Rente / 10.08.2021

Wenn der Ruhestand schon vor der Rente beginnt

Noch immer vereinbaren jährlich Zehntausende Beschäftigte mit ihrem Arbeitgeber Altersteilzeitarbeit – auch wenn sie nicht mehr gefördert wird.

Bild zum Beitrag "Fast 250.000 Beschäftigte gleiten in die Rente". Das Bild zeigt zwei Männer, die einen Bauplan zeichnen.

Bad Homburg (sth). Bis zur regulären Altersgrenze arbeiten? Fragt man ältere Beschäftigte in deutschen Unternehmen nach ihrem gewünschten Weg in die Rente, denken nicht wenige an einen vorzeitigen Abschied aus dem Job – zum Beispiel über Altersteilzeitarbeit. Vor 25 Jahren, im August 1996, trat das noch heute im Wesentlichen gültige Gesetz zur Förderung eines gleitenden Übergangs in den Ruhestand in Kraft. Es sollte dazu beitragen, die Mitte der 1990er-Jahre eingetretene Arbeitsmarktkrise – ausgelöst vor allem durch den Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie nach der politischen Wende – zu bewältigen. Um dieses Ziel zu erreichen, sollten einerseits ältere Arbeitnehmer durch eine Halbierung ihrer Arbeitszeit bei aufgestockten Teilzeitbezügen zu einem vorzeitigen Ausstieg aus dem Job ermuntert werden. Zum anderen sollten Jüngere durch einen verlangsamten Arbeitsmarkt-Einstieg zunächst überhaupt einen Arbeitsplatz finden. 

Was die damalige Bundesregierung und ihr Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) offenbar nicht erwarteten: Die weitaus meisten älteren Arbeitnehmer und Unternehmen favorisierten für die Altersteilzeit nicht das sogenannte Gleichverteilungsmodell mit einer über mehrere Jahre halbierten wöchentlichen Arbeitszeit. Stattdessen setzte sich schnell das "Blockmodell" mit einer aktiven ersten Hälfte bei voller Arbeitszeit und einer passiven zweiten Phase als vorgezogenem Rentenbeginn durch. Ebenfalls bemerkenswert: Innerhalb weniger Jahre entwickelten sich die Altersteilzeitarbeit und die für die betroffenen Arbeitnehmer erweiterte "Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeitarbeit" zu einem der beliebtesten Tore aus dem Berufsleben. Allein in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre gingen nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung (DRV) zeitweise jährlich mehr als 130.000 Beschäftigte mithilfe von Altersteilzeit in Rente.

Altersteilzeit-Beschäftigte gehen oft mit hohen Renten in den Ruhestand

Was die DRV-Statistik ebenfalls zeigt: Viele Altersteilzeit-Arbeitnehmer – die weitaus meisten von ihnen Männer – traten aufgrund langjähriger Erwerbsbiografien mit vergleichsweise hohen Bezügen in den Ruhestand. Und obwohl Altersteilzeit schon seit 2009 nicht mehr von der Bundesagentur für Arbeit (BA) gefördert wird, gehörte die "Altersrente wegen Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeitarbeit" mit 1,84 Millionen Beziehern im Jahr 2020 noch immer zu den Top 3 unter den gesetzlichen Altersrenten. Allerdings zeichnet sich ab, dass diese – für nach 1951 geborene Beschäftigte nicht mehr zugängliche – Altersrente ihren aktuellen Rang bald an die anhaltend populäre "Altersrente für besonders langjährig Versicherte" verlieren wird.

Nach jüngsten Daten der Deutschen Rentenversicherung standen im Jahr 2019 bundesweit knapp 245.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einem Altersteilzeit-Arbeitsverhältnis. Da sich die Zahlen nach einem längeren Abschwung ab 2009 in den vergangenen Jahren wieder stabilisiert haben, deutet dies darauf hin, dass sich die Altersteilzeit als "Einstieg in den Ausstieg aus dem Job" trotz des Endes der staatlichen Förderung bei Beschäftigten und Betrieben etabliert hat. Allerdings dauert die passive Phase der Altersteilzeit – gewissermaßen der Ruhestand vor der Rente – bei zahlreichen Beschäftigten nicht mehr bis zur (angehobenen) persönlichen Regelaltersgrenze. Vielmehr beginnt der Rentenbezug für viele Altersteilzeitler bereits zu einem selbst gewählten früheren Zeitpunkt – und ist dann teilweise mit Abschlägen verbunden.   

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Autor

Stefan Thissen