Gesundheit / 01.04.2020

Anspannung und Aggression: Was die Coronakrise mit der Psyche macht

Die sozialen Beschränkungen im Alltag der Menschen stellen eine erhebliche psychische Belastung dar. Wie bewältigt man diese Situation?

Nachdenkliche Frau – Bildnachweis: wdv © Lauer, Jan

Berlin/Tübingen (dpa). Kontaktverbote, Ausgehbeschränkungen, geschlossene Kitas und Schulen: Die Corona-Pandemie hat den sozialen Alltag in Deutschland seit mehr als einer Woche drastisch verändert. Für jeden Einzelnen bedeute das eine Belastung, die insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen auch gefährlich werden könne, mahnen Experten. Der Begriff Corona-Ferien treffe die Lage nicht.

Die Tübinger Psychologin Ursula Gasch, spezialisiert auf Notfälle, sieht die Lage für viele Menschen einengend: „Ich kann nicht mehr bestimmen, wie ich mich bewege, mit wem ich mich in einem Raum aufhalte. Das meiste ist jetzt vorbestimmt und geografisch limitiert.“ Dazu befänden sich Familien plötzlich in einem ungewohnten und erzwungenem 24/7-Modus. Zugleich fehlten tägliche Routinen und Ausweichmöglichkeiten. Dazu kommt die Sorge um die eigene Gesundheit – nach Umfragen beschäftigt sie mehr als die Hälfte der Bundesbürger.

Angst und Einengung bergen Konfliktpotenzial

„Diese Lage birgt Konfliktpotenzial“, urteilt auch Iris Hauth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Die übliche Reaktion auf Angst in der menschlichen Entwicklung sei: wegrennen oder kämpfen. „Das funktioniert hier aber beides nicht.“

Solche Situationen habe es bisher kaum gegeben. „Da haben wir auch keine Bewältigungsstrategien.“ In Krisenplänen müsse deshalb unbedingt auch die psychische Belastung der Bevölkerung berücksichtigt werden, fordert Hauth. „Es geht um zeitnahe Angebote. Diese Pandemie ist nicht in drei Wochen abgehandelt.“

Erfahrungen aus der chinesische Stadt Wuhan zeigten, dass dabei Krisentelefone helfen können. Tausende hätten dort angerufen. Die Berliner Seniorenhotline Silbernetz registriere jetzt schon viel mehr Anrufe, sagt Initiatorin Elke Schilling. An einzelnen Tagen wollten fünfmal mehr Menschen reden als früher. Die Kapazitäten würden nun aufgestockt. Unter den Ratsuchenden seien mehr fitte und jüngere Senioren und auch mehr Männer als zuvor. Die Hauptthemen? „Die Unberechenbarkeit der weiteren Entwicklung und die Angst, selbst mit dem Coronavirus infiziert zu sein“, antwortet Schilling.

Schlafstörungen, Einsamkeit, Aggressionen

Kurz und mittelfristig könne die Lage zu Angst und Schlafstörungen, aber auch zu Langeweile, Einsamkeit und Depression mit Gefühlen der Ausweglosigkeit führen, meint Psychologin Gasch. Wut, Ärger, Frustration und Verunsicherung böten Potenzial für Aggressionen und Suchtmittelmissbrauch – zu viel Alkohol oder Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel.

In der Berliner Gewaltschutzambulanz befürchten Rechtsmediziner einen starken Anstieg von Kindesmisshandlungen. „Die soziale Kontrolle ist derzeit nicht da – der Bereich, wo sonst häusliche Gewalt gegen Kinder auffällt, also in Schulen, Kitas oder bei Tagesmüttern, ist ja gerade weggefallen“, sagt Vizechefin Saskia Etzold. Bei eingeschränkter Öffentlichkeit würden Verletzungen jetzt weniger bemerkt. „Wir müssen wohl davon ausgehen, dass innerfamiliäre Gewalt in den nächsten Wochen deutlich ansteigt“, ergänzt die Ärztin.

Höhere Stressempfindlichkeit bei psychischer Vorbelastung

Für Menschen mit psychischen Problemen sei die momentane Anspannung schwerer zu bewältigen als für andere, betont Psychiaterin Hauth. „Sie sind stressempfindlicher und bekommen möglicherweise mehr Symptome – also auch mehr Angst, mehr Panik und Depressionen.“

Auch im Sinne der Suizidprävention sei derzeit viel Achtsamkeit gefragt. Auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hält Ängste und Einschränkungen, die mit dem Coronavirus verbundenen sind, für eine große Herausforderung für Betroffene. Die Stiftung bietet digitale Hilfsangebote auf ihrer Homepage.

Beschäftigte im Gesundheitswesen brauchen psychologische Unterstützung

Mehr im Fokus wünscht sich Psychologin Gasch auch Beschäftigte im Gesundheitswesen. Die Corona-Krise könnte sie an Grenzen bringen. Reichen zum Beispiel Intensivbetten für Covid-19-Patienten in Deutschland nicht aus, kommen auf Mediziner Entscheidungen zu, die sie so kaum kennen.

Im Hotspot Italien, wo zuletzt 1.000 Menschen am Tag an Covid-19 starben, brauchten viele Ärzte und das Pflegepersonal psychologische Unterstützung, um weiterarbeiten zu können.

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 Deutsche Presseagentur – Themendienst