Rente / 23.10.2019

Bundesbank: Lob und Kritik für Renten-Pläne

Sozialverbände und Gewerkschaften warnen vor Folgen, Wirtschaftsverbände begrüßen Vorstoß der Währungshüter.

Bild zum Beitrag "Bundesbank: Lob und Kritik für Renten-Pläne". Das Bild zeigt ein Seniorenpaar Hand in Hand im Herbst.

Berlin (dpa/sth). Gewerkschaften und Sozialverbände haben die Idee der Bundesbank, das Renteneintrittsalter auf fast 70 Jahre anzuheben, scharf kritisiert und warnen vor sozialen Problemen im Alter. Auf der anderen Seite begrüßten vor allem Wirtschaftsverbände den Vorstoß. Die Bundesbank hatte angeregt, angesichts der alternden Gesellschaft, das Rentenalter bis 2070 auf 69 Jahre und vier Monate anzuheben. Nach ihren Berechnungen würde der Geburtsjahrgang 2001 ab Mai 2070 mit 69 Jahren und vier Monaten regulär in Rente gehen.

Schon die Anhebung von 65 auf 67 Jahre sei "ein Fehler" gewesen, sagte das DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wer schwer arbeitet, hat ein höheres Sterblichkeitsrisiko als der Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Wer also das Renteneintrittsalter anhebt, kürzt all diesen Menschen eiskalt deren Rente", sagte dazu Buntenbach. Auch der Sozialverband VdK sprach von einer "schmerzhaften Rentenkürzung" für Menschen in anstrengenden Berufen, die nicht bis zu einem solchen Alter arbeiten könnten.

Kritik auch von der FDP

Der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Wolfgang Stadler, sagte: "Viele ältere Menschen in gesundheitlich belastenden Berufen halten nicht bis zum regulären Renteneintritt durch. Sie werden vor die Wahl gestellt: entweder Frührente mit lebenslangen Abschlägen oder Arbeitslosigkeit und Vorruhestandsarmut." Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner nannte den Vorschlag der Bundesbank am Dienstag "nicht sachgerecht". Statt eine pauschale Erhöhung der Lebensarbeitszeit wolle seine Partei eine "Individualisierung des Renteneintritts" je nach den Wünschen der Arbeitnehmer. Nötig sei auch ein Ausbau der privaten Altersvorsorge. "So wie die GroKo das jetzt macht, wird es absehbar nicht funktionieren. Anfang der 30er Jahre käme es dann zum Crash", warnte Lindner.

Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht nannte den Bundesbank-Vorstoß "absurd" und die Diskussion "völlig falsch". Sie sagte am Dienstag: "Was wir in Deutschland brauchen, ist eine nachhaltige Reform des Rentensystems." Wie das gehe, könne man in Österreich besichtigen, wo alle in die Rentenversicherung einzahlten, auch Selbstständige, Beamte und Politiker. SPD und Grüne hatten sich ebenfalls schon ablehnend geäußert.

"Gewonnene Lebenserwartung muss zu längerer Erwerbsphase führen"

Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes BDA, sagte dagegen der "NOZ": "Die gewonnene Lebenserwartung muss auch zu einer längeren Erwerbsphase führen und darf nicht nur einen immer längeren Ruhestand bedeuten." Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, Thilo Brodtmann, erklärte: "Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters würde nicht nur den Sozialkassen helfen. Auch die Not der Unternehmen, geeignete Fachkräfte zu finden, würde auf diese Weise gelindert." Das Institut der deutschen Wirtschaft wies die Kritik zurück, ein höheres Renteneintrittsalter kürze die Rente: "Wer länger Beiträge zahlt, erhält im Alter mehr."

Die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft in der CDU (CDA) sieht dagegen im Vorschlag der Bundesbank einen "Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft". "Die Lebenssituation eines Hochschulabsolventen, der mit 27 Jahren ins Erwerbsleben tritt, ist anders als die eines Arbeitnehmers, der mit 17 Jahren zu arbeiten beginnt", sagte der stellvertretende CDA-Bundesvorsitzende Christian Bäumler am Dienstag auf Anfrage. "Viele Arbeitnehmer erreichen schon heute das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht und landen in Hartz IV." Bäumler forderte stattdessen eine stärkere Beteiligung von Spitzenverdienern an der Finanzierung der Rente: "Die Beitragsbemessungsgrenze der Rentenversicherung muss von 6.700 Euro monatlich schrittweise auf 13.400 Euro verdoppelt werden."

Autor

 Deutsche Presseagentur