Finanzen / 09.10.2017

Aktienrückkäufe und die bitteren Lehren

Rückkäufe deutscher Konzerne steigen auf Rekord. Manchen verwöhnen nun ihre Anteilseigner. Es könnte mehr drin sein - wenn die Psyche der Konzerne mitspielt.

Frankfurt/Köln (dpa) Deutsche Konzerne haben 2017 laut einer Studie so viel Geld für Aktienrückkäufe ausgegeben wie seit der Finanzkrise nicht mehr. So kauften Unternehmen aus dem Dax und dem Mittelwerte-Index MDax bis September Papiere im Wert von mehr als 4,2 Milliarden Euro zurück, wie eine Berechnung des Flossbach von Storch Research Institute zeigt. Der Wert ist ein neuer Rekord seit dem Boom vor der Finanzkrise 2008, wenngleich weit vom damaligen Höchststand entfernt. 

Mit Aktienrückkäufen verwöhnen Konzerne ihre Anteilseigner

Die jüngsten Aktienrückkäufe verteilen sich demnach auf sechs Unternehmen: Die Versicherer Allianz und Munich Re, die Industriekonzerne Siemens und GEA, den Sportartikelhersteller Adidas sowie den Lichtspezialisten Osram. Der Softwarekonzern SAP hat überdies einen Aktienrückkauf für 2017 angekündigt.

Mit dem Volumen von über 4,2 Milliarden Euro haben die Firmen in den ersten knapp neun Monaten mehr Geld für die Programme ausgegeben als je in den gesamten Vorjahren seit 2008. Und 2016 war das Volumen mit 2,5 Milliarden Euro deutlich niedriger. "Aktienrückkäufe nehmen in Deutschland wieder Fahrt auf", sagt Philipp Immenkötter, Analyst an dem Institut, das zum Vermögensverwalter Flossbach von Storch gehört. Grund für den Anstieg ist die gute Konjunktur, welche die Barmittel der Firmen wachsen lässt. Mit den Aktienrückkäufen können sie überschüssiges Geld an die Anteilseigner geben: Damit steigen in der Regel Gewinn und Dividende pro Aktie.

Mit den Rückkäufen steigt zudem die Nachfrage nach den Wertpapieren, was den Kurs stützt. "Rückkäufe verlaufen in Zyklen, getrieben von der Konjunktur", sagt Immenkötter. In einer Rezession seien Aktien zwar in der Regel billig, doch dann fehle es an Geld. "Erst mit Wirtschaftswachstum sind Unternehmen in der Lage, Mittel für Rückkäufe anzuhäufen." 

Erfahrungen aus der Finanzkrise

Gemessen am historischen Rekord 2008 ist das derzeitige Volumen aber gering. Im Boom vor der globalen Finanzkrise kauften 16 deutsche Konzerne Aktien im Wert von 16,9 Milliarden Euro zurück. Und von den insgesamt 80 im Dax und MDax notierten Firmen erwarben 2017 nur sechs - also weniger als zehn Prozent - Aktien zurück. Denn im letzten Zyklus haben sich viele Konzerne die Finger verbrannt: Als mit der Finanzkrise Aktienkurse einbrachen, machte die Mehrzahl der Firmen Verluste. "Diese Erfahrung hat wie ein Dämpfer auf die Entwicklung einer Rückkaufkultur gewirkt", sagt Immenkötter. Zuletzt aber lagen die Konzerne mit dem Timing richtig. Dank des langen Börsenbooms machten sie laut der Studie seit 2011 ein gutes Geschäft. 

Den Ausschlag gibt die Psyche

Künftig könnten Aktienrückkäufe weiter zulegen. So halten sich Konzerne seit längerem mit Investitionen zurück. Höhere Barbestände lohnen sich für Firmen auch nicht, da sie für größere Einlagen oft Strafzinsen zahlen müssen. Und bei Dividenden ändern sie ihre meist langfristigen Strategien selten über Nacht. In den vergangenen Jahren verwendeten Konzerne freie Mittel oft für Übernahmen - die Niedrigzinsen machen Kredite günstig. Für weitere Aktienrückkäufe könnte nun die Psyche den Weg vorgeben, meint Immenkötter. "Entscheidend wird sein, ob die jüngsten Rückkauferfolge oder die schlechten Erfahrungen aus der Finanzkrise schwerer wiegen."

Autor

 Deutsche Presseagentur