Rente / 19.06.2019

Digitalisierung und die Zukunft der Rente

Münster-Konferenz der DRV Westfalen: Diskussion über die Veränderungen in der Arbeitswelt und Herausforderungen für die Sozialsysteme.

Münster (kr). „Digitalisierung heißt Veränderung“, sagte Prof. Volker Verch, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Rentenversicherung Westfalen, zu Beginn der Veranstaltung. „Nur eines ist sicher“, fügte er hinzu: „der Wandel.“

Wie der digitale Wandel eine Gesellschaft verändern kann, demonstrierte Riina Leminsky, Leiterin der estnischen Wirtschaftsförderung in Deutschland. Sie berichtete vom digitalen Umbau Estlands seit Anfang der neunziger Jahre. Inzwischen werden 99 Prozent der staatlichen Dienstleistungen und ebenso viele ärztliche Rezepte digital angeboten bzw. ausgestellt. Dabei dient das E-Rezept nicht nur der Ausgabe des Medikaments in jeder beliebigen Apotheke. Im Hintergrund werden gleichzeitig der Versicherungsstatus des Patienten, die Lizenz der Apotheke und eventuelle Unverträglichkeiten des Medikaments mit anderen Verschreibungen überprüft.

Möglich macht dies die sogenannte X-Road – eine Verbindung verschiedener Datenbanken. Sie ermöglicht es, das Esten mit nur einer einzigen Karte die verschiedensten Dinge erledigen können. Die Karte ist Personalausweis, Zahlungsmittel und Gesundheitskarte in einem. Mit ihrer Hilfe können die Nutzer jederzeit in ihr persönliches Datenkonto einsehen und selbst bestimmen, wer welche ihrer persönlichen Daten sehen darf.

Die Akzeptanz des Systems in der Bevölkerung ist groß. Inzwischen werden 96 Prozent der Steuererklärungen, 98 Prozent der Unternehmensgründungen und 99 Prozent der Bankgeschäfte online abgewickelt. Für Thomas Keck, Geschäftsführer der Deutschen Rentenversicherung Westfalen ein klarer Kulturunterschied zu Deutschland: „Esten vertrauen offensichtlich dem Staat und den Verwaltern ihrer Daten.“ Das sei in Deutschland nicht in diesem Maß gegeben.

Wandel der Arbeitswelt

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt hierzulande beschrieb Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaften. Er stellte unter anderem die Frage, wie sozialversicherungsrechtlich mit sogenannten Cloud-Workern umgegangen werden soll. Sie besorgen sich als selbstständig Tätige Aufträge über spezielle Plattformen im Internet – von wo aus immer sie diese dann abarbeiten.

Oliver Suchy vom DGB-Bundesvorstand legte den Fokus auf die Auswirkungen der Digitalisierung auf die bestehende Arbeitswelt. Derzeit sei die Beschäftigungssituation am deutschen Arbeitsmarkt gut, doch würden Szenarien zufolge bis 2030 mehr als 2,5 Millionen bisherige Arbeitsplätze wegfallen und gleichzeitig 2,7 Millionen neue entstehen. Dieser erhebliche Wandel bedeute für viele Menschen eine Verunsicherung. „Die Wertschöpfung wird komplett verändert“, sagte Suchy. Daraus würden sich Handlungsnotwendigkeiten ergeben, denn „Digitalisierung macht Arbeit nicht nur besser.“

In der anschließenden Diskussion machte der Braunschweiger Sozialrechtswissenschaftler Prof. Ralf Kreikebohm klar, dass sich die Zugehörigkeit zu den sozialen Sicherungssystemen noch immer am klassischen Beschäftigungsverhältnis orientiere. Dies werde aber zunehmend aufgeweicht. Daher stelle sich die Frage, wer künftig neben den klassischen Beschäftigten in die Sicherungssystem einzubeziehen sei und wer die dafür notwendigen Beiträge zu zahlen habe. Eine Erwerbstätigenversicherung?

Mit Qualifizierung den Herausforderungen begegnen

Dr. Rolf Schmachtenberg, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, verwies auf die Bedeutung von Qualifizierung, um den Herausforderungen der Digitalisierung begegnen zu können. „Wir müssen davon ausgehen, dass unsere Erwerbstätigkeit insgesamt bunter wird“, sagte er mit Blick auf Veränderungen durch die „Plattform-Ökonomie“ sowie in der bestehenden Arbeitswelt.

In der abschließenden Podiumsdiskussion zeigten sich Vertreter verschiedener Bundestagsfraktionen einig darin, dass man dem digitalen Wandel nicht nur negative Seiten abgewinnen solle. Hermann Gröhe (CDU) wünschte sich, „dass das Zukunftslied der Digitalisierung in Deutschland nicht permanent in Moll gesungen wird“.

Unterschiedliche Akzente setzen die Fraktionen allerdings bei der Frage nach den passenden Maßnahmen zur Gestaltung des digitalen Wandels. Katja Mast (SPD) sieht die große Koalition dank Einzelmaßnahmen wie zum Beispiel der Versicherungspflicht für Paketboten auf einem guten Weg. Johannes Vogel (FDP) will die nationale Weiterbildungsstrategie durch individuelle Weiterbildungsmaßnahmen ergänzen. Und Mathias W. Birkwald (Linke) fordert ein Recht auf Weiterbildung auch für ältere Arbeitnehmer.

Karl Schiewerling, Vorsitzender der Vertreterversammlung der Deutschen Rentenversicherung Westfalen wie zum Abschluss darauf hin, dass es bei der Gestaltung von Herausforderung vor allem darauf ankommen werde, Vertrauen in die sozialen Sicherungssysteme und ihre Anpassungsfähigkeit zu haben.

Autorenbild

Autor

Dr. Michael Krause