Gesundheit / 23.04.2018

Demografischer Wandel kein Kostentreiber

Neue Studie: Ausgaben der Krankenkassen nicht nur wegen Alterung der Versicherten gestiegen – Inflation und medizinischer Fortschritt sind wesentliche Faktoren

Bad Homburg (kjs). Die Entwicklung der Gesundheitsausgaben und der Einfluss des demografischen Wandels darauf werden kontrovers diskutiert. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass das Altern der Gesellschaft einen weitaus geringeren Einfluss auf die Kostensteigerung im Gesundheitswesen hat als bisher angenommen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der AOK Niedersachsen und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Untersucht wurden die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung der Bevölkerung. Danach haben sich die jährlichen Gesundheitsausgaben zwischen 1992 und 2015 absolut gesehen mehr als verdoppelt.

Daten des Bundesversicherungsamtes

Für die Jahre 2004 bis 2015 wurden die mittleren jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben anhand der Daten des Bundesversicherungsamtes ermittelt.

Grundlage der Altersverteilung der GKV-Bevölkerung waren offizielle Statistiken. Zur Ermittlung des Anteils der demografischen Entwicklung wurde die GKV-Altersstruktur konstant gehalten. Die so berechneten fiktiven Gesundheitsausgaben wurden in der Studie mit den tatsächlichen Ausgaben verglichen. Zusätzlich wurde der Anteil der Inflation und sonstiger Faktoren berücksichtigt.

Während ein gesetzlich Versicherter im Jahr 2004 noch durchschnittliche Ausgaben von 1.722 Euro verursacht hatte, waren dies im Jahr 2015 bereits 2.656 Euro – also 54,2 Prozent mehr. In den einzelnen Ausgabenbereichen wurden erhebliche Unterschiede in den Kostensteigerungen und im Einfluss der Demografie beobachtet.

Allerdings geht diese Kostensteigerung nur zu einem geringen Teil auf die demografische Entwicklung zurück.

Weniger Einfluss als vermutet

Bei einer gleichbleibenden Altersstruktur wären die Pro-Kopf-Ausgaben um 44,9 Prozent gestiegen. Lediglich 17,3 Prozent des durchschnittlichen Kostenanstiegs in der gesetzlichen Krankenversicherung lassen sich der Studie zur Folge auf die Alterung der Versichertengemeinschaft zurückführen. Folglich hat das Altern der Gesellschaft weit weniger Einfluss auf die Kostensteigerung im Gesundheitswesen als bisher angenommen.

Die Analyse verdeutlicht, dass die demografische Entwicklung nicht der häufig propagierte Kostentreiber im Gesundheitswesen ist. Die allgemeine Inflation (32,3 Prozent) und andere Faktoren, wie der medizinische Fortschritt und teure Medizinprodukte, üben mit 50,5 Prozent einen wesentlich größeren Einfluss aus.

Finanzierungslücken werden erwartet

Nach Ansicht der AOK Niedersachsen wird der demographische Wandel allerdings in den nächsten 15 Jahren zu Finanzierungslücken in der GKV führen. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Baby-Boomer-Generation aus dem Berufsleben ausscheiden, zahlen sie als Rentner weniger Geld in die GKV ein. Diese Einnahmen fehlen dann, um die Versorgung wie bisher zu finanzieren.

Weitere Informationen

link.springer.com
Die Studie von AOK und MHH wurde in der aktuellen Augabe des Bundesgesundheitsblattes (04/2018) veröffentlicht

Autor

Karl-Josef Steden