Aktuell beleuchtet / 13.11.2015

Von Gummibärchen und Drogen

Ein neues Präventionsprojekt der Rentenversicherung konfrontiert Schüler mit dem Älterwerden, Altersvorsorge und den harten Folgen des Drogenkonsums.

Hände zünden einen Marihuana-Joint an. Bildnachweis: wdv © Szekely.Oana

Es hilft nichts: Wer lernen will, muss fühlen. Adam schlüpft in den Alterssimulationsanzug. Er ist 16 Jahre, Abiturient des Zeppelin-Gymnasiums in Stuttgart. Gleich ist er 60 Jahre älter. Die rund 20 Kilo schwere Weste lastet schwer, Gelenkversteifer an der Hand lähmen die Finger und eine skibrillenähnliche Montur trübt die Sicht. Adam will fühlen, was da im Alter auf ihn zukommt: Er läuft ein paar Schritte, steigt ein paar Stufen hoch, sucht in den Kontakten eines Smartphones nach einer Nummer und bezahlt mit Kleingeld. Spätestens jetzt wissen die anderen Schüler im Auditorium, warum es an der Supermarktkasse manchmal länger dauert. „Am schwersten war es, die Treppen zu laufen“, sagt Adam nach dem Experiment. Ein Verständnis vom Alter und dem Älterwerden erlangen – das ist Ziel eines Schulprojekts der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg.

Mit Gummibärchen zur Diskussion anregen

Schon in 15 Schulen war die Rentenversicherung zu Gast. Einen ganzen Vormittag geht es um das Alter, die Altersvorsorge und auch darum, was passiert, wenn junge Menschen vom Weg abkommen.

Der Alterssimulationsanzug ist immer der Einstieg. Danach ist der Boden bereitet für die Teamer vom Rentenblicker: Lisa Münzenberger und Manuel Schmutz. Beide sind kaum älter als die Schüler und arbeiten bei der Deutschen Rentenversicherung. Ihr Job ist es, kompliziertes Rentenrecht und das Thema Altersvorsorge an Schulen zu vermitteln. Dazu hat die Deutsche Rentenversicherung das Jugendportal www.rentenblicker.de ins Leben gerufen. Dort können Lehrer Experten wie Lisa und Manuel für den Unterricht buchen. Die bringen neben einer Präsentation auch Gummibärchen mit. Die sind die Belohnung beim abschließenden Altersvorsorge-Quiz.

Bei ihrem Vortrag spielen Lisa und Manuel mit offenen Karten. „Ja, die gesetzliche Rente alleine wird den meisten im Alter nicht reichen“ und „Ja, die demografische Entwicklung hin zu immer mehr Älteren und weniger Einzahlern ist für die Rentenversicherung ein Problem“, sagen sie. Manch ein Schüler ist erstaunt, wie ehrlich die beiden sind; ist die Rentenversicherung doch ihr Arbeitgeber.

Aber auch die Abiturienten sind kritisch. Ein Schüler fragt bei der anschließenden Diskussion, warum man am Rentensystem der Umlagefinanzierung festhalte, wenn die Jüngeren immer mehr einzahlen müssen und weniger rausbekommen als die heutige Generation. 

Der Sinn einer Solidargemeinschaft

Inzwischen haben auf der Bühne der kleinen Aula Hubert Seiter, Erster Direktor der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg und Marion von Wartenberg, Staatssekretärin im Kultusministerium, Platz genommen.„Die gesetzliche Rente wird auch für die Jüngeren immer noch der größte Teils des Alterseinkommen stellen“, beschwichtigt Seiter. Marion von Wartenberg geht noch weiter: „Stellen Sie sich vor, sie müssten alles das, was die Rentenversicherung zahlt, selber versichern“.

Die Aufmerksamkeit steigt: Viele Schüler kannten bislang nur die Altersrente als Leistung der Rentenversicherung. Doch die zahlt viel mehr - etwa klinische Rehabilitationsleistungen, Umschulungsmaßnahmen oder Hinterbliebenenrenten, wie Seiter erklärt.

Von Wartenberg untermauert die Leistungen mit einem echten Fall: Ein 29-Jähriger erlitt einen Herzinfarkt, lag lange im Koma. Als er erwacht, wird alles unternommen, damit er wieder gesund wird. So erhält er unter anderem zwei Rehas und eine Umschulung – finanziert durch die Solidargemeinschaft. Jetzt arbeitet er wieder, nicht im alten Job, aber er ist glücklich. „Das hätte er selbst nie aus eigenem Vermögen zahlen können“, betont von Wartenberg.

Auch in anderen Punkten werden Vorstellungen zurechtgerückt. Etwa als Schüler die Verwaltungskostenquote der Rentenversicherung schätzen: „30 Prozent“, vermutet ein Schüler. „1,3 Prozent“, antwortet Hubert Seiter. Ein anderer Schüler hat sich vorbereitet und fragt, warum so wenige Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. „Das ist wirklich ein Problem, vor allem bei den Solo-Selbstständigen. Oft haben die gar keine Altersvorsorge. Derzeit wird in der Politik nachgedacht, ob man sie nicht doch einbezieht – etwa über eine Erwerbstätigenversicherung“, berichtet Seiter. 

Bewusstsein für später schärfen

Auch in anderen Bereichen der Rente könnte es Änderungen geben: „Ich gehe davon aus, dass irgendwann auch das Renteneintrittsalter steigen wird“, sagt Marion von Wartenberg. Noch 1960 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland 78 Jahre, heute sind es 85 Jahre, lernen die Schüler. Steigt das Alter, verlängert sich auch die Phase der Erwerbstätigkeit. Die wird dafür in Bezug auf die Arbeitszeiten immer flexibler, ist sich Marion von Wartenberg sicher: „Mehr Familienzeiten, Phasen der Fortbildung, lebenslanges Lernen – er Gesetzgeber wird darauf eingehen.“

Die 17-jährige Damla lauscht den Ausführungen interessiert: „Ich hätte mir selbst nicht so viel Gedanken über meine Altersvorsorge gemacht, aber wenn man das jetzt so mitkriegt …“, sinniert sie. Eine Antwort, ob sie vielleicht eine Riester-Rente abschließt oder in Aktien sparen wird, hat sie nicht. Das wäre auch zu früh – und auch nicht das Ziel der Veranstaltung, stellt Thomas Becker, Pressesprecher der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg klar: „Wir wollen ein Bewusstsein für Altersvorsorge und die Leistungen der Rentenversicherung schaffen.“

Eine zweite Chance im Leben

Letzteres, die Leistungen, werden im abschließenden Teil der Veranstaltung mit Wucht präsent: Kaum einer der Jugendlichen weiß, dass die Deutsche Rentenversicherung Entwöhnungsbehandlungen finanziert. Im Volksmund heißt die Leistung „Sucht-Reha“. Auf der kleinen Bühne nehmen drei Ex-Abhängige der Rehaklinik Freiolsheim sowie der therapeutische Leiter der Klinik, Wolfgang Indlekofer, platz. Ruhig schildern die Patienten, wie sie in die Sucht geschliddert sind.

David war zunächst süchtig nach dem Computerspiel „World of Warcraft“. „Schon das war damals eine Flucht vor der Realität“, schildert der heute 26-Jährige. Dann fing er an zu kiffen und nahm weitere Drogen bis nichts mehr ging. „Ich konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Ich hatte keine Motivation mehr“, schildert er die für ihn stark belastende Situation. Über die Drogenberatung kommt er in der Klinik. Seitdem geht es wieder bergauf. Er fasst Mut und informiert seinen Arbeitgeber über seine Sucht. Der reagiert überraschend positiv: Schafft er die Therapie, steht der Fortführung seiner Ausbildung nichts im Weg. Er erhält eine zweite Chance.

Sabrina war abhängig von Amphetaminen, hat aber auch gekokst und noch weitere Drogen genommen. Schon während ihrer Schulzeit auf dem Gymnasium in ihrer Heimatstadt hat sie mit den Drogen begonnen. Der Tiefpunkt ist erreicht, als sie mit ihrem Freund am Stuttgarter Bahnhof lebt. Dann wird sie schwanger. „Das Kind war nicht gewollt, aber als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, war es gewünscht“, berichtet die heute 23-Jährige lächelnd. Das Ungeborene gibt ihr die Kraft, von einem Tag auf den anderen von den Drogen zu lassen. Sie widersteht den Amphetaminen, obwohl ihr Freund in der Zeit mehrfach rückfällig wird. Es sieht aus, als ob sie den Ausstieg ohne Hilfe packt. Doch dann will sie mit ihrem Freund ein letztes Mal „was nehmen“ und dann für immer clean bleiben. Das Vorhaben scheitert. In der Folge greifen sie immer öfter wieder zu Amphetaminen. Am Ende konsumiert sie 20 Gramm pro Tag. Doch ihr Gewissen gegenüber ihrem Baby wiegt schwerer. Eine Mutter, die auf Drogen ist, darf es nicht geben. Jetzt in der Klinik hat sie gelernt, clean zu sein. Alles das schildert sie ruhig, fast distanziert. Dennoch sind die Schüler gerührt, sie erahnen, vor welchen Abgründen Sabrina stand. Jetzt hofft Sabrina, bald wieder arbeiten zu können. 

Sucht hinterlässt viele Brüche

Still ist es auch, als Christina von ihrer Heroin-Abhängigkeit erzählt: Lange habe sie geglaubt, alles unter Kontrolle zu haben. Sie hat einen Job, ein festes Einkommen. „Ich habe anfangs mit dem Heroin nie so übertrieben, dass ich nicht arbeiten konnte“, erklärt die heute 29-Jährige. Doch Kontrolle über eine Sucht zu haben, ist eine Illusion. Sie konsumiert mehr, verliert ihren Führerschein, dann den Job. Als ihre Eltern von ihrer Drohgensucht erfahren, werfen sie Christina raus. „Die wussten einfach nicht, damit umzugehen“, erklärt sie sich das Verhalten der Eltern. Seitdem sie in der Klinik ist, und sich helfen lässt, „zeigen meine Eltern Verständnis und stehen hinter mir.“ Rückhalt ist wichtig. Dennoch, eine Sucht zerstört zunächst viel: „Es gibt keine Sucht ohne Brüche – zu Freunden, zu Eltern, zum Arbeitgeber“, stellt Suchttherapeut Wolfang Indlekofer fest. In der Klinik müssen auch diese Brüche aufgearbeitet werden. Die Schüler bekommen in der anschließenden Diskussion mit den Ex-Abhängigen ein Gefühl dafür, wie groß der Scherbenhaufen sein kann, den die Drogensucht mit sich bringt. Bisher waren schwere Drogenkarrieren für die meisten Schüler noch etwas, was für sie ganz weit weg ist und man nur aus dem Fernsehen kennt. So rückt die Schattenseite der Drogen an diesem Vormittag ganz nah. „Die haben mir echt Leid getan“, gesteht Schüler Ibrahim. Maia sieht sich nach den Berichten von Sabrina, David und Christina in ihrer Ablehnung gegenüber Drogen gestärkt. „Jetzt erst recht nicht mehr“, sagt sie, die den Dreien mit ungespielter Bewunderung „großen Respekt“ für ihren Ausstieg zollt.

Therapeut Indlekofer schließt die Runde mit zwei Ratschlägen: „Fangt nicht mit dem Rauchen an. Aus Studien weiß man, wer nicht anfängt, wird wahrscheinlich auch später keine anderen Süchte entwickeln. Zweitens: Drogenabhängig wird man nicht von heute auf morgen. Irgendwann kippt ein anfangs nur sporadischer Drogenkonsum in die Sucht – oft in einer Krise wie zum Beispiel bei einer Trennung.“

Drogensucht trifft nicht nur die anderen

Die Eindrücke des Tages verarbeiten die Klassen wenige Tage später. „Die Lebensgeschichten der Ex-Süchtigen hat viele Schüler sehr berührt“, berichtet Klassenlehrer Jonas Libnau: „Viele haben gedacht, dass Drogensucht nur eher andere und eher schlechter Gebildete trifft, jetzt wissen sie es besser.“

„Unbezahlbar“ nennt Schulleiter Holger zur Hausen den Vormittag im Rahmen des Präventionsprojekts: „Das, was hier bei den Schülern hängen blieb, erreichen wir in vielen Schulstunden nicht.“

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Autor

Michael J. John