Nachgefragt / 24.09.2012

Riesters Rest-Risiko

Verbraucherschützer Niels Nauhauser über die Unsicherheit der Riester-Sparer, die Finanzkrise und die Unmöglichkeit, das beste Produkt zu finden.

Euro – Bildnachweis: gettyimages © Ralf Hiemisch

Traditionell werden im Herbst besonders viele Riester-Renten abgeschlossen. Doch in diesem Jahr stand die Riester-Rente unter Dauerbeschuss. Gleich in mehreren Studien und Analysen hagelte es Kritik an ihrer Konstruktion und den Angeboten der Konzerne. Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg kennt die Kritik – und weiß, wie die Sparer darauf reagieren.

Spüren Sie eine zunehmende Verunsicherung der Riester-Sparer?

Niels Nauhauser: Ja, Tag für Tag. Zu uns kommen immer mehr Verbraucher, die fragen, ob es überhaupt noch Sinn macht einen Vertag fortzuführen. Viele sind erbost über die hohen Provisionen und fragen sich, ob das sein kann. Auch die Probleme der Auszahlphase erreichen so langsam immer mehr Verbraucher. Jüngst hat ein Verbraucher seinen Vertrag zum Rentenbeginn gekündigt. Er wollte nicht, dass die Bank 30 Prozent seines in einem Banksparplan gesparten Kapitals in eine Rentenversicherung zahlt, die seine Rente ab 85 finanzieren soll. Immer häufiger kommen die systemimmanenten Probleme der Riester-Rente zutage. Es ist nicht die negative Berichterstattung, die Schuld ist an der Verunsicherung, es sind die Anbieter, mit ihren schlechten Produkten und die Vermittler mit ihrer miserablen Beratung. Sie liefern den Stoff für die Schlagzeilen.

Führt die Kritik dazu, dass einige gar keine Altersvorsorge mehr abschließen?

Niels Nauhauser: Das ist eine durch nichts belegte Behauptung, die oft von der Lobby stammt, die mit dem Vertrieb von Altersvorsorgeprodukten Geld verdient. Seit Jahren liegt die Sparquote der privaten Haushalte stabil bei rund 10 Prozent des verfügbaren Einkommens. Altersvorsorge ist ja nichts anderes als Sparen.

Gibt es eine Faustregel, ab wann sich eine Riester-Rente lohnt?

Niels Nauhauser: Nein. So einfach ist das leider nicht. Zwei Fragen sollten Sie nachgehen: Erstens, habe ich unterm Strich eine hohe Förderquote, auch wenn ich die Steuern in der Rente berücksichtige? Viel viele gibt es diese positive Förderquote, aber nicht für alle. Die zweite Frage ist, gibt es für mich persönlich passende Riester-Produkte? Denn außerhalb der Riester Rente gibt es ja noch viele weiteren Produkte, die womöglich besser passen oder attraktiver sind.

Im Gegensatz zu diesen anderen Produkten wird die Riester-Rente ja gefördert. Wie schwer wiegt dieser Vorteil?

Niels Nauhauser: Das kommt natürlich darauf an, wie hoch die staatliche Förderung ausfällt. Das Paradebeispiel für eine hohe Förderquote ist der Geringverdiener mit vielen Kindern, der für 60 Euro Eigenleistung mehrere Hundert Euro an Zulagen einstreichen kann. Hier kann man bereits aufgrund der Förderung schon 3 Prozent pro Jahr einstreichen, hinzu käme noch die Rendite des Vertrages. Für viele anderen ist die Förderung dagegen oft überschaubar. Da schrumpfen dann die 30 Prozent Förderquote auf ein Renditeplus von einem Prozentpunkt jährlich zusammen. Auch das wäre noch beachtlich, würden die Kosten das nicht wieder auffressen.

Wo gibt es denn kostengünstigere Alternativen?

Niels Nauhauser: Dazu ein Beispiel: Nehmen wir einen Riester-Banksparplan, der je nach Marktlage verzinst und aktuell ein Prozent Zinsen bringt. Wegen der Riester Förderung zählen wir einen weiteren Prozentpunkt dazu, das macht zusammen zwei Prozent Rendite. Informierte Sparer können aktuell bei guten Direktbanken ungefördert mit der gleichen Sicherheit aber drei Prozent bekommen. Ähnlich ist das bei Riester-Rentenversicherungen und -Fondssparplänen. Diese guten Produkte empfiehlt aber niemand, da die Berater in Wahrheit nur Verkäufer sind. Es gibt über 5.000 Riester-Produkte. Die Vermittler verkaufen aber nur die Produkte, die die höchste Provision versprechen.

Wie beraten Sie bei der Verbraucherzentrale Riester-Interessierte?

Niels Nauhauser: Wir schauen uns zunächst mal die Situation ganzheitlich an und analysieren den Bedarf an Finanzprodukten. Ergebnis kann dabei auch sein, dass Verbraucher ausschließlich Schulden abzahlen sollten, die Empfehlung ist also nicht zwangsläufig ein Altersvorsorgevertrag. Ob wir dann einen Riester-Vertrag vorschlagen oder andere Produkte, kommt auf den Einzelfall an.

Kann Ihre Verbraucherzentrale den passenden Riester-Vertrag auswählen – etwa aus einer Datenbank?

Niels Nauhauser: Nein. Dazu bräuchte man schon eine ausgeklügelte Software und die gibt es in Deutschland nicht. Es gibt natürlich gewerbliche Anbieter, die ihr Geld mit der Bewertung von Produkten verdienen. Es gibt aber nichts, das alle Produkte vergleicht und noch dazu die Situation des Sparers berücksichtigt. Vergleichssoftware wie manche Versicherungsvertreter oder Makler sie benutzen, sind mit Vorsicht zu genießen. Der Berater erweckt damit den Anschein, einen kompletten Marktüberblick zu haben. Den hat er aber nicht. Außerdem basieren die Tests auf Momentaufnahmen. Da der Kapitalmarkt aber dynamisch ist, sind einige Eigenschaften der Produkte auch nicht in Stein gemeißelt. Ein Versicherer, der heute für die Sparer rentabel wirtschaftet, kann schon morgen Ertragseinbrüche verzeichnen.

Kapital anlegen ganz ohne Restrisiko, das geht leider nicht. Und weder Ratingagenturen noch Anbieter von Vergleichssoftware sind im Stande, all die Risiken zu sehen. Man kann aber aufgrund der heutigen Informationen versuchen, die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen. Vergleiche sind immer mit Vorsicht zu genießen, wenn sie für Prognosen verwendet werden.

Und die Tests der Stiftung Warentest?

Niels Nauhauser: Die Vergleichslisten gerade von unabhängigen Testzeitschriften wie der Stiftung Warentest sind durchaus hilfreich bei der Produktauswahl. Da die Stiftung vom Staat finanziert wird, gibt es auch keine Interessenkonflikte, weshalb sie nach bestem Gewissen testen kann. Aber auch die besten Tester können natürlich nicht vorhersehen wie sich die Kapitalmärkte entwickeln werden, sodass die künftige Rendite des Vertrages immer eine Unbekannte bleiben wird.

Aber auch da gibt es ein Manko: Die Vergleiche basieren auf Modellfällen, nicht auf dem Individualfall.

Niels Nauhauser: Dort liegt das Problem für die Verbraucher. Die Vergleiche ersetzen nicht die Beratung, denn woher soll der Verbraucher auch wissen, ob Riester für ihn lukrativ ist und wenn ja, welche Produktart zu seinem Bedarf passt?

Jetzt will die Bundesregierung einen Beipackzettel für die Riester-Rente einführen. Wird der tatsächlich zu mehr Markt-Durchblick beim Sparer sorgen?

Niels Nauhauser: Nein. Mehr Information ist keine Lösung. Es ist ohne den geringsten Zweifel absehbar, dass auch diese Maßnahme die Probleme am Markt nicht beseitigen wird. Schon heute bekommen Sie beim Abschluss einer Riester Rentenversicherung ein Paket von rund 50 Seiten. Da gehen zwei weitere Seiten vollkommen unter. Die Vorstellung, Verbraucher würden anhand von Beipackzetteln Produkte vergleichen, noch dazu verschiedene Produktarten vom Bausparvertrag über die Versicherung zum Fondssparplan, entspricht nicht der Realität am Markt. Stellen Sie sich vor, Ihr Hausarzt würde ausschließlich von der Pharmaindustrie bezahlt und sein Geld mit dem Verkauf von Medikamenten verdienen. Da ist jedem klar: dem kann ich nicht trauen, der muss doch Pillen verkaufen! Und in der Situation sind wir beim Markt für Finanzberatung. Da helfen Beipackzettel auch nicht weiter. Die Vermittler werden weiterhin nur das verkaufen, was ihre Einnahmen maximiert.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen der Eurokrise auf die Altersvorsorge ein?

Niels Nauhauser: Die Auswirkungen sind offensichtlich: Die Spielwiese der kapitalgedeckten Altersvorsorge ist nun einmal der Kapitalmarkt. Und wenn der Rasen austrocknet, die Zinsen also wie derzeit real gegen Null tendieren, dann trifft das die private Altersvorsorge hart. Das kann sich auch wieder zum Positiven wenden, das Auf und Ab aber liegt in der Natur der Kapitalanlage. Dafür hat sie Vergleich zur Umlagefinanzierung den Vorteil, dass ihre voraussichtliche Rente nicht davon abhängt, wie viele Kinder wir bekommen. Deshalb wäre eine effiziente kapitalgedeckte Altersvorsorge eine gute Ergänzung zur umlagefinanzierten Altersvorsorge. Die Antwort auf die Eurokrise heißt aber nicht, dass sich das Sparen nicht mehr lohnt. Denn das ist sehr kurzsichtig. Stattdessen lautet die Antwort: streuen Sie die Risiken auf verschiedene Anlageklassen und minimieren Sie die Kosten!

Mehr zum Thema

  • www.vz-bawue.de
    Internetseite der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.
  • Altersvorsorge
    Schwerpunkt auf ihre-vorsorge.de
  • Forum
    Sie fragen, Experten der Deutschen Rentenversicherung antworten auf Fragen rund um private Altersvorsorge und gesetzliche Rente.
  • Beratungsmöglichkeiten
    Die Deutsche Rentenversicherung informiert auch bei Fragen der zusätzlichen privaten Altersvorsorge – und das kostenlos und unabhängig von Provisionsinteressen.
Autorenbild

Autor

Michael J. John