Rente / 23.04.2019

Beschäftigung vor der Rente: Daumen hoch?

Obwohl immer mehr Arbeitnehmer nach dem 60. Lebensjahr arbeiten, zeigen sich Sozialforscher mit der Bilanz auf dem Weg zur Rente mit 67 unzufrieden.

Mann schleift Gestell eines Holztisches ab. – Bildnachweis: gettyimages.de © PeopleImages

Bad Homburg (sth). Die Bundesregierung zeigt sich zufrieden. Sie halte die schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre "weiterhin für notwendig und für vertretbar", heißt es in ihrer dritten Zwischenbilanz auf dem Weg zu einer längeren Lebensarbeitszeit vom November 2018. Ein längeres Erwerbsleben sei für die Beschäftigten heute "keine Bedrohung, sondern eine Chance auf mehr Wohlstand und Teilhabe". Angesichts eines zunehmenden Fachkräftemangels auf dem Arbeitsmarkt würden die Fähigkeiten und Potenziale der älteren Arbeitnehmer weiter "zunehmend geschätzt", stellt das von Bundessozialminister Hubertus Heil (SPD) verantwortete Papier fest.

Die jüngsten Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) scheinen dieser Analyse auch recht zu geben. Mehr als 2,3 Millionen Arbeitnehmer zwischen 60 und 64 Jahren waren demnach im September 2018 sozialversicherungspflichtig beschäftigt, weitere 340.000 sogar nach dem 65. Geburtstag. Zehn Jahre zuvor, im Herbst 2008, standen laut BA nur noch gut eine Million Arbeitnehmer nach ihrem 60. Geburtstag in einem regulären Beschäftigungsverhältnis. Die Sozialforscher am Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen zeigen sich trotz dieser Zahlen aber skeptisch: Noch immer befinde sich der "übergroße Anteil" der Beschäftigten vor Beginn ihrer jeweiligen Regelaltersgrenze "nicht mehr in einem Beschäftigungsverhältnis", so das aktuelle IAQ-Fazit.   

Ist das Wasserglas halb voll oder halb leer?

Je nach Einschätzung weiterhin möglicher Verbesserungen am Arbeitsmarkt für ältere Arbeitnehmer stellt sich deshalb die Frage: Ist das Wasserglas noch immer fast halb leer – oder doch schon mehr als halb voll? Immerhin räumen auch die kritischen Wissenschaftler aus dem Ruhrgebiet ein: Eine steigende Erwerbsbeteiligung Älterer sei "auch für die Gruppe der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten" festzustellen. Im vergangenen Jahr habe der Anteil der sozial abgesicherten Arbeitnehmer zwischen 60 und 64 Jahren bei 42,5 Prozent gelegen – im Jahr 2002 seien es erst 12,9 Prozent gewesen, so das IAQ.

Bei einer genaueren Betrachtung der einzelnen Jahrgänge zeige sich mit zunehmendem Alter aber noch immer ein deutlicher Abwärtstrend, heißt es in der jährlich fortgeschriebenen Analyse des Instituts. Während von den 60-jährigen Arbeitnehmern im Jahr 2018 noch 56 Prozent sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, seien es bei den 63-Jährigen "noch 33 Prozent und bei den 64-Jährigen nur noch 18 Prozent" gewesen. Damit erreiche die Mehrheit der Arbeitnehmer die Regelaltersgrenze "nicht aus einer Beschäftigung heraus", heißt es seitens des IAQ – ähnlich wie in einer erst in der vergangenen Woche veröffentlichten Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (www.ihre-vorsorge.de).

Die Bilanz des IAQ zur Rente mit 67 dürfte der Bundesregierung angesichts der erzielten Erfolge am Arbeitsmarkt jedenfalls kaum gefallen: Die Erwartung, dass die Arbeitnehmer durch eine längere Beschäftigungszeit höhere Rentenansprüche erwerben, habe sich bislang "nur sehr begrenzt erfüllt", kritisieren die Wissenschaftler.

Mehr zum Thema:

www.sozialpolitik-aktuell.de

Lanzeitanalyse der Entwicklung von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung durch das IAQ an der Universität Duisburg-Essen (im pdf-Format)

www.bmas.de

Dritter Bericht der Bundesregierung zur Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre (im pdf-Format)

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen