Rente / 17.10.2018

"Diskussion über sozialen Ausgleich nötig"

Rentenexperte fordert Kommission auf, neben Rentenniveau und -beitrag auch versicherte Leistungen in den Blick zu nehmen.

Hamburg/Bad Homburg (sth). Eine neue Diskussion über den Umfang der sozialen Ausgleichsleistungen im Rentenrecht hat der Berliner Rentenexperte Tim Köhler-Rama gefordert. Durch die Rentenreformen in den zurücklegenden Jahrzehnten seien eine Reihe früher rentensteigernd bewerteter Versicherungszeiten aus dem Leistungskatalog der Rentenversicherung herausgefallen, kritisiert Köhler-Rama in einem Beitrag für die Zeitschrift "Wirtschaftsdienst" (siehe Link unten).

Begründet worden sei dies mit einem Verweis auf die sogenannte Beitragsäquivalenz, der zufolge jedem gezahlten Rentenbeitrag später die gleiche Leistung gegenüberstehen müsse, so der Wissenschaftler. Es stelle sich angesichts der dadurch entstandenen Lücken in der Versicherungsbiografie vieler Menschen aber verstärkt wieder die Frage, "welche Risiken in welchem Umfang innerhalb des staatlichen Rentensystems versichert sein sollen".   

Identische Versicherungsbiografien – knapp 30 Jahre versetzt

Anhand eines Vergleichs der Versicherungsbiografie seines Vaters und seines eigenen – fiktiven – identischen Versicherungsverlaufs knapp drei Jahrzehnte später macht Köhler-Rama deutlich, dass vor allem der Wegfall der früher rentensteigernd berücksichtigten Ausbildungs- und (Langzeit-)Arbeitslosigkeitszeiten bei heutigen Versicherten zu erheblichen Renteneinbußen führt. So habe eine mehrere Jahre andauernde Phase der Arbeitslosigkeit seines Vaters fast fünf Entgeltpunkte für die Rente mehr eingebracht, als ein vergleichbarer Arbeitnehmer heute für diese Zeit erwarten könne. Ein Entgeltpunkt steigert die Rente derzeit um rund 32 Euro monatlich im Westen und etwa 30,70 Euro im Osten Deutschland (brutto).

Auch die schrittweise Kürzung der bewerteten Schul- und Hochschulausbildungszeiten von früher bis zu 13 Jahren auf derzeit 0 Jahre trage dazu bei, dass ein Beschäftigter mit derselben Versicherungsbiografie heute "nicht auf 43, sondern nur auf 35 Entgeltpunkte" auf dem Rentenkonto komme, rechnet der Experte vor. Köhler-Ramas Fazit: Die politisch entschiedene Abwertung sogenannter beitragsfreier Zeiten für die Rente bedeute letztlich "eine Auslagerung sozialer Risikolagen aus dem Rentensystem". Die Vermeidung von Altersarmut als zentrales Ziel staatlicher Alterssicherungspolitik werde "so immer mehr erschwert".

Mehr zum Thema:

https://archiv.wirtschaftsdienst.eu

Link zum vorgestellten Beitrag des Berliner Rentenexperten Tim Köhler-Rama in der Zeitschrift "Wirtschaftsdienst"

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Autor

Stefan Thissen