Soziales / 25.07.2019

12 Euro Mindestlohn: Nicht überall Kündigungsgrund

IAB-Studie: Vor allem in Betrieben ohne Tarifvertrag und ohne Betriebsrat wäre mit deutlichen Beschäftigungsverlusten zu rechnen.

Bild zum Beitrag "Bei 12 Euro Stundenlohn: Vielen droht Kündigung". Das Bild zeigt ein Schild mit der Aufschrift "jobcenter team arbeit".

Nürnberg (iab/sth). Ein Mindeststundenlohn von zwölf Euro, wie er vor allem von Linken und aus Teilen der Gewerkschaften gefordert wird, könnte in Unternehmen mit geringem Sozialschutz zu einer Kündigungswelle führen. Vor allem in Betrieben ohne Tarifvertrag und ohne Betriebsrat wäre in diesem Fall "mit deutlichen Beschäftigungsverlusten zu rechnen", heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit. Dagegen würden Betriebe mit Tarifvertrag und mit Betriebsrat auch bei einem solchen Mindestlohn die Zahl ihrer Beschäftigten "nicht oder nur geringfügig reduzieren", so das IAB.

Um zu ermitteln, wie die Betriebe auf eine Anhebung des Mindestlohns reagieren würden, wurden laut IAB ausgewählte Betriebe befragt, welche Beschäftigungsentwicklung sie in ihrem Betrieb für die kommenden zwölf Monate erwarten, wenn ein bestimmter Mindestlohn in jeweils unterschiedlicher Höhe festgesetzt würde. Die Befragung, deren Ergebnisse in einer Studie ausgewertet wurden, fand im Rahmen der IAB-Stellenerhebung statt.

In der Befragung wurde jedem Betrieb zufällig ein anderer Mindestlohn in Höhe von acht, neun, zehn, elf oder zwölf Euro „zugewiesen“. Auf diese Weise ließ sich die Beschäftigungsentwicklung in Abhängigkeit von der fiktiven Höhe des Mindestlohns nachzeichnen. Die Antworten wurden stets relativ zu einem fiktiven Mindestlohn von neun Euro ausgewiesen, was zum Zeitpunkt der Befragung im Jahr 2017 knapp über dem tatsächlichen damaligen Mindestlohn von 8,84 Euro lag.

Erwarteter Beschäftigungsrückgang steigt mit Mindestlohn

Bei einem steigenden Mindestlohn würde die erwartete Beschäftigung der Studie zufolge "im nächsten Jahr im Schnitt fallen". Bei einer fiktiven Erhöhung des Mindestlohns auf beispielsweise zehn Euro pro Stunde würde die von den Betrieben erwartete Beschäftigung um knapp zwei Prozent stärker zurückgehen, als wenn sie lediglich neun Euro pro Stunde hätten bezahlen müssen.

Etwa die Hälfte des zu erwartenden Beschäftigungsrückgangs entstünde laut IAB dadurch, dass Betriebe erwarten, wegen der abrupten Erhöhung des Mindestlohns schließen zu müssen. Es gebe allerdings keinen bestimmten Schwellenwert, "ab dem der Mindestlohn plötzlich massiv Beschäftigung vernichten würde". Die Beschäftigungsverluste würden vielmehr mit steigendem Mindestlohn mehr oder weniger stetig zunehmen.

Wäre der Mindestlohn im Jahr 2017 sofort auf zwölf Euro erhöht worden, wäre die Beschäftigung "nach Angaben der Arbeitgeber um gut fünf Prozent gesunken", schreibt das IAB. Dies hätte Anfang 2017 etwa 1,4 Millionen Beschäftigten entsprochen. Dieser Effekt beziehe sich allerdings auf "eine schlagartige Erhöhung des Mindestlohns um über 30 Prozent". Er lasse sich nicht direkt auf eine schrittweise Anhebung über mehrere Jahre hinweg übertragen.

Mehr zum Thema:

www.iab-forum.de

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