Soziales / 05.12.2019

Ärmere profitieren nicht vom Job-Aufschwung

Die Arbeitsmärkte in den Industrienationen wachsen, trotzdem ist das Armutsrisiko nach wie vor hoch. Ein Widerspruch?

Bild zum Thema Ärmere profitieren nicht vom Job-Aufschwung: Putzfrau beim Fensterputzen in einem Bürogebäude.

Gütersloh (dpa). Gut zehn Jahre nach Beginn der globalen Finanzkrise 2008 haben sich einer Studie zufolge die Arbeitsmärkte in vielen Industrieländern deutlich erholt. Das habe aber keine entscheidenden Auswirkungen auf die Armutsquoten, stellt eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung in 41 Ländern der EU und OECD fest. In 25 Staaten stagniere das Armutsrisiko oder sei bis 2018 sogar noch gewachsen. Und insgesamt seien Kinder häufiger betroffen als ältere Menschen, heißt es in dem am Donnerstag in Gütersloh veröffentlichten „Social Justice Index”. In dem Ranking zu sozialer Gerechtigkeit und Teilhabechancen kommt Deutschland auf Platz zehn.

Soziale Gerechtigkeit wird in sechs Kategorien beurteilt

In sechs Kategorien werden Anstrengungen zur Armutsvermeidung, Beschäftigung/Arbeitsmarkt, gerechte Bildungschancen, Generationen-Gerechtigkeit, Gesundheit sowie Politik gegen Diskriminierung bewertet. Die nordischen Länder Island, Norwegen, Dänemark, Finnland und Schweden sieht die Stiftung auf Spitzenpositionen. Die USA gehören mit Platz 36 zu den Schlusslichtern, am schlechtesten schneiden die Türkei und Mexiko ab.

Steigendes Missverhältnis zwischen Arbeitsmarkt und Armutsdaten

Das Missverhältnis zwischen Arbeitsmarkt-Entwicklung und Armutsdaten sei auffallend, betont die Analyse. Faktoren könnten ein Anstieg befristeter und (unfreiwilliger) Teilzeit-Jobs sein oder auch ein größerer Anteil von Beschäftigten im Niedriglohnsektor.

Die Arbeitslosenquote aller 41 Länder lag 2018 im Durchschnitt bei 5,3 Prozent. Damit fiel sie erstmals etwas geringer aus als vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008. Den Spitzenplatz belege Tschechien mit einer Arbeitslosenquote von 2,3 Prozent. In Griechenland sei trotz erreichter Fortschritte noch jeder Fünfte ohne Job. Von Armut sind am häufigsten die Menschen in Israel (17,9 Prozent) und in den USA mit 17,8 Prozent betroffen.

Auch in Deutschland steigt trotz guter Arbeitslage das Armutsrisiko

Die recht gute Platzierung Deutschlands im Ranking – vor Großbritannien (Platz 11) und Frankreich (15) – beruhe auf der „anhaltenden Erfolgskurve am Arbeitsmarkt”. Die Jugendarbeitslosigkeit gehöre mit einer Quote von 6,2 Prozent zur weltweit niedrigsten. Die Beschäftigungsrate sei zwischen 2013 und 2018 von 73,5 auf 75,9 Prozent geklettert. Aber auch hier erhöhte sich paradoxerweise das Armutsrisiko von 9,4 auf 9,8 Prozent. Und anders als in vielen anderen Staaten sind ältere Menschen über 65 Jahre hierzulande häufiger von Armut bedroht – etwa jeder Zehnte – als Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre (7,6 Prozent).

Jugendarmut und Altersarmut

Sorgen bereitet den Studienautoren „die Kluft zwischen Jung und Alt” in zahlreichen Staaten der Europäischen Union und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In 27 Staaten trifft Heranwachsende häufiger ein Armutsrisiko als Ältere. Noch dazu bleibe Altersarmut ein verbreitetes Problem.

Zu zaghafte Klimapolitik

Die Klimapolitik sei zudem zu zaghaft, moniert die Studie. Auch Deutschland habe keine Vorbildrolle inne, komme 2018 bei der Nutzung erneuerbarer Energien trotz Ausbaus nur auf Rang 24. Bei den Treibhausgas-Emissionen hinke Deutschland mit elf Tonnen pro Kopf – und damit Rang 30 – ziemlich hinterher. In einigen Feldern wie dem Kampf gegen Armut und der Gerechtigkeit zwischen den Generationen müssten viele Staaten nachsitzen, mahnte Stiftungs-Vorstandschef Aart De Geus.

Studie der Bertelsmann Stiftung zur gesellschaftlichen Teilhabe

Mit dem Social Justice Index hat die Bertelsmann Stiftung anhand von 46 Kriterien die Teilhabechancen in 41 Industrieländern der Europäischen Union (EU) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) untersucht. Berücksichtigt wurden international verfügbare Daten bis zum 28. Oktober 2019 in den sechs Dimensionen Armutsvermeidung, Beschäftigung/Arbeitsmarkt, gerechte Bildungschancen, Generationen-Gerechtigkeit, Gesundheit sowie Soziale Inklusion/Nicht-Diskriminierung.

Autor

 Deutsche Presseagentur