Gesundheit / 08.03.2021

Wie berufliche Reha auch in der Pandemie gelingt

Mit einer beruflichen Reha den Neubeginn ins Arbeitsleben wagen. Für Menschen mit starken Gesundheitsproblemen ist das eine wichtige Chance – auch während der Corona-Pandemie.

Wie berufliche Reha auch in der Pandemie gelingt. – Online-Bewerbungstraining des SRH Berufsförderungswerkes Heidelberg.

Foto: SRH Berufsförderungswerk Heidelberg

Inhalt

Januar 2021. In den Berufsförderungswerken in Deutschland ist es ruhig geworden. Vereinzelt sind Rehabilitanden in den Ausbildungshäusern vor Ort, weil sie kurz vor dem Abschluss ihrer Weiterbildung oder Umschulung stehen. Aber auch für alle anderen läuft die berufliche Qualifizierung weiter – sie lernen und arbeiten von zu Hause aus.

Denn den Berufsförderungswerken ist es in kurzer Zeit gelungen, eine digitale Infrastruktur aufzubauen, mit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihre Qualifizierung gut und sicher online absolvieren können. Der reibungslose Ablauf und das Arbeiten im Home-Office waren im vergangenen Jahr allerdings noch keine Selbstverständlichkeit.

Berufliche Reha: Was ist das?

Die Deutsche Rentenversicherung finanziert als Reha-Träger Leistungen zur beruflichen Rehabilitation oder zur Berufsförderung.

Bei der beruflichen Rehabilitation handelt es sich um sogenannte Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA). Damit werden Menschen unterstützt, die wegen Krankheit, Behinderung oder einem Unfall ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können.

Ziel ist es, Betroffene wieder ins Arbeitsleben zu integrieren und ihnen eine berufliche Perspektive zu geben. Das gelingt mit Maßnahmen wie einer behindertengerechten Umgestaltung des Arbeitsplatzes, Eingliederungstrainings oder berufliche Qualifizierungen wie Weiterbildungen im bisherigen Berufsfeld oder Umschulungen in einen ganz neuen Beruf.

Die berufliche Qualifizierung findet deutschlandweit in den über 100 Einrichtungen der 28 Berufsförderungswerke statt. Dort bereiten sich derzeit circa 12.000 Menschen auf den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben vor.


„Abbrechen war keine Option“

Rückblick März 2020. Während des ersten Lockdowns wurden die Berufsförderungswerke alle geschlossen. Für die Einrichtungen gab es ein Betretungsverbot. Wie die beruflichen Qualifizierungen weiterlaufen sollten, war plötzlich ungewiss. Ebenso war unklar, ob die Rehabilitanden weiterhin ihr Übergangsgeld erhalten oder die Berufsförderungswerke die Finanzierung der Maßnahmen.

„Die berufliche Rehabilitation aber einfach coronabedingt abzubrechen, war keine Option“, erzählt Geschäftsführerin Maria Klink vom Berufsförderungswerk Frankfurt am Main rückblickend. „Uns war relativ schnell klar, dass wir unser komplettes Angebot mobil umstellen müssen.“

Binnen einer Woche gelang es ihr und ihren Kollegen für alle angebotenen Qualifizierungen Lern- und Weiterbildungsangebote zu schaffen, die die Teilnehmer von zu Hause durchführen konnten. Alle anderen Berufsförderungswerke stellten ebenfalls um. Seitdem sind rund 250 Qualifizierungsangebote vom Home-Office aus erreichbar. Online-Lernplattformen wie Moodle, Ilias oder OpenOlat werden genutzt, um die Teilnehmer zu schulen. Es gibt virtuelle Unterrichtsräume, Zugriff auf Lernmaterial, sogar Tests und Bewerbungstrainings können so online absolviert werden.

Übergangsgeld fließt weiter

Auch von den Reha-Trägern gab es im März schnell positive Rückmeldungen: Das Übergangsgeld, das die Teilnehmer während der Reha erhalten, wird weitergezahlt. Ebenso wie die Leistungen der einzelnen Maßnahmen, die die Berufsförderungswerke erhalten. „Sobald klar war, dass die Berufsförderungswerke in der Lage sind, die Maßnahmen in alternativer Form weiterzuführen, haben wir ihnen die Kosten dafür zugesichert“, erklärt Ulrich Krüger von der Deutschen Rentenversicherung Westfalen. Erfreulich: Krüger ist kein Berufsförderungswerk bekannt, bei dem das nicht funktioniert hat.

Wer an einer berufsfördernden Reha-Maßnahme teilnimmt, erhält von der Deutschen Rentenversicherung Übergangsgeld.

Das Übergangsgeld beträgt für Versicherte ohne Kind 68 Prozent des letzten Nettoarbeitsentgelts, mit kindergeldberechtigtem Kind 75 Prozent. Die Berechnungsgrundlage darf einen bestimmten Mindestbetrag nicht unterschreiten. Dieser Mindestbetrag ergibt sich aus 65 Prozent eines fiktiven Arbeitsentgelts, das Ihrer höchsten nachgewiesenen beruflichen Qualifikation entspricht.

68 Prozent oder 75 Prozent der so ermittelten Berechnungsgrundlage ergeben die Höhe dieses Übergangsgeldes.


Grenzen des mobilen Lernens

Der Start ins mobile Lernen lief dennoch nicht reibungslos. „Viele Teilnehmer mussten erst lernen sich selbst zu organisieren und Wege finden, sich zu Hause zwischen Familie und Alltag Zeitfenster für die Ausbildung freizuschaufeln“, so Christian Haas vom SRH Berufsförderungswerk Heidelberg. Ängste um die berufliche Zukunft oder dass die Qualifikation im Home-Office nicht zu schaffen ist, spielten ebenso eine Rolle. Psychologen, Sozialarbeiter und Lehrer unterstützen hier aus der Ferne per E-Mail, Video oder Telefon. 

Eine Herausforderung fürs mobile Lernen waren zudem Qualifizierungen, die im Normalfall an hochtechnisierten Anlagen durchgeführt werden. „Wir haben Programmierübungen mittels Arduino, einer aus Soft- und Hardware bestehenden Physical-Computing-Plattform entwickelt. Die Hardware haben wir den Teilnehmenden nach Hause geschickt, sie konnten dann dort die ersten Schritte der C‐Programmierung vornehmen. Über Moodle erfolgte das Testen der zurückgesandten Programme. Aber das war schon ein wahnsinniger Aufwand“, resümiert Klink.

Flexible Lösungen brauchte es auch in anderen Häusern, zum Beispiel zur Unterstützung von Teilnehmern mit einer Hörschädigung. Am Berufsförderungswerk Heidelberg wird dafür der Unterricht auf Video aufgenommen. „Im Anschluss gestaltet unser Team den Film barrierefrei, entweder mit Untertiteln oder mit Einblendung von Gebärdensprachdolmetschern“, so Alexander Seiler, Leiter Bildung und Integration vom SRH Berufsförderungswerk Heidelberg.

Mischung aus Präsenz und Home-Learning

Seit Ende des ersten Lockdowns dürfen die Berufsförderungswerke wieder im Haus unterrichten. Selbst im aktuellen Lockdown gibt es die Möglichkeit für Präsenzunterricht. Die meisten Einrichtungen bieten allerdings eine Mischform aus der Qualifizierung vor Ort und Home-Learning an, um die Teilnehmer zu schützen. Denn viele von ihnen gehören aufgrund von Vorerkrankungen zur Risikogruppe. Ins Haus werden lediglich die Teilnehmer geholt, die persönliche Lernunterstützung brauchen oder kurz vor der Abschlussprüfung stehen. Auch Qualifikationen, die einen hohen praktischen Arbeitsanteil haben, finden überwiegend vor Ort statt.

Damit das alles funktioniert, sind Schutzmaßnahmen und Hygieneregeln die wichtigsten Voraussetzungen: Kleine Gruppen, Maske tragen, Abstand halten, lüften. „Und wer sich nicht wohl fühlt, bleibt zu Hause und lernt weiter mobil“, so Klink. 

Tipp: Experten beantworten Ihre Fragen zur beruflichen Reha

Fragen zur beruflichen Reha? Nutzen Sie das Expertenforum von ihre-vorsorge.de! Sie erhalten Antworten von erfahrenen Expertinnen und Experten der Regionalträger der Deutschen Rentenversicherung (DRV) und der DRV Knappschaft-Bahn-See.


Prüfungsergebnisse trotz Corona top

Ein weiteres Thema im Corona-Jahr: Abschlussprüfungen. Diese werden zweimal im Jahr von den Industrie- und Handelskammern (IHK) abgenommen. Aufgrund einer Verordnung mussten die Prüfungen im Juni 2020 zunächst ausgesetzt werden. Eine Zitterpartie für die betreffenden Absolventen.

Zum Glück unbegründet, wie Ulrich Krüger von der Deutsche Rentenversicherung Westfalen erklärt: „Eine Maßnahme ist erst beendet, wenn die Prüfung abgelegt wird. In diesem Fall wurden die Prüfungstermine nach hinten verschoben und die Maßnahme um diese Zeit bis zum Ablegen der Prüfung verlängert.“

Im Spätsommer gab es dann grünes Licht. Die Prüfungen fanden in Präsenz und unter sicheren Bedingungen statt, ebenso wie die Abschlussprüfungen im Winter.

„Die Ergebnisse haben gezeigt, dass das Home-Learning für die Absolventen keine gravierenden Nachteile hatte. Die Abschlussprüfungen wurden gut gemeistert“, so Mike Roller vom Berufsförderungswerk Hamm. Ganz im Gegenteil: „Die Prüfungsergebnisse waren sogar besser als im Vorjahr“, berichtet Maria Klink aus ihrem Haus in Frankfurt erfreut.

E-Learning ist zur Normalität geworden

Im Januar 2021 starteten neue Teilnehmer in die Maßnahmen in den Berufsförderungswerken. Laut der Deutsche Rentenversicherung Westfalen gab es niemanden, der aufgrund der Bedingungen das Handtuch geworfen hat. Nicht selbstverständlich. Denn nach einer persönlichen Einführung in den Bildungseinrichtungen, geht es für die neuen Teilnehmer direkt ins Home-Office. Sie müssen von Beginn an lernen, selbstständig zu arbeiten und auch mit technischen Problemen klarzukommen. Die Erfahrungen des letzten Jahrs zeigen aber, dass den Teilnehmern das gelingen kann.

„Ganz klar, der Umstieg ins mobile Lernen war eine große Herausforderung“, resümiert Klink. „Aber die Teilnehmer haben dadurch Selbstmanagement und digitale Kompetenz erworben, die sie bei einer normalen Qualifizierung nicht in diesem Umfang aufgebaut hätten.“ Für Klink definitiv eines der positiven Ergebnisse der Corona-Krise.

In den Berufsförderungswerken geht es nach knapp einem Jahr Corona-Einschränkungen zuversichtlich weiter. Das E-Learning ist derzeit zur Normalität geworden, „wobei sich die theoretischen Inhalte selbstverständlich leichter übermitteln lassen als die praktischen“, so Roller.

Ob sich dafür noch eine Lösung findet, wird sich zeigen. Im Berufsförderungswerk Heidelberg wird das E-Learning laut Seiler jedenfalls „als sinnvolle Erweiterung für die Ausbildungsangebote der beruflichen Rehabilitation“ gesehen. Dort wird deshalb weiter am Ausbau der digitalen Lernangebote gearbeitet – auch unabhängig von der Corona-Pandemie.

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Autor

Antje Fischer