Altersvorsorge / 19.07.2021

Zukunft der Altersvorsorge: Staatsfonds statt Riester-Rente?

Die Vorsorgefonds in Schweden und Norwegen haben geringe Kosten und gute Renditen. Was sich Reformer in Deutschland davon abschauen und was Privatanleger lernen können.

Zukunft der Altersvorsorge: Staatsfonds statt Riester-Rente? – Hände eines Mannes rahmen steigende Münzstapel mit blauen Kurspfeilen.

Wenn in Deutschland nach Vorbildern und neuen Modellen für die private Altersvorsorge gesucht wird, schauen inzwischen nicht nur Experten auf Norwegen und Schweden. In Norwegen lässt die Regierung die Ölmilliarden des Landes in einen Staatsfonds für die zukünftigen Generationen anlegen. In Schweden stecken Millionen Arbeitnehmer einen Teil ihres Rentenbeitrags in einen Vorsorgefonds, der so erfolgreich ist, dass die FDP hierzulande bereits einen Umbau des deutschen Rentensystems nach dem schwedischen Muster fordert.

Doch was taugen solche Staatsfonds wirklich? Kann man sich von den nordischen Nachbarn für die bevorstehende Reform der Riester-Rente etwas abschauen? Und was können Privatanleger für ihre Investitionsentscheidungen von den Staatsfonds lernen? Ein Überblick.  

Wie es sich die Schweden einfach machen – und die Deutschen kompliziert

In Deutschland ist die geförderte private Altersvorsorge so kompliziert, dass viele Sparer die staatlichen Zulagen und Steuervorteile links liegen. Es gibt zwar mehr als 16 Millionen Riester-Verträge. Aber in „gut ein Fünftel“ wird nicht mehr eingezahlt, so das Bundesarbeitsministerium. Millionen Kunden schaffen es nicht, immer so viel einzuzahlen, dass sie stets die volle Förderung bekommen. Und neue Verträge werden kaum noch abgeschlossen. Die Riester-Rente gilt als zu teuer und angesichts der seit Jahren anhaltenden Niedrigzins-Phase als zu wenig lukrativ.

Auch bei der Betriebsrente gibt es Probleme: Die fünf verschiedenen „Durchführungswege“ sind selbst für Fachleute schwer zu durchschauen. Betriebsrenten sind noch wenig verbreitet, vor allem in Kleinbetrieben, bei Geringverdienern ohne Tarifverträge und in Ostdeutschland.

Ganz anders in Schweden: Hier ist die private Altersvorsorge nicht freiwillig. Jeder Arbeitnehmer muss 2,5 Prozent seines Bruttoeinkommens in Vorsorgefonds stecken. Das Rentensystem beruht wie in Deutschland auf drei Säulen: der gesetzlichen Rente, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer 16 Prozent des Bruttoeinkommens einzahlen, einer Betriebsrente und der obligatorischen privaten Vorsorge über Fonds am Kapitalmarkt.

Wie der Schweden-Fonds funktioniert

Schweden führte bereits 1999 den „AP7“ ein, das Kürzel steht für „Sjunde Allmänna Penionsfonden“, zu Deutsch „Siebter allgemeiner Pensionsfonds“. Mehr als die Hälfte der sechs Millionen Rentenversicherten zahlt in diesen Fonds ein, wobei von den 2,5 Prozent anders als in Deutschland 60 Prozent die Arbeitgeber, 40 Prozent die Arbeitnehmer übernehmen.

Die Schweden können sich aber auch für andere Fonds von privaten Anbietern entscheiden. Hunderte stehen zur Auswahl. Arbeitnehmer, die sich gar nicht entscheiden, landen mit ihrem Geld automatisch beim AP7.

Das schwedische System hat somit drei große Vorteile:

  • Jeder Rentenversicherte muss zusätzlich etwas tun. Keiner kann sich wie in Deutschland der zusätzlichen privaten Vorsorge entziehen.
  • Beim Vertrieb fallen keine hohen Verkaufsprovisionen an. Allein durch seine Größe (knapp 70 Milliarden Euro) hat der Fonds Einkaufsvorteile, die laufenden Kosten liegen deutlich unter 0,5 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Die Bundesregierung rechnet bei Riester-Renten-Verträgen mit Verwaltungskosten von zehn Prozent.
  • Der AP7 zählt zu den besten weltweit anlegenden Aktienfonds auf dem europäischen Markt. Die Renditen des Fonds lagen im vergangenen Jahrzehnt im Durchschnitt bei knapp 15 Prozent pro Jahr. Da können Riester-Verträge nicht mithalten, allein schon wegen der Beitragsgarantie, wegen der die Anbieter bei der Anlage des Sparergelds weniger Risiken am Kapitalmarkt eingehen dürfen.

Warum das schwedische Modell für viele Anleger in Deutschland gewöhnungsbedürftig sein dürfte

Auch wenn vor allem junge Anleger in Deutschland verstärkt an den Börsen Aktien und Indexfonds (ETFs) kaufen, scheuen immer noch viele Deutsche davor zurück, am Aktienmarkt zu investieren – das Verlustrisiko ist ihnen zu hoch. Der AP7 legt aber bis zu 100 Prozent in Aktien an, zumindest bis der oder die Versicherte 55 Jahre alt ist. Danach fließt ein stetig wachsender Anteil in festverzinsliche Wertpapiere. Hinzu kommt: Der Fonds nimmt teilweise sogar Kredite auf, um zu investieren und so seine Rendite weiter zu erhöhen.

In Deutschland könnte ein solches Investitionsverhalten Panikreaktionen auslösen, wenn die Aktienkurse einmal weltweit einbrechen. So verlor der Schweden-Fonds im Jahr 2000 sieben Prozent, elf Prozent 2001 und sogar 27 Prozent 2002 und natürlich auch in der Finanzkrise 2008 und vorübergehend in der Corona-Krise. Diese Verluste sind aber längst wieder weit mehr als wettgemacht. Nur, was wäre in Deutschland los, wenn ein staatlicher Vorsorgefonds so an Wert verlieren würde? Viele Sparerinnen und Sparer müssten jedenfalls erst einmal lernen, dass man für ein Engagement am Aktienmarkt gute Nerven, Ausdauer und eine langfristige Perspektive braucht. 

Weshalb es nicht so leicht ist, das schwedische Modell auf Deutschland zu übertragen

Es gibt mehrere Einwände gegen das schwedische Modell, etwa vom Versichererverband GDV oder vom Fondsverband BVI, die auch um das Geschäft ihrer Mitgliedsunternehmen fürchten. Die Kritiker monieren vor allem:

  • Ein solcher Fonds bietet keine individuellen passgenauen Lösungen. Die jeweilige Risikoneigung der Versicherten spielt bei der Wahl der Aktienquote „im staatlichen Einheitstopf“ keine Rolle.
  • Weder die Absicherung von Hinterbliebenen noch der Erwerbsunfähigkeit wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung ist bei dem Schweden-Fonds möglich.
  • Der AP7 profitierte jahrelang vom Boom an den Aktienmärkten. Ein neuer deutscher Staatsfonds müsste zu deutlich höheren Einstiegskursen das Geld der Einzahler vermehren. Auch wäre ein Vielfaches an Kapital in die Hand zu nehmen, weil die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer in Deutschland größer ist. Ob aber die Renditen an der Börse weiter so positiv ausfallen, ist ungewiss.
  • Die Einführung eines Vorsorgefonds kostet viel Zeit – womöglich zu viel, um zum Beispiel für den Renteneintritt der Babyboomer-Generation eine finanzielle Entlastung zu erreichen.

Was Anleger vom norwegischen Staatsfonds lernen können

Der norwegische Staatsfonds ist mit dem AP7 nur bedingt vergleichbar. Angelegt werden keine Beiträge von Versicherten. Vielmehr verwaltet der Fonds die Gewinne aus dem Ölreichtum des Landes und baut Reserven für die späteren Generationen auf, wenn kein Öl mehr aus den Quellen sprudelt. Der Fonds ist der größte Staatsfonds der Welt mit einem Volumen von 1,3 Billionen Euro. Bis zu 70 Prozent dürfen in Aktien stecken. Hinzu kommen Investments in Anleihen und Immobilien. Die Norweger sind mit dem Fonds bei mehr als 9000 Unternehmen ein großer Aktionär.

Auch Norwegens Staatsfonds machte in der Corona-Krise vorübergehend Verluste, die Renditen sind langfristig aber mit mehr als sechs Prozent pro Jahr sehr positiv, bei jährlichen laufenden Kosten von 0,4 Prozent. 2020 schaffte der Fonds zum Beispiel ein Plus von 10,9 Prozent.

Von einem Staatsfonds wie in Norwegen können die Deutschen mangels ertragreicher Ölquellen nur träumen. Dennoch kann man für den Aufbau eines staatlichen Vorsorgefonds oder eines privaten Wertpapierdepots von den Norwegern viel lernen:

  • Die langfristige Anlage zahlt sich aus, wenn man vorübergehende Verluste aussitzt und nicht bei starken Kurseinbußen an den Börsen panisch Aktien verkauft. Es kommt nicht auf das „Timing“ an, es wird investiert, wenn Geld da ist. 
  • Die Risiken werden minimiert, weil das Geld weltweit, in viele Unternehmen, auf verschiedene Anlageklassen und auf verschiedene Fonds verteilt wird. Ein Großteil der Osloer Ölmilliarden steckt in Indexfonds, teilweise auch in gemanagten Fonds für Qualitätsaktien.
  • Der Fonds setzt mehr und mehr auf nachhaltige Investments. So werden zum Beispiel Beteiligungen an Unternehmen verkauft, die mehr als 30 Prozent ihres Gelds mit Kohleenergie verdienen. Auch Unternehmen, die mit Kinderarbeit, Produktion von Waffen oder Steuervergehen zu tun haben, versucht der Fonds zu umgehen.
  • Privatanleger, die wie der schwedische oder norwegische Staatsfonds investieren wollen, finden dazu inzwischen im Internet verschiedene Handlungsanleitungen.
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Autor

Thomas Öchsner