschäftigten führen.

Wirkt sich auch der Beitragssatz der Rentenversicherung auf die Rentenentwicklung aus?

Rolf Winkel: Auch das. Im Prinzip gilt: Steigt der Beitragssatz, dann ist das für die Rente schlecht. Sinkt er, dann ist das gut für die Rente. Dafür sorgt der Beitragssatz-Faktor, der bei der Berechnung der Rentenanpassung einfließt. Allerdings kommt es auch hier nicht auf den aktuellen Beitragssatz an, sondern darauf, wie sich der Beitragssatz im letzten gegenüber dem vorletzten Jahr entwickelt hat. 2015 lag der Beitrag – genau wie heute – bei 18,7 Prozent. 2014 waren es noch 18,9 Prozent. Das bringt dann nach der gesetzlichen Rechenanweisung ein kleines weiteres Rentenplus von 0,26 Prozentpunkten.

Ist noch mit einer weiteren Senkung des Rentenbeitrags zu rechnen?

Rolf Winkel: Eher mit einer Steigerung, spätestens im nächsten Jahrzehnt. Das wird dann dazu führen, dass der Rentenanstieg gebremst wird.

Wie funktioniert dann die genaue Berechnung der Rentenanpassung?

Rolf Winkel: Die drei Faktoren werden miteinander multipliziert. Wer will, kann die Probe machen, etwa für die Anpassung Ost: 1,0548 (Bruttolohnentwicklung) x 1,0018 (Nachhaltigkeitsfaktor) x 1,0026 (Beitragssatzfaktor) bringt eine Erhöhung um den Faktor 1,0595, anders ausgedrückt: um 5,95 Prozent.

Welche Rentenentwicklung ist künftig zu erwarten?

Rolf Winkel:Die Bundesregierung sagt in ihrem Rentenversicherungsbericht 2015 (Bundestags-Drucksache 18/6870) bei den gesetzlichen Renten eine jährliche Steigerung von deutlich über 2 Prozent voraus. Bei der „mittleren Lohnvariante“ erwartet sie im Zeitraum von 2015 bis 2029 eine Steigerung von 41 Prozent.

Aber alle Welt spricht von der Senkung des Rentenniveaus …

Rolf Winkel: Das ist auch nicht ganz falsch. Gemeint ist damit aber nicht, dass die Rente gekürzt wird. Die Rente wird auch künftig deutlich steigen. Das Rentenniveau wird jedoch – anders als früher – nicht mehr mit der Lohnentwicklung Schritt halten, sondern wird der Lohnentwicklung hinterher hinken. Dafür werden die demografische Entwicklung (die über den Nachhaltigkeitsfaktor eingefangen wird) und die Entwicklung des Rentenbeitrags sorgen. Der Rentenbeitrag wird nach den Erwartungen der Bundesregierung bis 2023 auf 20 Prozent ansteigen. Schon diese Anhebung wird dazu führen, dass der kommende Rentenanstieg um 1,7 Prozentpunkte gebremst wird.

Gibt es schon Prognosen, womit die Rentner in den kommenden Jahren rechnen können?

Rolf Winkel: Die Bundesregierung rechnet auch für die kommenden Jahre jeweils mit einem Rentenplus zwischen 2 und 3 Prozent. Das geht aus dem Rentenversicherungsbericht 2015 hervor.

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Autor

Rolf Winkel