Rente / 13.08.2018

EM-Rentner auch künftig nicht reich

Trotz der geplanten weiteren Verbesserungen wird die Rente vieler chronisch Kranker weiterhin wenig über der Grundsicherung liegen.

Bad Homburg (sth). Die Debatte über die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) geplanten Verbesserungen bei den Erwerbsminderungsrenten (EM-Renten) droht, in eine problematische Richtung zu kippen. Nachdem eine Stellungnahme der Deutschen Rentenversicherung (DRV) bekannt wurde, der zufolge ab 2019 "in der Altersgruppe ab 60 deutlich mehr Anträge" auf eine EM-Rente zu erwarten seien, kursieren in der Öffentlichkeit Spekulationen über eine künftige Überversorgung vieler chronisch Kranker und Unfallopfer durch das von Heil geschnürte Rentenpaket. Die Arbeitgeberverbände und ihnen nahestehende politische Initiativen forderten bereits einen Stopp der Reform.

Ein Blick auf aktuelle Daten der DRV offenbart jedoch, dass Erwerbsgeminderte auch künftig nicht reich werden. Da ist zum einen das aktuelle Niveau der EM-Renten. Aufgrund der Reform der Renten für chronisch Kranke zu Beginn des Jahrhunderts waren die Ansprüche von Neurentnerinnen und -rentnern zwischen 2000 und 2011 im Schnitt von 706 Euro auf unter 600 Euro monatlich gesunken. Erst in den vergangenen Jahren – und verstärkt seit dem Rentenpaket von 2014 – legten die Bezüge der Frührentner wieder schrittweise zu: Wer im Jahr 2017 gesundheitsbedingt aus dem Beruf ausscheiden musste, bekam im Schnitt eine monatliche Nettorente von 716 Euro überwiesen. Sie ist damit erst jetzt wieder ähnlich hoch wie 17 Jahre zuvor. Zudem lag der durchschnittliche monatliche Grundsicherungsbedarf für die Betroffenen im vergangenen Jahr geschätzt bereits bei etwa 790 Euro – mit ebenfalls steigender Tendenz.

Grundsicherungsbedarf regional sehr unterschiedlich

Da der Grundsicherungsbedarf regional sehr unterschiedlich ist, weist auch die Differenz zwischen gezahlter Rente und Grundsicherung im Einzelfall große Unterschiede auf. Im Jahr 2016 war der Grundsicherungsbedarf nach Angaben des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen im Schnitt 771 Euro hoch – das waren 74 Euro mehr als eine durchschnittliche neue EM-Rente und 35 Euro mehr als eine volle Rente (siehe Link unten). Würde die Zurechnungszeit, wie von Sozialminister Heil geplant, ab 2019 vom Eintritt der Erwerbsminderung bis zum Alter von 65 Jahren und acht Monaten verlängert, würde sie sich für einen bisherigen Durchschnittsverdiener zwar rechnerisch um knapp 100 Euro erhöhen. In der Praxis gehören viele Erwerbsgeminderte jedoch oft wenig qualifizierten Berufsgruppen mit geringem Verdienst und entsprechend niedrigem Rentenanspruch an.

Deshalb können auch die krankheitsabhängigen, individuell deutlichen Unterschiede bei der Höhe der EM-Rente, die jetzt von den DRV-Statistikern zu Tage gefördert wurden, nicht überraschen. Wer etwa wegen einer Verhaltensstörung durch Medikamente oder Drogen im vergangenen Jahr erstmals eine Rente überwiesen bekam, fand laut den aktuellen DRV-Daten im Schnitt monatlich nur 438 Euro auf seinem Kontoauszug vor. Dagegen bezogen Arbeitnehmer, die wegen einer Krebserkrankung nicht mehr weiterarbeiten konnten, im Schnitt monatlich 802 Euro von der Rentenversicherung. Unter Letzteren gibt es nicht wenige, die im vor der Erwerbsminderung ausgeübten Beruf gut verdient hatten.

Tatsächliches Renteneintrittsalter entscheidend

Von großer Bedeutung für die von der DRV prognostizierte Entwicklung bei den Rentenanträgen Älterer wird schließlich sein, in welchem Alter chronisch Kranke und Unfallopfer künftig tatsächlich in die EM-Rente wechseln. Nach Zahlen der Rentenversicherer von 2016 waren rund 28.500 der insgesamt 174.000 neu Erwerbsgeminderten 60 Jahre oder älter. Vor allem in dieser Altersgruppe könnte es einem Teil der Betroffenen mithilfe verstärkter Präventions- und Reha-Leistungen künftig gelingen, die frühestmögliche Altersgrenze für eine Altersrente von derzeit 63 Jahren (Ausnahme: schwerbehinderte Menschen) zu erreichen.

Eine solche Verschiebung des Rentenbeginns dürfte den weitaus meisten der 52.000 Neu-Frührentner von 2016, die bei Beginn ihrer Erwerbsminderung zwischen 55 und 59 Jahren alt waren, dagegen wegen ihrer schweren Erkrankung kaum möglich sein. Im Schnitt traten Erwerbsgeminderte im Jahr 2016 mit 51,7 Jahren in den Vor-Ruhestand. Trotz der erreichten und erhofften weiteren medizinischen Fortschritte dürften auch künftig viele chronisch Kranke "gesundheitlich daran gehindert (sein), weitere Rentenanwartschaften zu erwerben", wie es in der Stellungnahme der DRV heißt. Deshalb sind die unterschiedlichen Höhen von EM-Rente und Altersrenten nach Ansicht der Rentenversicherer auch "sozialpolitisch gerechtfertigt".

Mehr zum Thema:

www.sozialpolitik-aktuell.de

Link zu einer Übersicht des IAQ über die durchschnittliche Entwicklung von Erwerbsminderungsrenten und des Grundsicherungsbedarfs von Erwerbsgeminderten (im pdf-Format)

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Autor

Stefan Thissen