Rente / 10.10.2018

Armut in Deutschland hat viele Gesichter

Am 1. Tag der Bayreuther Sozialrechtstage beleuchten Sozialrechtlerinnen und ein Theologe Situation und Rechte von Menschen mit wenig Geld.

Bayreuth (sth). Sie ist vielleicht nicht so offensichtlich wie in vielen anderen Teilen der Welt, aber auch nicht erst seit der Flüchtlingswelle von 2015 in jeder deutschen Stadt erkennbar: Armut betrifft auch hierzulande Millionen Menschen. Und diese Menschen haben nicht nur ein Recht auf Mitleid, sondern trotz ihrer finanziellen Probleme einen Anspruch auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das wurde am Dienstag bei den ersten drei Vorträgen der zweiten Bayreuther Sozialrechtstage nach ihrer Neubegründung im Jahr 2016 deutlich. "Menschen muss es gelingen können, sich aus Armut zu befreien", sagte etwa die Bayreuther Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe unter Verweis auf den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Dass "Armut" nicht erst Menschen der Neuzeit beschäftigt, sondern schon vor 3.000 Jahren ein zentrales Thema im Volk Israel war, zeigte der Präsident der Diakonie Deutschlands, Pfarrer Ulrich Lilie, als Theologe und erster Referent des Tages auf. Die "Barmherzigkeit", die Zuwendung Gottes zu seinem Volk, sei schon damals als eine notwendige Haltung für den Zusammenhalt der Gesellschaft erkannt worden. Denn Herzlosigkeit, so Lilie, "zerstört auf Dauer das Gemeinwesen". Als ein bis heute weithin bekanntes Beispiel verwies Lilie dazu auf das Gleichnis vom "barmherzigen Samariter". Während die angeblich Gottesfürchtigen den verletzten Bettler am Wegesrand liegen ließen, habe der Samariter - trotz seiner gesellschaftlichen Geringschätzung - gewusst was zu tun war: "Er sieht hin, es jammert ihn, er hat Mitgefühl", erklärte Pfarrer Lilie.

Kinderarmut geht nicht zurück - trotz mehr Erwerbstätigen

Mit dem - trotz zunehmender Erwerbstätigkeit - nicht rückläufigen Phänomen von Kinderarmut setzte sich anschließend die Darmstädter Sozialrechtlerin Anne Lenze auseinander. So lebten nach den von ihr vorgestellten Daten im Jahr 2015 fast zwei Millionen Kinder in Deutschland mit Unterstützung von Hartz IV. Besonders Kinder von Alleinerziehenden lebten in der Gefahr, aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht oder nur unzureichend am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, erklärte Lenze. Auf der anderen Seite gestand sie zu: "65,7 Prozent der Kinder bei uns leben in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen." Die Auswirkungen der Situation armer Kinder seien allerdings offenkundig, so Lenze: "Je länger Kinder in Armut leben, desto negativer sind die Folgen für Entwicklung und Bildungschancen." Ein erheblicher von ihnen verlasse noch immer die Schule ohne Bildungsabschluss - und bei der sozialen und kulturellen Teilhabe müssten viele Kinder "verzichten", so die Darmstädter Wissenschaftlerin.

Zum Abschluss des ersten Veranstaltungstages beleuchtete die Jenaer Sozialrechtlerin Wiebke Brose, welche teils unerwünschten Begleiterscheinungen die Anrechnung eigenen Erwerbseinkommens auf Sozialhilfeleistungen mit sich bringe. Am Beispiel von Langzeitarbeitslosen, die nebenbei einen Minijob ausübten, zeigte sie: Der Anreiz, in einem Minijob zu verharren, sei "nicht zu vernachlässigen". Zudem widmete sich Brose dem aktuell stark diskutierten Problem der unzureichenden Altersvorsorge von "kleinen Selbstständigen". Viele von ihnen verfügten über ein so geringes Einkommen, dass sie auch für das Alter oft nicht genügend ansparen könnten. Hier stellte sich Brose deutlich hinter die Pläne der Bundesregierung: Eine Einbeziehung aller nicht obligatorisch gesicherten Selbstständigen in die Rentenversicherung mit Opt-out-Regelung halte sie für besser als eine rein privatrechtliche Absicherung, erklärte die Jenaer Forscherin.

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen