Altersvorsorge / 10.08.2020

Wie sinnvoll ist eine Grundfähigkeitsversicherung?

Die Grundfähigkeitsversicherung gilt als Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung. Doch was genau ist der Unterschied? Und für wen lohnt sie sich?

Mann mit Bart und Brille steht im Wohnzimmer und liest Dokumente.

Inhalt

„Grundfähigkeitsversicherung? Das ist doch die, die man abschließt, wenn man keine Berufsunfähigkeitsversicherung mehr bekommt, oder?“. Tatsächlich gilt die Grundfähigkeitsversicherung oft als Notnagel, als letzte Möglichkeit, wenn die Arbeitskraft auf anderem Wege nicht mehr abgesichert werden kann.

Was ist dran an dieser Einschätzung? Tatsächlich scheint das Leistungsversprechen dünn zu sein – gerade im Vergleich zur Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Doch wenn man genauer hinschaut, dann zeigt sich, dass der Grundfähigkeitenschutz immer noch unterschätzt wird.

Was ist der Unterschied zwischen Grundfähigkeitsversicherung und Berufsunfähigkeitsversicherung?

Die Berufsunfähigkeitsversicherung bietet als klassische Absicherung 100 Prozent Rente, wenn Sie für mindestens sechs Monate zu mindestens 50 Prozent berufsunfähig sind. Die Ursache für die Berufsunfähigkeit spielt keine Rolle.

Bei der Grundfähigkeitsversicherung ist dagegen nur der Ausfall bestimmter Fähigkeiten in den Bedingungen versichert, nicht die Fähigkeit, seinen Beruf weiter ausüben zu können an sich. Die Versicherung zahlt in der Regel erst, wenn die Fähigkeit für mindestens 12 Monate ausfällt.

Welche Fähigkeiten deckt die Grundfähigkeitsversicherung an?

Der Katalog der versicherten Fähigkeiten wächst und wächst. Zu den abgesicherten Basisfähigkeiten zählen

  • Sehen
  • Hören
  • Sprechen
  • Sitzen
  • Stehen
  • Gebrauch der Arme oder Hände
  • Greifen und Halten
  • Orientierung
  • Gleichgewichtssinn

Zudem können weitere Kompetenzen versichert werden, etwa aus dem Bereich Mobilität, zum Beispiel

  • Gehen
  • Treppensteigen
  • Auto- und Bahnfahren

Kann ich auch geistige Fähigkeiten versichern lassen?

Auch im kognitiven Bereich lässt sich mit der Grundfähigkeitsversicherung einiges absichern, etwa das Schreiben oder das Führen einer Unterhaltung. Und tatsächlich lassen sich in einigen Tarifen auch psychische Erkrankungen heute über Zusatzbausteine gut mitversichern.

Für den Leistungsfall vorbeugen: Genau auf die Bedingungen achten

Die Leistungsauslöser sind bei der Grundfähigkeitsversicherung enger und klarer definiert als bei der BU-Versicherung, bei der auf den abstrakten Begriff der „Berufsunfähigkeit” abgestellt wird.

Aber auch bei der Grundfähigkeitsversicherung können Unklarheiten bleiben. Es ist wichtig, die Bedingungen genau zu prüfen. Wie genau ist denn der Gebrauch des Arms definiert? Wann kann ich noch Treppensteigen und wann nicht mehr Autofahren?

Und bei einem weiteren Hauptgrund für die Berufsunfähigkeit bleiben Fragezeichen, Beschwerden am Bewegungsapparat. Viele dieser klassischen Beschwerden dürften Grundfähigkeiten betreffen und mitversichert sein – aber eben längst nicht alle. Ein Bandscheibenschaden zum Beispiel wird meist zu einer Berufsunfähigkeit führen, aber gehen dadurch auch versicherte Grundfähigkeiten verloren.

Noch deutlicher wird es, wenn viele kleine körperliche Probleme zusammenkommen, die in Summe zur Berufsunfähigkeit führen, die aber keine isolierten Grundfähigkeiten betreffen, etwa bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma: Hier wirken oft viele Auslöser zusammen, die einzeln und für sich betrachtet keinen Verlust von Grundfähigkeiten bedingen, in ihrer Gesamtheit aber ein Arbeiten unmöglich machen können.

Lassen Sie sich in jedem Fall vor Anschluss durch einen Experten beraten, um tatsächlich die besten Bedingungen am Markt zu bekommen. Denn die entscheiden darüber, ob die Versicherung im Ernstfall zahlt oder nicht.

Grundfähigkeitsversicherung nach Baukasten

Natürlich ist der Schutz der Basisfähigkeiten das Fundament einer optimalen Grundfähigkeitsversicherung. Aber die weiteren Bausteine lassen sich oft einzeln zusammenstellen – und jeder braucht die Bausteine, die seine Arbeitskraft absichern: Bei Handwerkern hängt die Berufsfähigkeit an anderen Merkmalen als bei kaufmännischen Angestellten oder Vertrieblern, die von Kunde zu Kunde fahren. Außerdem müssen in einer Beratung weitere Leistungsmerkmale der Policen abgeklopft werden:

  • Wie lang ist der Prognosezeitraum, also der Zeitraum, in dem voraussichtlich die Fähigkeit nicht mehr abgerufen werden kann?
  • Gibt es Optionen zum Wechsel in die BU?
  • Gibt es Nachversicherungsmöglichkeiten, um den Schutz im Laufe des Lebens flexibel zu halten?

Muss ich für eine Grundfähigkeitsversicherung eine Gesundheitsprüfung machen?

Die Hürden der Gesundheitsprüfung beim Grundfähigkeitenschutz sind kaum geringer als bei der BU-Versicherung. In der Regel müssen Sie auch bei einer Grundfähigkeitsversicherung Gesundheitsfragen beantworten. Bleiben Sie hier unbedingt bei der Wahrheit, sonst kann die Versicherung später die Zahlung verweigern.

Wie hoch sind die Kosten einer Grundfähigkeitsversicherung?

Oft wird gesagt, die Grundfähigkeitsversicherung sei deutlich günstiger als die Berufsunfähigkeitsversicherung und deshalb eine Alternative. Ob das stimmt, kann immer nur im Einzelfall ermittelt werden. Stichproben aber zeigen:

  • Bei Akademikern und Angestellten mit Bürojobs bringt die Grundfähigkeitsversicherung oft finanziell keine Vorteile gegenüber einer Berufsunfähigkeitsversicherung.
  • Für Handwerker und allgemein bei körperlich Tätigen hingegen kann sich eine Grundfähigkeitsversicherung oft lohnen.

Für wen lohnt sich eine Grundfähigkeitsversicherung?

Sie sollten eine Grundfähigkeitsversicherung in Ihre Überlegungen einbeziehen, wenn es um Ihre Arbeitskraft geht. Vor allem körperlich Tätige können so einen bezahlbaren und sinnvollen Schutz finden, der die Arbeitskraft sehr gut absichert.

Die Grundfähigkeitsversicherung kann allerdings die Berufsunfähigkeitsversicherung nicht ersetzen. Sie ist ein eigenes Produkt mit eigenen Leistungen, Regeln, Stärken und Schwächen. Ob sie für Sie eine Option bei der Absicherung ist, kann immer nur eine persönliche Beratung zeigen.

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Autor

Oliver Mest