Nachgefragt / 17.10.2013

Vorbeugen ist besser

Prävention ist das Ziel des Modellprojekts „Frühintervention zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit“ (FEE). Dr. Ina Ueberschär, stellvertretende Geschäftsführerin und leitende Ärztin der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland erklärt, warum Vorsorge nicht nur Sache der Krankenkasse ist.

Gärtner mit Blumenerde im Gewächshaus. Bild: F1online © Dreet Production Mito Images

Mit dem Modellprojekt „Frühintervention zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit“ FEE verfolgt die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland einen präventiven Ansatz. Er war darauf ausgerichtet, individuelle Defizite zu minimieren und Ressourcen zu steigern. Im April 2013 wurde das Projekt beendet. Jetzt liegen ermutigende Ergebnisse des Projekts vor.

Warum hat sich die gesetzliche Rentenversicherung Prävention überhaupt zum Thema gemacht? Ist das nicht Aufgabe der Krankenversicherung?

Dr. Ina Ueberschär: Grundsätzlich haben Sie recht. Fakt ist aber: die Belegschaften werden demografiebedingt immer älter und die „alten Hasen“ werden in den Unternehmen dringend gebraucht, da der Fachkräftemangel schon längst in der Praxis voll angekommen ist. Die Erwerbsbeteiligung älterer Personen wird noch weiter steigen, auch weil die Altersgrenze für Altersrenten auf 67 Jahre angehoben wurde. Als gesetzliche Rentenversicherung müssen wir unseren Beitrag leisten, dass die Menschen möglichst lange gesund im Berufsleben stehen sowie ihre Erwerbsfähigkeit bis zum Eintritt in die Altersrente erhalten können. Deshalb sollte es künftig „Prävention vor Reha vor Rente“ lauten.

Welche konkreten Ziele hat die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland mit ihrem Präventionsprogramm verfolgt?

Dr. Ina Ueberschär: Die Teilnehmer sollten befähigt werden, eigene Risikofaktoren zu erkennen und Schutzfaktoren zu entwickeln und auszubauen. Durch frühzeitiges Gegensteuern sollte verhindert werden, dass beginnende Gesundheitsstörungen chronisch verlaufen. FEE hat einerseits über Zusammenhänge zwischen Lebensführung und Entstehung oder Verschlimmerung von Krankheiten informiert und andererseits darüber, wie die Beschäftigungsfähigkeit erhalten werden kann. Es wurden zudem Kenntnisse vermittelt, um diese Zusammenhänge zu erkennen.

Das heißt, bei FEE ging es vorwiegend darum, die Versicherten zu informieren?

Dr. Ina Ueberschär: Nein. Zu informieren war uns ganz wichtig, aber nur ein Teil des Programms. Es ging uns darum, Versicherten mit besonderen beruflichen Belastungen ein auf sie zugeschnittenes Programm anzubieten, mit dem es gelingen kann, ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten, möglichst sogar zu verbessern.

Und wie war das Präventionsprogramm aufgebaut?

Dr. Ina Ueberschär: Nach einer einwöchigen stationären oder ganztägig ambulanten Initialphase schloss sich eine zwölfwöchige ambulante Trainingsphase und im Anschluss daran eine sechsmonatige Erhaltungsphase an. Jeweils nach Abschluss der Trainings- und Erhaltungsphase fanden neben der Abschlussuntersuchung auch Motivationsgespräche statt. Die Einrichtungen, in denen die Initialphase durchlaufen wurde, hat unser Haus in Abhängigkeit des Bedarfes festgelegt. Die Trainingsphase wurde in anerkannten Einrichtungen wohnortnah durchgeführt. Die Erhaltungsphase gestaltete der Versicherte dann eigeninitiativ.

Was haben die Versicherten zu FEE gesagt?

Dr. Ina Ueberschär: Aus unserer Sicht trägt Prävention zu einer win-win-win-Situation für Teilnehmer, Arbeitgeber und die Solidargemeinschaft bei. Das haben auch die Teilnehmer so gesehen und das Modellprojekt insgesamt positiv bewertet.

Weshalb ist ein Teil von ihnen dann aber nicht bis zum Ende dabei geblieben?

Dr. Ina Ueberschär: Hierfür gab es sehr differenzierte Gründe. Einer davon ist, dass FEE und Berufstätigkeit nicht immer problemlos vereinbar sind. Hier gilt es, bei den Arbeitgebern und Arbeitnehmern weiter zu werben. Das Engagement der Arbeitgeber ist teilweise noch sehr zurückhaltend, sicher auch deshalb, weil sie in der Initialphase in der Regel die Lohnkosten weiter tragen sowie Freiräume für ihren Mitarbeiter organisieren müssen. Dies wird sich jedoch langfristig auszahlen, was leider noch nicht jedem bewusst ist.

Wichtige Partner bei diesem Projekt waren die Betriebsärzte. Warum?

Dr. Ina Ueberschär: Durch die Nähe zu den jeweiligen Arbeitsplätzen und -prozessen können gerade sie gut einschätzen, inwieweit eine beginnende oder bestehende Erkrankungen die Erwerbsfähigkeit gefährden könnte. Indem frühzeitig präventive Maßnahmen eingeleitet werden, kann das häufig verhindert werden. Aber auch Reha-Bedarfe können Betriebsärzte schon frühzeitig erkennen. Aus diesem Grund haben wir auch bereits 2009 mit dem Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte e. V. (VDBW e. V.) eine „Vereinbarung zur frühzeitigen Erkennung des Rehabilitationsbedarfs und Einleitung von Leistungen zur Teilhabe für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ abgeschlossen. Dadurch können die Betriebs- und Werksärzte selbst Reha- und Präventionsanträge von Versicherten initiieren und unterstützen.

FEE wurde inzwischen beendet. Wie geht es jetzt weiter?

Dr. Ina Ueberschär: Das Modellprojekt wurde im April dieses Jahres abgeschlossen, das ist richtig. Das bedeutet aber nicht, dass nun das Thema Prävention für uns erledigt ist. In Mitteldeutschland werden durch die gesetzliche Rentenversicherung nun allen Versicherten Präventionsleistungen regulär angeboten, nicht mehr nur als Modell. Der Ablauf entspricht dabei im Wesentlichen den beschriebenen Phasen von FEE. Insgesamt wird in der Deutschen Rentenversicherung an einem einheitlichen Präventionsmodell gearbeitet, wobei auch die Erkenntnisse aus unserem Modellprojekt eine wichtige Basis bilden.

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