Nachgefragt / 15.08.2016

Übergewicht in der Schwangerschaft birgt Risiken

Professor Hans Hauner leitet den Lehrstuhl Ernährungsmedizin der TU München. Seit Jahren befasst er sich mit den Themen Adipositas und Typ-2-Diabetes. Im Interview erläutert er, warum eine gesunde und ausgewogene Mischkost in der Schwangerschaft so wichtig ist, um das Adipositas-Risiko bei Kindern zu senken.

Zwei Füße auf einer Waage. Bildnachweis: Stocksy © Jeff Wasserman

Herr Professor Hauner, laut Robert-Koch-Institut sind rund 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen in Deutschland übergewichtig. Vorbeugen kann man nicht früh genug. Auch schon während der Schwangerschaft?

Professor Hauner: Wahrscheinlich ja. Wir können davon ausgehen, dass eine gesunde und ausgewogene Ernährung in der Schwangerschaft einer übermäßigen Gewichtszunahme entgegenwirkt. Idealerweise sollten übergewichtige Frauen bereits vor der Schwangerschaft ihr Gewicht senken oder zumindest im Griff halten. So können sie das Adipositas-Risiko ihrer Kinder verringern. Auch Stillen hilft, eine übermäßige Gewichtszunahme des Kindes zu vermeiden.

Welche gesundheitlichen Risiken sind mit Übergewicht und Adipositas verbunden?

Professor Hauner: Übergewicht und insbesondere Adipositas ist heute der entscheidende Schrittmacher für eine Vielzahl meist chronischer Krankheiten, angefangen bei Stoffwechselkrankheiten wie Typ-2-Diabetes, über Herz-Kreislauf-Krankheiten, bestimmte Krebserkrankungen, Gelenkserkrankungen bis hin zu Demenz. Die Vermeidung von Übergewicht senkt gleichzeitig alle diese Risiken.

Sie haben eine langjährige Studie geleitet, die sich mit der Frage befasste, wie sich die Zusammensetzung von Fettsäuren in der mütterlichen Ernährung während der Schwangerschaft und Stillzeit auf den Nachwuchs auswirkt. Das Ergebnis?

Professor Hauner: Eine spezielle Diät für Schwangere ab der zwölften Schwangerschaftswoche bis zum Ende des vierten Monats nach der Entbindung, reich an Omega-3-Fettsäuren und arm an Arachidonsäure, hat deren Kinder nicht schlanker gemacht als die Kinder in der Kontrollgruppe. Wir haben dabei die Kinder bis zum Alter von fünf Jahren begleitet.

Vor gut zehn Jahren gab es eine Reihe von Hinweisen darauf, dass zu viel Arachidonsäure in der Ernährung – eine Omega-6-Fettsäure, die vor allem in tierischen Lebensmitteln vorkommt – das Adipositas-Risiko bei Kindern erhöht. Gleichzeitig vermutete man, dass Omega-3-Fettsäuren vor Adipositas schützen könnten.

Eine Sackgasse?

Professor Hauner: Wenn Sie so wollen, ja. Wir glauben nicht, dass man diesen Ansatz weiter verfolgen sollte. Eine ähnliche Studie aus Australien kam zum gleichen Ergebnis.

Wo sehen Sie weiteren Forschungsbedarf?

Professor Hauner: Wir wissen noch relativ wenig über die optimale Ernährung schwangerer Frauen, mit der die Basis für eine langfristige Gesundheit ihrer Kinder gelegt werden kann. Wir haben gerade eine große Studie initiiert, in der wir versuchen, eine übermäßige Gewichtszunahme in der Schwangerschaft zu vermeiden sowie insgesamt die Komplikationsrisiken zu senken. Die Ergebnisse der Studie „Gesund leben in der Schwangerschaft“ (GeliS) werden wir in einem Jahr vorstellen.

Welche Lebensmittel sollten während Schwangerschaft und Stillzeit oft auf dem Speiseplan stehen?

Professor Hauner: Unsere Empfehlung ist eine gesunde und ausgewogene Mischkost wie für jeden anderen Menschen auch. Das bedeutet vor allem eine pflanzlich betonte Kost mit eher moderaten Mengen tierischer Lebensmittel. Frühzeitig sollten auch Folsäure und Jod ergänzt werden. Bei vielen Müttern ist außerdem eine Eisengabe sinnvoll.

Wie sieht es mit veganer Kost aus?

Professor Hauner: Eine vegane Ernährung ist im Prinzip möglich, erfordert aber eine besonders bewusste Lebensmittelauswahl und eine Supplementierung mit Vitamin B12. Eine frühzeitige Ernährungsberatung kann ich nur empfehlen. Aus pragmatischen Gründen und der Sicherheit wegen rate ich eher zu einer breiteren Mischkost.

Was können Eltern noch tun, damit ihr Kind nicht übergewichtig oder adipös wird?

Professor Hauner: Eltern sollen sich frühzeitig über eine altersgemäße Ernährung informieren und diese umsetzen. Das ist nicht immer leicht. Kinder verzehren gerne Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke, deshalb sollten Eltern auf das richtige Maß achten.

Apropos, auf das richtige Maß achten. Wie gefährlich sind Heißhungerattacken für Mutter und Kind?

Professor Hauner: Heißhungerattacken sind für Mutter und Kind in aller Regel ungefährlich. Wenn eine Schwangere dazu neigt, sollte sie aber immer etwas bei sich haben, zum Beispiel Obst oder eine kleine Süßigkeit. Viele Schwangere machen in einer solchen Situation den Fehler, zu viel in sich hineinzustopfen.

Wird das Adipositas-Risiko bisher in Deutschland unterschätzt?

Professor Hauner: Eindeutig! In Deutschland wird das Thema Adipositas immer noch nicht ernst genug genommen, teilweise sogar ignoriert. Das ist keine kluge Strategie. Es profitieren alle davon, wenn Adipositas besser vermieden und behandelt würde: Betroffene durch mehr Gesundheit und bessere Lebensqualität, das Gesundheitssystem durch weniger Folgekrankheiten und somit die Gesellschaft durch weniger direkte und indirekte Kosten.

Mehr zum Thema

  • www.kern.bayern.de
    Das Kompetenzzentrum für Ernährung KErn bündelt Wissen rund um Ernährung in Bayern.
  • www.kem.wzw.tum.de
    Informationen zur Studie „Gesund leben in der Schwangerschaft“ als PDF, 940 KB