Aktuell beleuchtet / 25.03.2015

Zuwanderer – Säule oder Last für den Sozialstaat?

Knapp 8,2 Millionen Menschen mit fremdem Pass lebten zum Jahreswechsel 2014/2015 in Deutschland – Tendenz: weiter steigend. Vor allem seit 2010 ist die Zahl der Zuwanderer stark gewachsen, zuletzt um mehr als eine Million pro Jahr. Welche Bedeutung hat die verstärkte Zuwanderung für das deutsche Sozialsystem? Ein Faktencheck.

Gespräch mit Muslimin – Bildnachweis: gettyimages.de © Jakob Helbig

Wie stark war die Zuwanderung nach Deutschland in den letzten Jahren?

2013 zogen nach Angaben des Statistischen Bundesamts etwa 1,1 Millionen Menschen nichtdeutscher Herkunft nach Deutschland zu. Im gleichen Jahr verließen allerdings auch mehr als 650.000 Ausländer die Bundesrepublik, sodass insgesamt ein Zuwanderungs-Plus von etwa 450.000 Menschen registriert wurde. „Für das Jahr 2014 ist mit einem Wanderungssaldo von rund 500.000 Personen zu rechnen“, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit. In den Jahren zuvor bewegte sich das Bevölkerungswachstum durch Zuwanderer zwischen 155.000 (2010) und knapp 390.000 (2012). Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts lag das jährliche Zuwanderungs-Plus bei etwa 100.000 bis 200.000 – mit Ausnahme der Krisenjahre 2008/2009.

Woher stammen die Zuwanderer derzeit vorwiegend?

In den Jahren 2012 und 2013 kam die mit Abstand größte Zuwanderergruppe aus Polen (17 bis 18 Prozent aller neuen Ausländer). Die nächstgrößte Gruppe waren Rumänen (etwa 12 Prozent), Bulgaren (5 bis 6 Prozent) und Ungarn (etwa 5 Prozent). Erst dahinter folgen Zuwanderer aus den südeuropäischen Krisenländern Italien, Spanien und Griechenland. Aus Italien hat sich die Zahl der Zuwanderer allerdings laut amtlicher Statistik innerhalb von nur sechs Jahren (2007 bis 2013) mehr als verdreifacht.

Die starke Zuwanderung aus Polen und Ungarn führen Fachleute auf die seit dem 1. Mai 2011 geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit der Europäischen Union (EU) für unsere östlichen Nachbarn zurück. Für Rumänen und Bulgaren gilt das uneingeschränkte Recht, sich auch in anderen EU-Ländern einen Arbeitsplatz zu suchen, dagegen erst seit Anfang 2014. Deshalb erwartet das IAB, dass die 2014 bereits um knapp 125.000 Zuwanderer gewachsene Zahl aus diesen Ländern im laufenden Jahr um weitere 100.000 bis 150.000 Personen steigt.

Bemerkenswert: In die Türkei, dem Land mit der weitaus stärksten Ausländergruppe hierzulande, wanderten in den letzten Jahren mehr Menschen aus, als nach Deutschland zuzogen.

Wie viele Zuwanderer arbeiten sozialversicherungspflichtig?

Laut jüngsten Analysen der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren Mitte 2014 „2,56 Millionen Ausländer (sozialversicherungspflichtig, d. Red.) beschäftigt, 9,5 Prozent mehr als vor einem Jahr“. Bei Deutschen sei die Zunahme mit 1,2 Prozent deutlich geringer ausgefallen, so die BA. In Ostdeutschland habe die Beschäftigung von Zuwanderern dabei mit 17,7 Prozent stärker zugenommen „als in Westdeutschland mit 8,8 Prozent“. Hauptursache für die starke Zunahme der Ausländerbeschäftigung dürfte laut BA die seit Anfang 2014 auch für Rumänien und Bulgarien geltende uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit sein. „Der Anteil der Ausländer an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten belief sich bundesweit auf 8,5 Prozent“, heißt es in der BA-Analyse des Arbeitsmarktes für Ausländer. Zum Vergleich: Der Zuwandereranteil an der Gesamtbevölkerung lag Ende 2013 laut Statistischem Bundesamt bei etwa 9,4 Prozent.

Sind nicht viele Ausländer schlecht qualifiziert und deshalb häufiger arbeitslos als Deutsche?

Von einer generell schlechten Qualifikation der Zuwanderer kann man nicht sprechen. Laut  jüngsten Analysen des IAB hatten 2013 rund 39 Prozent der Neuzuwanderer einen Hochschulabschluss. Damit sei der Anteil der Hochschulabsolventen in dieser Gruppe „deutlich höher als in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund“. Allerdings sei auch der Anteil der Menschen ohne Berufsausbildung unter den neuen Ausländern in Deutschland mit etwa 30 Prozent höher als unter den Einheimischen, so das IAB.

Darüber hinaus haben viele Menschen mit fremdem Pass in Deutschland Experten zufolge

  • Schwierigkeiten bei der Anerkennung beruflicher Abschlüsse aus der Heimat,
  • Probleme bei der beruflichen Integration aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse und
  • Nachteile durch eine Beschäftigung unterhalb ihres Qualifikationsniveaus, wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bereits 2007 feststellte.

Nicht zuletzt diese Probleme führen dazu, dass die Beschäftigungsquote von Zuwanderern mit 42,2 Prozent immer noch „erheblich kleiner (ist) als die der Deutschen mit 57,4 Prozent“, so die BA, in den neuen Ländern zudem „deutlich geringer als in Westdeutschland“. Das schlägt sich auch bei den Arbeitslosenzahlen nieder: Während der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland Ende 2013 bei 20 Prozent lag, hatten laut BA unter den 2,17 Millionen registrierten Arbeitslosen „mehr als ein Drittel (36 Prozent) einen Migrationshintergrund“.

Sind die Zuwanderer dadurch nicht eine erhebliche Belastung für den Sozialstaat?

Nein. Wissenschaftliche Erhebungen der vergangenen Jahre belegen eindeutig, dass Deutschland von der gestiegenen Zuwanderung profitiert. Laut einer im November 2014 veröffentlichten Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zahlte 2012 jeder Ausländer „pro Jahr durchschnittlich 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält“. Das seien nochmals über 50 Prozent mehr gewesen als bei einer ähnlichen Studie von 2004. Bereits damals sei „den Sozialkassen ein Überschuss von 2.000 Euro pro Ausländer geblieben“, so das ZEW.

Bleibt die Sozialbilanz für die Zuwanderer positiv, wenn man berücksichtigt, dass sie auch älter werden?

Auch hier ergibt die ZEW-Studie ein klares Bild: Mithilfe von Generationenbilanzen, die für jeden Geburtsjahrgang die bis ans Lebensende anfallenden Steuern, Sozialbeiträge und -transfers hochrechnen, lasse sich zeigen, dass für Zuwanderer die „Generationenrechnung positiv“ bleibe, so die Studie. Durchschnittlich würden die Ausländer „in ihrem Leben pro Kopf 22.300 Euro mehr an den Staat überweisen, als sie an Transfers von diesem erhalten“.

Noch deutlich höher könnte diese Summe ausfallen, wenn es den jungen Ausländer durch bessere Schulabschlüsse gelinge, „Bildungsaufstiege zu realisieren“, schreibt ZEW-Wissenschaftler Holger Bonin. Würde zudem der deutsche Staat künftige Zuwanderer so auswählen, dass mindestens 50 Prozent über einen mittleren und 30 Prozent hoch qualifizierten Abschluss verfügten, „würde die Bevölkerung fiskalisch sogar in einer Größenordnung von 406 Euro pro Kopf entlastet“.  

Schlägt sich die Zuwanderung auch positiv in den Kassen der Rentenversicherung nieder?

Eindeutig ja. Laut Analysen der Deutschen Rentenversicherung waren zum Jahreswechsel 2013/2014 gut vier Millionen Menschen mit fremdem Pass „aktiv versichert“. Das heißt: Sie zahlten (zusammen mit ihrem Arbeitgeber) selbst Rentenbeiträge ein oder Rentenbeiträge für sie galten als gezahlt – zum Beispiel wegen Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Gegenüber dem Vorjahr nahm die Zahl der aktiv versicherten Zuwanderer um 275.000 zu. Insgesamt machten sie Ende 2013 gut 10,3 Prozent aller „Aktiven“ aus.

Bereits in den Jahren 2011 und 2012 war die Zahl der Zuwanderer laut Versichertenbericht 2014 der Deutschen Rentenversicherung um „rund 356.000 auf 3,74 Millionen aktiv Versicherte“ gestiegen (2011: Zuwachs von knapp 170.000, 2012: von etwa 186.000 Beschäftigten). Die Zahl der neu gemeldeten ausländischen Arbeitnehmer sei sogar „noch höher als der beobachtete Nettozuwachs“, so die Rentenversicherungs-Statistiker, da im gleichen Zeitraum auch Zuwanderer „aus der aktiven Versicherung ausgeschieden“ seien.

Erwerben Zuwanderer durch ihre Arbeit in Deutschland auch Rentenansprüche?

Natürlich. Knapp 163.000 Frauen und Männer nichtdeutscher Herkunft gingen 2013 in Rente. Davon waren

  • knapp 101.000 Altersrentner,
  • mehr als 20.600 Erwerbsminderungsrentner
  • mehr als 41.000 Hinterbliebenenrentner (Witwen, Witwer und Waisen).

Mehr als 93.000 neue Rentnerinnen und Rentner mit fremdem Pass ließen sich ihre Bezüge hierzulande auszahlen, knapp 70.000 haben Deutschland bereits verlassen und bekommen ihre Rente jenseits der Grenze überwiesen.

Insgesamt bekamen Ende 2013 mehr als 2,56 Millionen (ehemalige) Zuwanderer eine Rente von der Deutschen Rentenversicherung gezahlt, davon gut 1,5 Millionen ins Ausland. Die meisten Renten an frühere Zuwanderer, die heute im Ausland wohnen, flossen nach Italien (knapp 355.000). Auffallend viele Renten an ausländische Rentner wurden aber auch nach Spanien (205.119), Griechenland (97.064), Österreich (93.846), Kroatien (89.271), in die USA (83.806), nach Frankreich (60.765), in die Türkei (59.617) und nach Kanada (55.379) gezahlt.  

Mehr zum Thema

  • www.bertelsmann-stiftung.de
    Link zur ZEW-Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung über die Bedeutung von Zuwanderern für den Sozialstaat (November 2014)
  • statistik.arbeitsagentur.de
    Link zu einer aktuellen Hintergrundinformation der Bundesagentur für Arbeit über den Arbeitsmarkt für Zuwanderer aus Ost- und Südeuropa (im pdf-Format)
  • www.deutsche-rentenversicherung.de
    Link zum Versichertenbericht 2014 der Deutschen Rentenversicherung
  • statistik.arbeitsagentur.de
    Link zu den monatlichen Analysen der Bundesagentur für Arbeit über den Arbeitsmarkt für Ausländer
  • statistik.arbeitsagentur.de
    Link zum Bericht der Bundesagentur für Arbeit über den Arbeitsmarkt in Deutschland für Menschen mit Migrationshintergrund (im pdf-Format)
  • doku.iab.de
    Link zum IAB-Kurzbericht 21.3/2014 über die Relevanz von Deutschkenntnissen und Ausbildungsabschlüssen für die Arbeitsmarktintegration von Ausländern (im pdf-Format)
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Autor

Stefan Thissen