Nachgefragt / 04.07.2018

Sorgenkind Riester-Banksparplan: Was sollen Sparer jetzt tun?

Drohende Negativzinsen und schlechte Chancen für die Auszahlungsphase: Der Riester-Banksparplan entwickelt sich zum Sorgenkind. Was sollen Sparer jetzt tun? Uwe Döhler von der Stiftung Warentest gibt Tipps.

Hände umrahmen ein gezeichnetes Sparschwein. – Bild:sdecoret - stock.adobe.com

Bad Homburg (kma). Das Urteil des Landgerichts Tübingen lässt Riester-Sparer aufhorchen: Wenn Sparkassen und Banken Negativzinsen zahlen müssen, können sie diese an ihre Kunden weitergeben. Sparern droht damit eine Altersvorsorge zum Nullzins. Was bedeutet das Urteil und was sollen Riester-Sparer mit Banksparplan jetzt tun? Und: Lohnt sich Riestern überhaupt noch? Darüber haben wir mit Uwe Döhler vom Team Altersvorsorge bei der Stiftung Warentest gesprochen.

Herr Döhler, bisher war immer die Devise: Riester-Banksparpläne sind die sicherste Riester-Form. Gilt das nach dem Tübinger Urteil immer noch?

Döhler: Das kann man heute leider nicht mehr uneingeschränkt sagen. Sparer müssen sich jetzt nicht auf Nullzinsen, sondern vielleicht sogar auf Negativzinsen einstellen. Allerdings ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

Was genau bedeutet das Urteil?

Döhler: Die Zinsen für Banksparpläne sind variabel und orientieren sich an einem Referenzzins. Üblicherweise wird der Referenzzins mit einem Abschlag – der Marge für das Geldinstitut – an den Kunden weitergegeben. Beträgt der Referenzzins zum Beispiel 2,5 Prozent und die Sparkasse behält ein Prozent, erhält der Kunde 1,5 Prozent Zinsen. Das hat über Jahre gut geklappt...

...aber jetzt in der Niedrigzinsphase fällt die Marge zu gering aus.

Döhler: Genau. Wenn der Referenzzins unter ein Prozent fällt, die Sparkassen aber trotzdem noch ihre Marge verdienen wollen, entstehen für den Sparer Negativzinsen.

Aber bisher hat man doch kaum etwas gehört von Negativzinsen für Sparer, oder?

Döhler: Das stimmt. Die Zinsen gingen bis auf 0,05 Prozent oder ähnlich niedrige Werte runter und die Banken haben auf Teile der vereinbarten Margen verzichtet. Aber die Institute haben wohl nicht damit gerechnet, dass die Niedrigzinsphase so lange anhalten würde.

Im Fall aus Baden-Württemberg hatte die Sparkasse argumentiert, dass die tatsächlichen Zinsen für den Sparer gar nicht negativ ausgefallen sind, weil die Negativzinsen mit den Bonuszinsen verrechnet worden waren. Was heißt das?

Döhler: Viele Sparkassen haben ein Zwei-Komponenten-System: den variablen Grundzins und eine feste Bonuszinstreppe. Je länger ein Sparplan bespart wird, desto höher fallen die Bonuszinsen aus. Die Negativzinsen wurden im genannten Fall darauf angerechnet.

Aber was bedeutet das für Sparer, die ihren Banksparplan noch nicht so lange haben?

Döhler: Es könnte eine Ungleichbehandlung geben, wenn Negativzinsen über die Verrechnung mit den Bonuszinsen nur an ältere Sparer weitergegeben werden. Junge Sparer, die auf der Bonuszinstreppe noch nicht so weit oben stehen, könnten verschont bleiben. Wenn eine Sparkasse aber alle Kunden gleich behandeln will, müssten junge Sparer tatsächlich Negativzinsen in Kauf nehmen.

Kann das Urteil jetzt alle Kunden mit Riester-Banksparplan treffen?

Döhler: Nein, nicht in jedem Fall. Denn jede Sparkasse hat einen anderen Referenzzins und ein anderes Zinsmodell. Die Volksbanken arbeiten ohnehin anders. Trotzdem ist es jetzt natürlich möglich, dass auch anderen Sparern Negativzinsen drohen. Außerdem können Kontoführungsgebühren die Minizinsen auffressen.

Was raten Sie Sparern? Sollte man seinen Riester-Banksparplan kündigen?

Döhler: Nein, das ist in der Ansparphase fast nie eine gute Idee, denn dann muss man Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen. Sparer sollten versuchen, das Beste aus ihrem Banksparplan herauszuholen, denn Zulagen und Steuerersparnis können einiges kompensieren. Das heißt: den Eigenbeitrag regelmäßig prüfen und optimieren, um die vollen staatlichen Zulagen zu erhalten und die Beiträge entsprechend in der Steuererklärung geltend machen. Auch wenn das alles meist leider mit sehr viel Bürokratie verbunden ist.

Banksparpläne wurden immer jungen Sparern empfohlen, die irgendwann Wohneigentum erwerben wollen, weil man den Banksparplan leicht in Wohn-Riester wandeln kann. Sollten diese Sparer jetzt ihr Geld in einen Riester-Bausparvertrag stecken?

Döhler: Nein, ein Wechseln lohnt sich in den meisten Fällen nicht, weil für den Bausparvertrag Abschlusskosten fällig werden. Ein Banksparplan mit Bonuszinsen hat ja auch Vorteile: Bei einem Neuabschluss bekommen Sparer die nicht mehr.

Was raten Sie einem Sparer mit Mitte 40?

Döhler: Wenn der Sparer noch eine Chance auf eine Rendite haben will, sollte er in einen Riester-Fondssparplan investieren. Das lohnt sich aber nur, wenn der Anlagehorizont bis zur Rente noch mindestens 20 Jahre beträgt. Parallel sollte er aber auch ungefördert in ETFs investieren (Indexfonds, Anm. d. Red), denn die sind flexibler. An das Geld aus dem Riester-Vertrag kommen Sparer ja nicht ohne weiteres vor der Rente. Dafür sichern sie sich mit einem Riester-Vertrag die staatliche Förderung und Steuervorteile. Sie sollten vor dem Kauf auf jeden Fall auf vernünftige Kosten und ein gutes Anlagekonzept achten.

Für den Riester-Sparer über 50 sind Fonds also nichts mehr. Was sollte jemand kurz vor der Rente mit seinem Banksparplan tun?

Döhler: Das hängt vom Einzelfall ab. Für die einen kann es sich lohnen, bis zur Rente weiter zu sparen und den Vertrag dann förderschädlich aufzulösen. Zulagen und Steuervorteile müssen dann zurückgezahlt werden. Andere können sich zu Beginn der Auszahlungsphase 30 Prozent der Summe auf einmal auszahlen lassen und den Rest dann als kleine Zusatzrente. Aber selbst das wird zum Problem.

Inwiefern?

Döhler: Für die Verrentung des Riester-Guthabens müssen Sparer eine Rentenversicherung abschließen, die ihnen das Geld bis zum Lebensende auszahlt. Leider gibt es hier derzeit keine Auswahl, weil es kaum Versicherer gibt, die das anbieten. Die Kosten sind zu hoch und das Risiko wegen der hohen Lebenserwartung schwer zu kalkulieren. Der Sparer erhält also nur Angebote von dem Versicherungspartner seiner Genossenschaftsbank (meist R+V) beziehungsweise seiner Sparkasse (Sparkassenversicherung). Und diese fallen deutlich schlechter aus als bei Vertragsabschluss prognostiziert.

Problemkind Riester-Banksparplan also?

Döhler: Das kann man so sagen. Es gibt heute auch kaum noch Banken und Sparkassen, die Riester-Banksparpläne anbieten. Im Nachhinein betrachtet steht heute vermutlich besser da, wer vor Jahren eine klassische Riester-Rentenversicherung mit damals noch höherem Garantiezins abgeschlossen hat.

Wenn heute jemand einen Riester-Vertrag abschließen will, was würden Sie dem- oder derjenigen raten? Lohnt sich Riester überhaupt noch?

Döhler: Riestern kann sich als ein Baustein der Altersvorsorge wegen der staatlichen Förderung immer noch lohnen. Und für mit der Erziehung von Kindern betraute Lebenspartner ist es oft die einzige Möglichkeit, mit einer eigenen Altersvorsorge zu beginnen. Wichtig ist, dass man die Verträge regelmäßig optimiert, um die vollen Zulagen auszuschöpfen. Wenn man die Anschaffung von Wohneigentum plant, ist ein Riester-Bausparvertrag erste Wahl. Langfristige Ertragschancen bieten Riester-Fondssparpläne und wer sich wenig kümmern will, setzt auf eine klassische Riester-Rentenversicherung.

Weitere Informationen

Riester-Rente

Themenschwerpunkt auf ihre-vorsorge.de

www.test.de/thema/riester-rente

Informationen zur Riester-Rente sowie Tipps und Testergebnisse gibt es auf der Internetseite der Stiftung Warentest

Autorenbild

Autor

Katja Mathes