Soziales / 21.11.2022

So gibt es nicht nur für Rentner mehr Wohngeld

Gut 700.000 Rentner dürften 2023 erstmals Anspruch auf Wohngeld haben. Wie viel Wohngeld es bei welcher Rente gibt.

Älterer Mann sitzt auf einem Sessel und hält eine Zeitung in der Hand. (Bild: IMAGO / Westend61)

Inhalt

Die einen gehen erst gar nicht zum Amt, die anderen schrecken vor den seitenlangen Anträgen zurück oder denken, das lohnt sich sowieso nicht. Hunderttausende lassen sich in Deutschland Wohngeld entgehen, obwohl sie Anspruch darauf hätten. Vom nächsten Jahr an würde ihnen so noch mehr Geld entgehen. Am 1. Januar 2023 tritt die gerade vom Bundestag beschlossene Reform des Wohngelds in Kraft (Wohngeld-Plus-Gesetz). Dann gibt’s deutlich mehr Wohngeld. Wer in Zukunft die staatliche Leistung kassieren kann, wie Rentnerinnen und Rentner möglichst schnell an das Geld kommen – die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie viele Rentner profitieren vom Wohngeld-Plus-Gesetz?

Laut Statistischem Bundesamt erhielten 2020 fast 620.000 Haushalte den Zuschuss zum Wohnen. Diese Zahl soll sich vom kommenden Jahr an auf zwei Millionen mehr als verdreifachen. Das soll dazu beitragen, dass weniger Menschen mit einem eigenen, aber spärlichen Einkommen in die staatliche Grundsicherung abrutschen. Fast die Hälfte aller Wohngeldempfänger sind Rentnerinnen und Rentner. Künftig dürften also etwa eine Million Rentnerhaushalte den Zuschuss beziehen. Dieser soll sich laut Gesetz von durchschnittlich 180 auf 370 Euro im Monat erhöhen.

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Wovon hängt es ab, ob und wie viel Wohngeld man bekommt?

Wie die staatliche Leistung ausfällt, hängt unter anderem davon ab

  • wo die Menschen wohnen
  • wie hoch die Mieten dort sind und
  • wie viele Personen im Haushalt leben.

Das gesamte Nettoeinkommen des Haushalts darf dabei bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Bei Rentnern errechnet sich dies so:

  • Vom monatlichen Bruttoeinkommen werden pauschal zehn Prozent für Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung abgezogen.
  • Sofern Rentner Steuern zahlen müssen, werden pauschal weitere zehn Prozent abgezogen, so dass die Abzüge insgesamt maximal 20 Prozent ausmachen.

Mitentscheidend ist außerdem bei Mietern die monatliche Bruttokaltmiete. Das ist die Kaltmiete plus Betriebskosten- und Nebenkosten, aber ohne Heizungskosten.

Von 2023 werden nun die Obergrenzen für das Nettoeinkommen deutlich angehoben. Dabei gilt folgende Maßregel: Wer „Mindestlohn verdient oder eine Rente hat in dieser Höhe“, so Bundesbauministerin Klara Geywitz, solle im kommenden Jahr vom Wohngeld profitieren. Das wären beim neuen Mindestlohn von zwölf Euro pro Stunde etwa 2080 Euro brutto im Monat.

Welche Rolle spielt die Höhe der Miete?

Auch bei den Mieten gelten Obergrenzen, bis zu der die monatliche Miete in die Wohngeldberechnung einfließt. Maßgeblich sind wie bisher sieben Mietstufen, die sich aus den Durchschnittsmieten eines Ortes ergeben. Beispiel: Bei einem Zwei-Personen-Haushalt beläuft sich diese Obergrenze in der untersten Mietstufe I auf 420 Euro (zum Beispiel Clausthal-Zellerfeld), in der höchsten Mietstufe VII auf 788 Euro (etwa München). Ein Heizkostenzuschlag kommt oben drauf.

Was ändert sich bei den Heizkosten?

2022 gab es für Wohngeldempfänger bereits einen Zuschuss für die Heizkosten. Mit der automatischen Überweisung des zweiten Zuschusses in Höhe von 415 Euro für eine Person (540 Euro für zwei Personen) ist nach Angaben des Deutschen Städtetags erst Ende Januar oder Anfang Februar 2023 zu rechnen.

Künftig wird es hingegen dauerhaft eine Heizkostenkomponente geben. Diese beläuft sich zusammen mit der sogenannten Klimakomponente auf 2,30 Euro pro Quadratmeter. Diese Pauschale wirkt, so die Bundesregierung, wie „ein Zuschlag auf die Höchstbeträge der Miete“. Auch das bringt den Wohngeldempfängern mehr Geld.

Wie viel müssen Rentner verdienen, um Wohngeld zu bekommen?

Rentnerinnen und Rentner haben Anspruch auf Wohngeld, wenn ihr monatliches Nettoeinkommen

  • über dem Existenzminimum liegt und
  • unter der von monatlicher Bruttokaltmiete und Mietstufe abhängigen Einkommensgrenze.

Faustregel: Wer als alleinstehende Person lediglich als Einkommen eine Rente von unter 1000 Euro netto vorweisen kann, wird vom Sozialamt in der Regel kein Wohngeld bekommen, sondern an die staatliche Grundsicherung für Rentner verwiesen.

Wie viel Wohngeld gibt es bei welcher Rente?

Der Finanz- und Rentenexperte Werner Siepe hat gerade die Studie „Wohngeld plus für Rentner“ vorgelegt. Er kann mit Hilfe eines neuen Wohngeld-Rechners von smart-rechner.de, der die 2023 geltenden Bestimmungen bereits berücksichtigt, vorrechnen:

  • Bei einem Bruttoeinkommen eines alleinstehenden Rentners von 1240 Euro und einer monatlichen Bruttokaltmiete von 420 Euro in Mietstufe IV beläuft sich das Wohngeld für 2023 auf 156 Euro.
  • Würde die Bruttorente 1480 Euro betragen, gibt es ein Wohngeld von 124 Euro, bei einer Bruttorente von 1600 Euro nur noch 78 Euro.

Es gilt der Grundsatz: Das Wohngeld sinkt im Regelfall mit steigender Bruttorente. Bei einer gesetzlichen Rente von brutto 1772 Euro wird allerdings die Einkommensgrenze erreicht. Dann beträgt das Wohngeld zehn Euro. Weniger als zehn Euro werden aber nicht ausbezahlt.

Immerhin liegt die Einkommensgrenze von 1772 Euro aber noch deutlich über der monatlichen Standardrente von zurzeit 1620,90 Euro für einen Rentner, der 45 Jahre stets wie der Durchschnitt verdient und entsprechend Beiträge gezahlt hat.

Zu beachten ist dabei auch: Wenn Wohngeld beantragt wird, bleibt Vermögen bis zu einer Grenze von 60.000 Euro verschont. Bei einem Zwei-Personen-Haushalt beträgt das Schonvermögen insgesamt 80.000 Euro.

Haben viele Rentner jetzt erstmals Anspruch auf Wohngeld?

Gut 700.000 Rentnerinnen und Rentner zusätzlich dürften ab 2023 erstmals Anspruch auf Wohngeld haben. Beispiele:

Ein alleinstehender Rentner mit einem Bruttoeinkommen von 1500 Euro und einer Bruttokaltmiete von 500 Euro monatlich würde bisher kein Wohngeld bekommen, nach neuem Recht wären es hingegen 153 Euro in einer Stadt mit der mittleren Mietstufe IV (etwa Ludwigshafen am Rhein).

Hat der Rentner mindestens 33 Jahre an Pflichtbeitragszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung (auch Grundrentenzeiten genannt) nachgewiesen, sähe es für ihn noch besser aus. Dann wird bei seinem für die Berechnung des Wohngelds relevanten Nettoeinkommens ein Freibetrag von maximal 251 Euro abgezogen. Dadurch erhöht sich die Einkommensobergrenze und dadurch wiederum das fällige Wohngeld auf 281 Euro.

Ähnlich sieht es bei einem Rentner-Ehepaar aus, das zusammen 2000 Euro brutto als Renten erhält und eine Bruttokaltmiete von 600 Euro zahlt. Bisher erhalten sie kein Wohngeld, von 2023 an sind es 100 Euro. Kann einer von ihnen den Freibetrag von maximal 251 Euro geltend machen, sind es sogar 221 Euro Wohngeld.

Warum kann es für Rentner besonders schwer sein, mehr Wohngeld zu bekommen?

Allein wegen des Freibetrags von bis zu 251 Euro werden vom kommenden Jahr sehr viel mehr Rentnerinnen und Rentner Anspruch auf Wohngeld haben. Dadurch kann das Wohngeld laut Berechnungen von Finanzfachmann Siepe um durchschnittlich 120 bis 130 Euro im Monat steigen. Die Wohngeldstellen werden diesen Freibetrag aber nur berücksichtigen, wenn ein Nachweis der Deutschen Rentenversicherung (DRV) über die erforderlichen 33 Jahre an sogenannten Grundrentenzeiten vorliegt.

Rentner ohne diesen Nachweis sollten daher selbst bei der DRV eine entsprechende Bescheinigung beantragen oder einen formlosen Antrag durch die Wohngeldstelle stellen lassen. Wichtig dabei zu wissen: Der Freibetrag steht auch Rentnern zu, die keinen Grundrentenzuschlag erhalten, aber auf die mindestens 33 Jahre an Grundrentenzeiten kommen. Sobald eine entsprechende Bescheinigung der DRV vorliegt, wird er dann rückwirkend bis zum Datum des Wohngeldantrags anerkannt.

Welche Probleme gibt es beim Antrag auf Wohngeld?

Viele Menschen verzichten auf den Wohngeldantrag aus Unkenntnis, Furcht vor Formularen, Scham vor dem Gang zum Sozialamt oder aus falschem Stolz. Schätzungen zufolge stellt zurzeit nur jeder zweite Berechtigte den bis zu acht Seiten langen Antrag auf Wohngeld. Schon jetzt aber sind die Wohngeldstellen der Kommunen überlastet, auch weil Personal fehlt. Monatelange Wartezeiten bis zur Bewilligung der Anträge und bis das erste Geld eintrifft, sind die Folge.

Tipp: Schneller an Wohngeld kommen

Das neue Gesetz erlaubt es, eine vorläufige Zahlung des Wohngeldes zu beantragen. Voraussetzung: Es ist „voraussichtlich eine längere Bearbeitungszeit“ erforderlich, und es besteht mit „hinreichender Wahrscheinlichkeit“ ein Anspruch auf Wohngeld. Nur wer entscheidet, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind? „Das ist letztlich Sache der Sachbearbeiter. Zumindest in kleineren Gemeinden, wo die Ämter vielleicht nicht so überlastet sind wie in Großstädten, würde ich hier das Gespräch mit den Mitarbeitern suchen“, rät Experte Siepe.


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Autor

Thomas Öchsner