Rente / 11.10.2018

Die Rente: Einsichten eines Insiders

In einem spannenden Buch erklärt Rentenexperte Tim Köhler-Rama, wie unser Rentensystem funktioniert und wer es bedroht.

Bad Homburg (sth). An Lehr- und Fachbüchern über das deutsche Alterssicherungssystem herrscht kein Mangel. Zudem erscheinen inzwischen wöchentlich gleich mehrere, teilweise sogar täglich neue wissenschaftliche Studien, die einzelne Aspekte der Rentenversicherung und der kapitalgedeckten Altersvorsorge in Deutschland beleuchten – von aktuellen Debattenbeiträgen sowie Zahlen und Fakten ganz zu schweigen. Selbst Fachleuten und Internet-Fachportalen fällt es angesichts der Flut von Analysen immer schwerer, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden und die zahlreichen Studien auch noch zu lesen.    

In dieser Gemengelage hat es ein Buch, das auch noch mit dem eher wissenschaftlich-spröde klingenden Untertitel "Einführung in die politische Ökonomie der Alterssicherung" daherkommt, nicht leicht, sofort von einem größeren Publikum wahrgenommen zu werden. Dabei hätte es das 192 Seiten starke Werk "Das Rentensystem verstehen" des Berliner Rentenexperten Tim Köhler-Rama verdient, neben Studierenden und Dozenten an Hochschulen sowie in der Verwaltung der Rentenversicherungsträger auch viele an Rente und Altersvorsorge interessierte Laien als Leser zu finden. 

Fachbuch mit klaren Ansagen

Das Besondere an diesem Buch: Es erklärt nicht nur leicht verständlich, wie das deutsche Rentensystem funktioniert – und welch erhebliche Veränderungen es im System der gesetzlichen Rentenversicherung seit der Jahrtausendwende gab. Es macht auch schon ab der ersten Seite klar, worum es dem Autor – der als Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Berliner Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung arbeitet und zuvor lange das "Forschungsnetzwerk Alterssicherung" der Deutschen Rentenversicherung leitete – mit diesem Werk geht: Er ergreift Partei "gegen die neue deutsche Rentenpolitik, die seit 2001 das Ziel der Beitragssatzstabilität höher gewichtet als das Ziel der Lebensstandardsicherung".

Nach einer solchen Ansage ist es kein Wunder, dass die insgesamt sieben Kapitel des Buches nicht nur fachlich saubere Erklärungen liefern – zum Beispiel über den Zusammenhang von gedeckeltem Rentenbeitrag, nicht fixiertem Rentenniveau und unsicherer Gesamtversorgung im Alter. Köhler-Rama deckt auch detailliert auf, wie sich das vor allem von Politikern und Tarifparteien gelenkte "Rentensystem" in Deutschland zu einem von zahlreichen Interessensgruppen beeinflussten "Alterssicherungssystem" gewandelt hat. Zudem zeigt er, wie sich das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung auf das Wahlverhalten auswirkt.

Klientelismus

Der Berliner Rentenexperte hat auch keine Scheu, die von der aktuellen Bundesregierung eingeführten Leistungsverbesserungen wie "Rente mit 63" und "Mütterrente", die nur speziellen Wählergruppen zugute kommen, als das zu benennen, was sie sind: "Klientelismus". Eine solche Rentenpolitik diene nicht dem Erreichen übergeordneter Ziele, moniert Köhler-Rama – "und sie dient vor allem nicht dem Vertrauen der Menschen in das Rentensystem". Ein weiterer Kritikpunkt des Buches: Mit Neuregelungen wie etwa dem 2017 verabschiedeten Betriebsrentenstärkungsgesetz habe die Bundesregierung einen Teil ihrer politischen Verantwortung an die Tarifpartner abgegeben. Das Ergebnis aus Sicht Köhler-Ramas: Die Gewerkschaften dürften "künftig gegen Rentenniveauabsenkungen weniger laut opponieren", weil sie als Interessensgruppe in das neue Alterssicherungssystem verstrickt seien.

Sein Fazit: "Eine ausgewogene Rentenpolitik ist dringlicher denn je." Nur eine konzeptionelle, zielorientierte und transparente Alterssicherungspolitik könne der auch in Deutschland zunehmenden Tendenz zum Populismus entgegenwirken, so Köhler-Rama. Wichtig für eine langfristig erfolgreiche Rentenpolitik sei zudem Glaubwürdigkeit. Eine solche Politik benenne nicht nur die wichtigsten Ziele von Alterssicherung, sondern setze auch die dafür geeigneten Instrumente ein – "insbesondere ein empirisch fundiertes Sicherungsziel" und einen Mechanismus, der quasi automatisch für eine ausgewogene Verteilung der steigenden Alterssicherungskosten auf Beitragszahler, Rentner und Steuerzahler sorge. Ernüchtert stellt Köhlers-Rama fest: "Alle diese Elemente waren Bestandteil des Rentensystems bis zu dem Paradigmenwechsel 2001."

Mehr zum Thema:

www.wochenschau-verlag.de

Das Buch "Das Rentensystem verstehen" von Tim Köhler-Rama ist im Wochenschau Verlag, Frankfurt/M., erschienen und kostet 16,90 Euro (Print) oder 13,99 Euro (als pdf-Datei).

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen