Gesundheit / 18.10.2021

Wenn die BU-Versicherung nicht zahlen will

Berufsunfähig – aber die eigens für diesen Fall abgeschlossene Versicherung stellt sich quer. Wie Versicherte vorbeugen können.

Wenn die BU-Versicherung nicht zahlen will. – Paar liest BU-Versicherungsschreiben.

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Die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ist nach wie vor die effektivste Absicherung gegen Verlust der Arbeitskraft durch Krankheit oder Unfall. Doch viele Versicherte wiegen sich in falscher Sicherheit. Und sind überrascht, wenn ihr Leistungsantrag abgelehnt wird. Lesen Sie, wie die Versicherer arbeiten und was Versicherte tun können.

Wie oft werden BU-Anträge abgelehnt?

79 Prozent – so hoch liegt die Anerkennungsquote in der BU laut einer Studie des Analysehauses Franke und Bornberg vom Juni 2021 ermittelt. Das heißt: Rund einer von fünf Leistungsanträgen wird abgelehnt. Tatsächlich dürfte die Quote aber etwas schlechter sein, räumen die Autoren ein, da an der freiwilligen Studie eher Versicherer mit positiver Regulierungspraxis teilgenommen haben dürften.

Welche Gründe führen zur Ablehnung des BU-Antrags?

  • In 60 Prozent der Fälle ist aus Sicht des Versicherers der nötige Grad der Berufsunfähigkeit nicht erreicht.
  • In 20 Prozent der Fälle ficht der Versicherer den Vertrag an oder tritt von diesem aufgrund Verletzung vorvertraglicher Anzeigepflichten zurück. Dies können falsche Angaben zur Gesundheit, aber auch zu Beruf und Einkommen sein, um etwa eine niedrigere Prämie oder höhere Rente zu erzielen.
  • 11 Prozent werden abgelehnt, weil die Berufsunfähigkeit voraussichtlich weniger als sechs Monate dauern wird.

Weitere Gründe: Eine konkrete Verweisung (2 Prozent) und eine Ausschlussklausel (3 Prozent).

Unterschiede gibt es auch bei den Erkrankungen.

  • Bei neu auftretenden Krebserkrankungen zum Beispiel werden laut Franke-und-Bornberg-Studie knapp 94 Prozent der Anträge anerkannt.
  • Bei psychischen Erkrankungen liegt die Anerkennungsquote bei nur 71 Prozent, allerdings mit steigenden Fällen. 2019 machten psychische Erkrankungen knapp 28 Prozent der anerkannten BU-Fälle aus.

Wenn es Probleme gibt, dann also meist mit dem Nachweis der Berufsunfähigkeit oder unvollständigen beziehungsweise falschen Angaben bei Vertragsabschluss. Kommt es zum Rechtsstreit, liegt die Erfolgschance bei etwa 50 Prozent. Das hat Stiftung Warentest nach Auswertung von 143 Urteilen ermittelt. Die meisten Fälle müden in einem Vergleich.

Was sagen Leistungsquote und Prozessquote aus?

Wie oft ein BU-Versicherer die Leistung ablehnt oder wie häufig Fälle vor Gericht landen, lässt sich anhand von öffentlich verfügbaren Kennzahlen ablesen. Diese Werte werden von verschiedenen Analysehäusern ermittelt.

  • Die Leistungsquote ist das Verhältnis zwischen bewilligten und beantragen BU-Rentenzahlungen. Eine Leistungsquote von 75 Prozent bedeutet also, dass drei von vier Anträgen stattgegeben wird.
  • Bei der Prozessquote wird die Zahl der Prozesse ins Verhältnis zu den Leistungsfällen gesetzt. Sie liegt üblicherweise im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Dem Bund der Versicherten (BdV) zufolge sind solche Zahlen jedoch wenig aussagekräftig. Sie sagen zum Beispiel nichts über die Inhalte der jeweiligen Verträge oder darüber, ob Klagen berechtigt sind oder nicht. Wichtigstes Kriterium bei der Auswahl eines BU-Tarifs sollten laut BdV daher die konkreten Versicherungsbedingungen sein.

Warum gibt es Streit um den BU-Grad?

Die meisten Policen zahlen ab einem ermittelten Grad der Berufsunfähigkeit von 50 Prozent die volle BU-Rente, darunter gibt es nichts. Teilweise gibt es andere Regelungen, etwa die halbe Rente ab 25, die volle erst ab 75 Prozent. Doch was sagt der Grad überhaupt aus?

Versicherungen ermitteln den Grad der Berufsunfähigkeit individuell. Dabei spielt zum Beispiel der zeitliche Umfang eine Rolle, den Sie als Antragssteller noch arbeiten können, aber eben auch, inwieweit Sie noch „prägende Tätigkeiten“ ausüben können.

Eine Berufsunfähigkeit kann demnach auch vorliegen, wenn eine Tätigkeit, die nicht mehr ausgeübt werden kann, weniger als die Hälfte der Arbeitszeit ausmacht. Das kann sein, etwa wenn eine Haushälterin nicht mehr einkaufen, ein Notarzt nicht mehr knien oder ein Versicherungsvermittler nicht mehr Auto fahren kann.

Das Problem: Die Einschätzungen hierzu können weit auseinandergehen. Entsprechende Urteile gibt es denn auch zahlreich. Der Fall einer Haushälterin, die nach einem Sturz nicht mehr schwer heben konnte, ging bis zum Bundesgerichtshof (19.7.2017, Aktenzeichen: IV ZR 535/15).

Tipp: Leistungsantrag gemeinsam mit Experten ausfüllen!

Der wichtigste Rat des BdV lautet denn auch, sich beim Leistungsantrag von einem spezialisierten Versicherungsberater oder Rechtsanwalt begleiten zu lassen. „Mit der korrekten Beantragung der BU-Rente sind viele Versicherte überfordert“, weiß Constantin Papaspyratos, Chefökonom beim BdV. Denn Sie müssen gegenüber dem Versicherer unter anderem darlegen,

  • wie ihre konkrete zuletzt ausgeübte berufliche Tätigkeit ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ausgestaltet war,
  • welches Arbeitsergebnis sie mit ihrer beruflichen Tätigkeit ohne gesundheitliche Beeinträchtigung produziert haben,
  • wie es sich äußert, dass sie voraussichtlich dauerhaft nur noch in der Lage sind, nicht mehr als 50 Prozent des Arbeitsergebnisses (aus ihrer beruflichen Tätigkeit ohne gesundheitliche Beeinträchtigung) zu produzieren und,
  • welches Ereignis die Berufsunfähigkeit ausgelöst hat.

Zudem müssen Sie die dafür erforderlichen medizinischen Nachweise besorgen.


Gesundheits- und Risikofragen mit Expertenhilfe beantworten

Der zweite wichtige Streitpunkt, die Verletzung vorvertraglicher Anzeigepflichten, lässt sich im Leistungsfall nicht mehr korrigieren.

Daher rät der BdV hier ebenfalls, bereits beim Abschluss Expertenrat einzuholen, um alle Gesundheits- und Risikofragen im Antrag vollständig und wahrheitsgemäß zu beantworten, etwa mit einem spezialisierten Versicherungsberater und behandelnden Ärzten.

Im Leistungsfall prüft der Versicherer zum Beispiel, ob im Antrag Vorerkrankungen verschwiegen oder unvollständig beschrieben wurden. Bei falschen Angaben kann er sich bis zu fünf Jahre nach Abschluss vom Vertrag lösen oder diesen anpassen, bei Vorsatz sogar zehn Jahre.

Sind zwei kleinere BU-Verträge besser als ein großer Vertrag?

Gelegentlich ist zu hören, dass Versicherer kleinere Renten, zum Beispiel unter 1000 Euro, leichter durchwinken als größere. Der BdV sieht für diese These keine Belege. Antragsteller würden zudem in der Regel gefragt, ob und in welcher Höhe weitere BU-Verträge vorlägen. Und wer zum Beispiel wegen einer zu geringen BU-Rente eine andere Tätigkeit aufnimmt, dürfte eher mit der Prüfung einer konkreten Verweisbarkeit konfrontiert werden.

Die Leistung auf mehrere Versicherungen aufzuteilen, könnte nach Ansicht des BdV höchstens sinnvoll sein, um die BU-Rente über Beitragsdynamiken und Nachversicherungsgarantien perspektivisch zu erhöhen. Denn über eine „normale“ Gesundheits- und Risikoprüfung seien oft – auch einschließlich Beitragsdynamik und Nachversicherungsgarantie – nur BU-Renten bis maximal 2500 Euro möglich.

Ich bekomme gesetzliche Erwerbsminderungsrente. Muss jetzt auch die private BU zahlen?

Grundsätzlich nicht, heißt es dazu vom BdV, da es sich hier um unterschiedliche Leistungsauslöser sowie Prüf- und Bewertungsmaßstäbe handelt. Manche Tarife sehen aber vollständige BU-Leistungen auch dann vor, wenn ein Träger der gesetzlichen Rentenversicherung eine Erwerbminderung allein aus medizinischen Gründen unbefristet anerkannt hat, ohne dass der BU-Versicherer nochmals eigenständig prüft. Üblich ist dabei, dass eine Mindestvertragslaufzeit erfüllt und ein Mindestalter überschritten sein muss.

BU und Rechtsschutzversicherung: Was ist dabei zu beachten?

Häufig wird empfohlen, parallel zur BU eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen, die einem im Streitfall zur Seite steht. Der BdV rät, im Zweifelsfall zuerst den Rechtsschutz abzuschließen und nach Ablauf der Wartezeit die BU. Der Grund: Oft verlagern die Versicherungsbedingungen des Rechtsschutzes den Eintritt des Versicherungsfalles auf den Vertragsabschluss der BU vor. Bei späterem Abschluss müsste der Rechtsschutz dann nicht greifen, wenn etwa der Versicherer dem Kunden eine Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht vorwirft.

Selbstverständlich muss die Rechtsschutzversicherung über die Laufzeit der BU aufrechterhalten werden. Nicht abgedeckt vom Rechtsschutz ist die vom BdV empfohlene anwaltliche Beratung beim Beantragen der BU-Rente, da hier kein Versicherungsfall im Sinne des Rechtsschutzes vorliegt.

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Autor

Jürgen Baltes