Aktuell beleuchtet / 11.11.2016

Steuerklasse IV Faktor: Unbekannte „Wundertüte“

Wählen Verheiratete die „richtige“ Steuerklasse, haben sie bei Arbeitslosengeld, Krankengeld und Elterngeld große Vorteile. Häufig ist dabei die wenig bekannte Klasse IV Faktor die beste Lösung.

Junges Paar prüft Unterlagen – Bildnachweis: wdv © J.Lauer

Verheiratete ziehen bei der Wahl der Steuerklassen überwiegend nicht alle Möglichkeiten in Betracht. Meist wählen sie die Steuerklassenkombination III und V, wobei der Ehemann dann Klasse III erhält. Das ist spätestens dann von Nachteil, wenn der Ehepartner mit Klasse V arbeitslos wird, Elterngeld bezieht oder längere Zeit erkrankt. Ein Beispiel: Wer vor der Arbeitslosigkeit brutto 3000 Euro verdient hat, bekommt als Kinderloser mit Steuerklasse III monatlich immerhin 1.268,40 Euro Arbeitslosengeld I. Bei Steuerklasse V sind es dagegen nur 915 Euro. Das macht ein Minus von 353,40 Euro im Monat. 

Könnte man dann nicht schnell die Steuerklassen wechseln?

Ein Steuerklassenwechsel zu Beginn der Arbeitslosigkeit wird von den Arbeitsagenturen in der Regel nicht akzeptiert – es sei denn, man wechselt in die Klasse IV Faktor. 

Worum geht es bei IV Faktor?

Seit Anfang 2010 können Ehepartner statt der Steuerklassenkombination III und V (oder IV/IV) das sogenannte Faktor-Verfahren in Steuerklasse IV wählen. Das ist eine Kombination von Steuerklasse IV mit den individuellen Steuerfreibeträgen. 

Was ist der Sinn des Verfahrens?

Das Verfahren sorgt dafür, dass die Ehepartner steuerlich schon beim Lohnsteuerabzug in etwa gleich behandelt werden. Die Steuerfreibeträge – etwa für Werbungskosten, Unterhaltsleistungen oder Spenden – kommen beiden Partnern sofort schon bei der monatlichen Lohnsteuerzahlung zugute (und nicht erst dann, wenn bei der Einkommenssteuerveranlagung alle Einkünfte und Absetzbeträge „in einen Topf geschmissen werden“). Wenn ein Ehepartner täglich beispielsweise zu seinem 80 km entfernten Arbeitsplatz fährt, wird dies steuerlich beiden Partnern gleichermaßen zugeschrieben – genau wie die Unterhaltsleistungen des anderen Partners. 

Das bringt damit also eine Gleichbehandlung der Gehälter beider Ehepartner …

Bei Ehepaaren, die beide verdienen, sorgt die Wahl der Steuerklasse IV Faktor für ein Stück mehr Gleichheit. Deshalb halten die Gleichstellungs- beziehungsweise Frauenministerien in Deutschland diese Steuerklasse auch für eine feine Sache. Weit größer als für Beschäftigte ist die Bedeutung der Steuerklassenwahl und insbesondere die Wahl der Klasse IV Faktor jedoch für Sozialleistungsbezieher. Das wirkt sich unter anderem beim Elterngeld und beim Arbeitslosengeld aus. 

Wie sieht das beim Arbeitslosengeld I aus?

Die Höhe dieser Versicherungsleistung hängt von der Steuerklasse ab, die die Betroffenen zu Beginn des Jahres hatten, in dem die Leistung bezogen wird. Ein Verheirateter, der im Januar 2015 beispielsweise Steuerklasse V hatte, und im November 2015 arbeitslos wird, hat beim Arbeitslosengeld das Nachsehen. Denn die Leistung wird auf Basis von Steuerklasse V berechnet – auch wenn der Arbeitslose im November bereits in Klasse III wechselt. Die Folge: Das Arbeitslosengeld fällt sehr niedrig aus. Eine Lösung kann hier nur die Klasse IV Faktor bringen. 

Warum?

Ein Wechsel in „IV Faktor“ wird von der Arbeitsagentur in jedem Fall anerkannt – auch wenn er erst im Jahr der Arbeitslosigkeit vorgenommen wird. In den Durchführungshinweisen zu §153 SGB III heißt es hierzu ausdrücklich: „Ein Wechsel von der Steuerklassenkombination III/V in das Faktorverfahren (IV/IV mit Faktor) ist immer nach §153 Abs. 3 Nr. 1 beachtlich“. Dies gilt auch dann, wenn jemand das sogenannte Faktorverfahren erst unmittelbar vor der Arbeitslosigkeit gewählt hat – oder sogar erst in der Zeit des ALG-Bezugs. 

Und was ist mit den Steuerfreibeträgen?

Die Steuerfreibeträge spielen normalerweise bei der Berechnung des Arbeitslosengelds keine Rolle. Für viele Arbeitslose ist das nachteilig – etwa für Behinderte oder für Arbeitslose, die hohe Unterhaltszahlungen schultern. 

Bietet Steuerklasse IV Faktor auch hier eine Lösung?

Von der Regel, dass steuerliche Freibeträge bei der Berechnung des Arbeitslosengeldes grundsätzlich nicht berücksichtigt werden, gibt es eine einzige Ausnahme: Die Steuerklasse IV Faktor. Denn in Steuerklasse IV Faktor sind die Steuerfreibeträge bereits berücksichtigt und die zählen dann auch beim Arbeitslosengeld mit. 

Welche Steuerfreibeträge sind das?

Dabei geht es beispielsweise um Pauschbeträge für Behinderungen, um Unterhaltszahlungen, Sonderausgaben bei Krankheit oder Behinderung, hohe Werbungskosten (über die Werbungskostenpauschale hinaus), Ausgaben für Haushaltshilfen und regelmäßige Spenden, Kirchensteuer, Kindergartenbeiträge, die eigene Berufsausbildung oder Ausbildungskosten von Kindern. Bei Verheirateten, die sich für das Faktor-Verfahren entscheiden, gehen diese Pauschalen und individuellen Freibeträge in die Berechnung des Faktors ein – und damit später auch in die Berechnung des Arbeitslosengeldes, das dann höher ausfällt. Für Verheiratete spielen damit individuelle Freibeträge bei der Berechnung des Arbeitslosengeldes eine große Rolle – wenn sie sich für Steuerklasse IV Faktor entscheiden. 

Wie sieht es beim Elterngeld aus?

Auch hier werden die Steuerfreibeträge im Grundsatz für die Berechnung der Leistung nicht berücksichtigt – es sei denn, die Partner haben Steuerklasse IV Faktor gewählt. Hier bringt ein kurzfristiger Wechsel in Klasse IV Faktor allerdings nichts. Ein Steuerklassenwechsel nützt (werdenden) Eltern nur dann, wenn er frühzeitig erfolgt – am besten schon dann, wenn man sich mit Nachwuchsplänen beschäftigt. Beim Elterngeld zählt die zuletzt eingetragene Steuerklasse nämlich nur dann, wenn sie bereits in den letzten sechs Monaten vor dem Beginn der Mutterschutzfrist auf der elektronischen Lohnsteuerkarte der werdenden Mutter und des Vaters eingetragen war. 

Wird die Steuerklasse IV Faktor bislang denn genutzt?

Bislang nutzen weit weniger als ein Promille der hierzu berechtigten Ehepaare diese Möglichkeit. 

Ist der Wechsel so kompliziert?

Für das Faktorverfahren müssen die Ehepartner – genau wie für die Wahl einer anderen Steuerklassenkombination – gemeinsam beim Wohnsitzfinanzamt einen Antrag stellen. Hierfür gibt es den Vordruck „Antrag auf Steuerklassenwechsel bei Ehegatten/Lebenspartner“. Dort trägt man beim Punkt Steuerklassenwechsel zunächst die bisherige Steuerklassenkombination ein – also entweder „drei/fünf“ oder „vier/vier“. In der Zeile darunter muss man die neu gewählte Kombination „vier Faktor / vier Faktor“ ankreuzen.

Auf der Rückseite müssen die Ehepartner dann noch den jeweiligen voraussichtlichen jährlichen Bruttoarbeitslohn eintragen (Monatslohn x 12 plus Weihnachts-/Urlaubsgeld) sowie Angaben zu ihrer Sozialversicherung machen. Das funktioniert für „offizielle“ Lebenspartner genauso. 

Und die Steuerfreibeträge?

Dafür ist noch ein zweites Formular nötig: der Antrag auf Lohnsteuerermäßigung. Hier können die Partner ihre Werbungskosten, Sonderausgaben, außergewöhnliche Belastungen oder andere steuermindernde Beträge geltend machen. Die werden dann vom Finanzamt bei der Berechnung des Faktors berücksichtigt. 

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Autor

Rolf Winkel