Nachgefragt / 13.11.2013

Vorsicht vor falschen Beratern

Verbraucherschützerin Edda Castelló warnt vor Altersvorsorgetipps aus dem Banken- und Bekanntenkreis. Empfohlen werde oft nur, was gute Provisionen bringt.

Mann zeigt auf Tabellen am Bildschirm – Bildnachweis: Fotolia.com © contrastwerkstatt

Melanie Frank, 39, ist Werbekauffrau und Mutter eines einjährigen Kindes. Edda Castelló, 63, ist eine der profiliertesten Verbraucherschützerinnen in Deutschland. An der Spitze der Verbraucherzentrale Hamburg weiß sie um die Altersvorsorge-Probleme der Generation Mitte. www.ihre-vorsorge.de hat beide an einen Tisch gebracht.

Melanie Frank: Ich bin jetzt knapp 40. Da wird es wohl höchste Zeit, sich um die Altersvorsorge zu kümmern. Doch was mache ich? Wo lasse ich mich am besten beraten?

Edda Castelló: Das ist tatsächlich ein großes Problem. Viele hören sich erst im Freundeskreis um. Da gibt es manche guten Tipps – aber auch viel Halbwissen. Gefährlich sind Leute aus dem Bekanntenkreis, die nebenher beraten, und Mitarbeiter von Banken, Sparkassen oder Versicherungen. Die sind in Wahrheit nicht Berater, sondern Verkäufer. Die malen das Gespenst der Versorgunglücke im Alter an die Wand, ziehen dann die passende Police aus der Tasche und sagen: Hier ist die Lösung, unterschreibe das und alles ist gut. Wer darauf eingeht, macht teure Fehler.

Melanie Frank: Ich denke über einen Riester-Vertrag nach. Ist das generell die günstigste Lösung?

Edda Castelló: Jein. Die gesetzliche Rentenversicherung ist eigentlich die viel bessere Altersvorsorge. Die ist leider erst schlecht geredet und dann schlecht gemacht worden. Nun heißt es, alle müssten privat vorsorgen, um die Lücken der gesetzlichen Rente auszugleichen. Ein dickes Geschenk an die private Finanzindustrie, die damit ihre Gewinne steigert, und an die Arbeitgeber, weil die zu der privaten Altersvorsorge nichts beitragen müssen! Wir halten diese Entscheidung für falsch. Der zweite schlimme Fehler: Die Organisation der privaten Altersvorsorge wurde der Finanz-Branche überlassen. Man hat zwar eine Menge Regeln aufgestellt, wie die Verträge gestaltet sein sollen. Aber ob die Verträge für die Verbraucher auch preiswert und ertragreich sind, prüft dann niemand mehr. So geht viel Geld an die Finanzdienstleister, das eigentlich für die private Altersvorsorge gedacht war.

Melanie Frank: Gab es da nicht kürzlich eine Gesetzesänderung?

Edda Castelló: Beim Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz geht es wieder um noch mehr Information: mit einem Produktinformationsblatt. Aber die Probleme liegen weiter vorn – nämlich darin, dass man der Privatwirtschaft die Altersvorsorge in die Hand gegeben hat und auf diese Weise unglaublich viel Geld, Spargeld und Staatszulagen, in die Taschen der Branche fließt. Überhaupt ist die vom Kapitalmarkt abhängige Altersvorsorge hoch problematisch. Wenn man schon auf die Kapitalmärkte setzt, hätte man einen einzigen Fonds gründen sollen, wie das einige skandinavische Länder praktizieren. Das wäre deutlich billiger. Dennoch kann für Sie gleichwohl ein Riester-Vertrag unter Umständen eine gute Wahl sein – weil Sie für sich und das Kind ordentlich Geld geschenkt bekommen.

Melanie Frank: Ich mache noch mal einen Schritt zurück. Bevor ich einen Vertrag abschließe: Wo hole ich mir die erste Information? Kaufe ich mir ein Heft der Stiftung Warentest und komme dann zu ihnen? Oder gehe ich zu einem Honorarberater?

Edda Castelló: Vorsicht vor den „Beratern“ in der Bank und aus dem Bekanntenkreis. Garantiert bekommen Sie da einen teuren Vertrag angeboten – nämlich eine Riester-Rentenversicherung.

Melanie Frank: Also für den Vermittler die lukrativste Variante?

Edda Castelló: So ist es. Der Vermittler bekommt dafür eine sehr hohe Provision. Die Abschlusskosten sind heftig und die laufenden Verwaltungskosten auch nicht ohne. Wir haben Fälle, wo in der jährlichen Standmitteilung steht: Zulage 154 Euro, laufende Verwaltungskosten 156 Euro. Es gibt auch die viel besseren Banksparpläne und Fondsparpläne. Die werden ihnen aber fast nirgendwo aktiv angeboten, die muss man suchen.

Melanie Frank: Welche Alternativen zur eigenen Information habe ich noch?

Edda Castelló: Als Verbraucherin müssen Sie jemanden finden, der kein Provisionsinteresse hat – also jemanden, der nicht Verkäufer, sondern wirklich Berater ist. Erste Anlaufstelle ist die Verbraucherzentrale. Die Beratung dort kostet zwar ein bisschen – die Sprechstunde in Hamburg zum Beispiel 30 Euro für 20 bis 30 Minuten. Aber da will man Ihnen nichts verkaufen!

Melanie Frank: Und die Honorarberater?

Edda Castelló: Auch gut! Aber die findet man nicht so leicht – vielleicht im Branchentelefonbuch. Ein Honorarberater ist aber nach meiner Meinung für einen normalen Haushalt etwas hoch gegriffen. Die sind eher geeignet, wenn Sie Vermögen haben und steuerliche Fragen aufkommen. Eine Honorarberatung kostet etwa so viel, als wenn Sie zum Anwalt gehen. Ich würde sagen: Für einen Riester-Vertrag ist das übertrieben.

Melanie Frank: Was halten Sie von der Stiftung Warentest?

Edda Castelló: Die Stiftung Warentest hat gute Informationen. Aber manchmal bekommt man da zu viele Details, obwohl man lieber einen einfachen, klaren Ratschlag will.

Melanie Frank: Wenn ich mich noch gar nicht für eine Form der Altersversorge entschieden habe, sondern nur regelmäßig sparen will: Würde der Honorarberater dann Sinn machen?

Edda Castelló: Eher nein. Eine normale Geldanlageberatung leistet jede Verbraucherzentrale. Da ist das Netz breiter, der Zugang leichter – und es ist billiger. Es kann schon sein, dass der Honorarberater 200 bis 400 Euro kostet. Aber auch das ist noch viel billiger als die versteckte Provision bei angeblich kostenlosen „Beratern“.

Melanie Frank: Bevor ich mich an einen privaten Finanzdienstleister wende, um einen Vertrag abzuschließen: Ist es sinnvoll, dass ich zunächst zur Verbraucherzentrale komme?

Edda Castelló: Das macht nicht nur Sinn, es ist dringend geboten. Nochmals: Fast alles, was Ihnen von einer Bank oder Versicherung angeboten wird, ist schlecht. Ich sage es mal ganz deutlich: Dort gibt es die Produkte, die die Finanzdienstleister im eigenen Interesse verkaufen wollen und an denen sie prima verdienen. Und die sind für Sie nicht die Besten!

Melanie Frank: Was ist denn mit der Altersvorsorge, die ich über meinen Arbeitgeber abschließen kann?

Edda Castelló: Alle Arbeitgeber müssen generell eine betriebliche Altersvorsorge anbieten. Die ist nett, wenn der Arbeitgeber etwas dazu tut. Wenn er das nicht tut und nicht weiß, wie er es machen soll, ist auch er von einem Vertreter beeinflusst. Dann bekommen Sie in der Regel eine Versicherung angeboten. Aber auch hier sind die Kosten hoch. Darum ist die betriebliche Altersvorsorge oft schlechter als ihr Ruf. Außerdem: Was Sie dabei vermeintlich an Sozialversicherungsbeiträgen sparen, verringert auch Ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld und Ihre spätere Rente. Wenn die betriebliche Rente später ausgezahlt wird, müssen Sie auf die Auszahlung auch noch Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge zahlen. Im Einzelfall würde ich mir ein Angebot zur betrieblichen Altersvorsorge deshalb genau daraufhin ansehen, ob es empfehlenswert ist oder nicht.

Melanie Frank: Wie sieht es mit der Rendite für einen Riester-Vertrag aus?

Edda Castelló: Ein Riester-Vertrag soll eine zusätzliche Rente garantieren, jeden Monat einen gleichmäßigen Betrag – und zwar bis an Ihr Lebensende. Die Versicherungsbranche sagt: Wir sind die einzigen, die eine lebenslange Rente garantieren können. Das ist zwar Unsinn, aber sie hat sich damit durchgesetzt. Ihr ist es durch Gesetz übertragen worden, dass die Rentenzahlung ab dem 85. Lebensjahr von einer Versicherung übernommen werden muss. Die Frage ist aber: Wie viel garantieren sie denn? Leider oft so wenig, dass Sie das gleiche bekommen würden, wenn Sie Ihr Geld zu einem oder zwei Prozent Zinsen bei der Bank oder Sparkasse angelegt hätten.

Melanie Frank: Woran liegt das?

Edda Castelló: Die Versicherer kalkulieren mit Lebenserwartungen von 105 bis 110 Jahren, angeblich aus Sicherheitsgründen. In Wahrheit ist es so: Wenn sie mit sehr langem Lebensalter kalkulieren, aber die Leute tatsächlich nicht ganz so lang leben, dann entstehen daraus so genannte Risikogewinne. Davon behalten die Versicherer das meiste. Für die Verbraucher bedeutet das geringere Renten. Dazu kommt: Als die Riester-Vorsorge eingeführt wurde, hieß es: Wir brauchen vom bis zum Renteneintritt angesparten Kapital zehn Prozent, um die Rentenzahlung ab 85 garantieren zu können. Dann hieß es, wir brauchen 15 Prozent. Inzwischen sind es 25 bis 30 Prozent.

Melanie Frank: Wenn ich schon einen Vertrag über eine lange Laufzeit abgeschlossen habe und beim falschen Unternehmen gelandet bin: Kann ich da noch ohne viel Verlust aussteigen?

Edda Castelló: Die Abschlusskosten bei dem wahrscheinlich schlechten Versicherungsvertrag sind weg. Die kann man nicht mehr retten. Für die Zukunft haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie können den Vertrag beitragsfrei stellen, also einfach nicht mehr bezahlen. Die zweite Möglichkeit ist: Sie kündigen den Vertrag und lassen das Guthaben auf einen neuen Vertrag übertragen. Wenn Sie jetzt einige Jahre auf einen Versicherungsvertrag eingezahlt haben, lohnt es sich vermutlich noch, auf einen Banksparplan zu wechseln. Man muss nicht schlechtem Geld noch gutes hinterherwerfen.

Melanie Frank: Gibt es trotz der heftigen öffentlichen Kritik an Riester-Verträgen immer noch keine Fortschritte?

Edda Castelló: Die derzeitigen Riesterprodukte sind meines Erachtens kaum verbesserbar. Wir haben zwar ordentliche Sparkassen- oder Banksparpläne, die wegen der Zulage auch vernünftig sind. Wir haben aber das ungelöste Problem der teuren Rentenversicherung ab dem 85. Lebensjahr. Der erste Schritt zur Verbesserung der Lage wäre die Abkehr von der fehlgeleiteten Subventionierung der Finanzbranche und die Rückkehr zur stabilen gesetzlichen Rentenversicherung. Wenn schon kapitalmarktabhängige Modelle gefördert werden sollen, dann am besten das „skandinavische Modell“ mit nur einem professionell geführten Fonds, geringen Verwaltungskosten und einer guten Mischung von Anleihen und Aktien.

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Autor

Stefan Thissen